13.1. Spurlos verschwunden
Ein Mann, ungefähr 1,80 m groß, dunkle
Haare, beige Cordjacke und einer dunkel-verwaschener Jeans, verließ den Bean
Post Pub um seiner Freundin noch die versprochene Curry-Nudeln vom
chinesischen Imbiss China Inn, abzuholen. Er hatte schon fünf Bier Intus,
aber dennoch war es nur ein Katzensprung, bis er dort sein würde. Er musste die
5th Ave hinunter laufen und eine Straßenkreuzung überqueren. „Schatz
ich bin dann gleich wieder da“, meinte er zu
seiner Freundin und klappte sein Handy zu. Im chinesischen Imbiss angekommen,
übergab der kleine asiatische Mann ihm die Tüte mit dem Essen.
Als er bezahlt hatte, verließ er den Imbiss und lief geradewegs zu seinem parkenden Auto, welches in der Nähe von der Kneipe stand. Beim überqueren der Straße, rempelte ihn ein völlig verstörtes Mädchen, sie müsste ungefähr Mitte 20 sein, versehentlich an. Ihr zotteligen braunen gelockten Haare, ihre verrutschte Jacke und die ängstlichen dunkelgrünen Augen, die aus ihrem leicht mondförmigem Gesicht mit kleinen Sommersprossen auf den Wangen, hervorstachen, deuteten daraufhin, dass sie vor etwas Angst hatte und deshalb so aufgebracht war. Kleinlaut entschuldigte sie sich bei dem Mann, der die weiße Tüte in der Hand hatte und lief hastig weiter.
Was um alles in der Welt war passiert, fragte sich der Mann im Gedanken, „Soll ich dich wieder zurück nach Hause fahren?“, bot er ihr an und folgte dem Mädchen mit seinen Blicken. Diese drehte sich im Laufen kurz zum Mann mit der kratzigen Stimme, wahrscheinlich hatte er durch das jahrelange Rauchen seine Stimmbänder kaputt gemacht, schüttelte mit einem verwirrten Blick den Kopf und lief schnell die Straße weiter hinunter.
Alex Burks, so hieß er, trottete zu seinem fast schon 16 Jahre alten Audi 80 - B4, er würde Freudensprünge machen, wenn er für seine Schrottkarre noch 1.000 Dollar bekäme, aber er vermutete eher, dass er drauflegen müsste um seinen dunkelblauen Audi loszubekommen. Wenn die Tür als aufging, fing sie an zu knarren und beim Hineinsetzen, rumpelte es unter ihm, als gebe es keinen anderen Morgen mehr. „Hoffentlich brauche ich nicht schon wieder so ewig, bis du anspringst.“ Während Alex mit einer Hand den Schlüssel in das Zündschloss steckte, mit der anderen die Tüte mit den Currynudeln auf dem Beifahrersitz legte, sah er in den Rückspiegel um ungefähr abzumessen, wie weit er nach hinten fahren müsste, um aus der Parklücke herauszukommen.
Doch im Spiegel sah er nicht nur das hinter ihm parkende Auto, nein er sah eine dunkle Gestalt auf den Rücksitz sitzen, die sich kaum bewegte. Diese saß direkt im Winkel, wo ein Handyladen ihren Schatten in das Auto fallen ließ, wodurch er nicht erkennen konnte, wer sich unerlaubt eingenistet hatte. „Wenn Sie ein Taxiunternehmen suchen, müssen sie nach gelben Autos suchen. Sorry, aber ich bin kein Taxifahrer, sie müssen daher leider aussteigen.“- Keine Reaktion. Langsam hatte Alex die Schnauze voll und wurde wütend. Er schnallte sich ab und wollte sich umdrehen, doch genau in diesem Moment klingelte sein Handy. Auf dem Display erschien der Name seiner Freundin, weshalb er schnell abnahm, „Honey wo bist du denn? Sicherlich ist mein Essen schon total abgekühlt, wie die eiskalten Temperaturen draußen.“
Noch bevor er etwas sagen konnte, wurde der Empfang schlechter. Er hörte seine Freundin nur noch in Bruchstücken und das Rauschen, welches hinzukam, erschwerte ihm ein anständiges Telefonat zu führen. Mit einem Male ging das Autoradio wie von Geisterhand an und die Lichter vom Display blinkten wie wild durcheinander, sowie wechselnde Zahlen, die kein Ende nahmen. Alex spürte hinter seinem Hals einen kalten Atemzug, der ihn langsam aber sicher einen Heiden Angst einjagte. Aufgeregt blickte er in den Spiegel und sah, wie sich die dunkle Gestalt bewegt hatte und nun direkt hinter dem Fahrersitz befand. Er griff zur Tür und wollte so schnell wie möglich aussteigen, doch eine eiskalte Hand packte seinen Arm und verhinderte sein vorhaben. Gewaltvoll wurde er auf den Rücksitz gezogen und erstarrte vor Verwunderung, als er das Gesicht der Person sah...
..: Der nächste Morgen :..
Tyler schlug am Küchentisch gemütlich
die New York Times auf, blätterte auf die Seite, worauf die
Wettervorhersagen abgedruckt wurde und hoffte inständig auf wärmeres Wetter. „Liebling
wir haben heute 2°C, zieh dich also warm an und pass auf den Straßen auf, sie
könnten vereist sein.“ Mit einem Schal in der
Hand beugte sich Ava zu ihrem Mann und gab ihn einen Kuss, „Wenn
ich meinen persönlichen Wetterfrosch nicht hätte, würde ich wohl total hilflos
dem Wetter ausgeliefert sein.“ Auf diese
Bemerkung hin, fingen Tylers Augen an zu glänzen. „Du
bist im siebten Monat schwanger und solltest eigentlich nicht Auto fahren -
deine Schokoladenmuffins können doch bis heute Abend warten, wenn ich von der
Arbeit zurückgekommen bin.“ Lachend schüttelte
Ava den Kopf, schlug den Schal um ihren Hals und verabschiedete sich von Tyler,
"Ich komm ja gleich wieder."
Als er alleine in der Küche saß, legte er die Zeitung beiseite, biss genüsslich in den Salamibrötchen und nahm danach einen kräftigen Schluck aus der Kaffeetasse. Kaum hatte er die Tasse auf den Unterteller abgestellt, erschien auf dem freien Stuhl Atropos neben ihm auf. Daraufhin verdrehte Tyler genervt seine Augen und bewegte seinen Kopf in Richtung Fenster. „Findest du nicht, dass du lang genug auf uns Sauer warst? Wir haben dir doch schon versucht zu erklären, dass wir euch nur schützen wollten“, fragte Atropos mit einem schuldbewussten Blick. „Wir können nicht kurz vor dem großen Kampf getrennte Wege gehen. Wir brauchen deine Hilfe für die Rettung von New York.“ Er weigerte sich zu antworten, doch als sie ihm einen kleinen Zeitungsausschnitt unter die Finger schob, richtete er seinen Blick auf das kleine Stück Papier. Im Stillen las er die Überschrift und wandte sich letztendlich doch zur Schicksalsgöttin.
Tyler holte tief Luft, lehnte sich etwas zurück und atmete wieder durch die Nase aus. Für einen Moment lang, ließ er die Anschuldigungen, die berechtigt waren, schließlich hatten Sie ihm und den anderen wochenlang verschwiegen, dass Hekate in Carmen wiedergeboren wurde, beiseite. In Atropos Gesicht konnte man eine Erleichterung sehen. Sie hatte wirklich schon befürchtet, dass Tyler sich weigerte ihnen zu helfen – Vier Wochen sprach er nicht mehr mit den Göttinnen und nicht mal Ava konnte ihn überreden, sein Kriegspfahl fallen zulassen – Dickköpfig halt. Doch zu seinen Eigenschaften zählten außerdem noch: zielstrebig, nachtragend und stur - so war Tyler schon damals, doch das machte den Krieger erst aus, was sich im Kampf gegen die Dämonen in der Vergangenheit gezeigt hatte.
„Seit
den letzten vier Tagen verschwanden schon spurlos weibliche, schwangere Frauen
und gestern, hatte man eine der vermissten wieder tot und total verschandelt
wiedergefunden. Laut der Autopsie wurde der 29-jährigen Bankkauffrau, Olivia
Schneider, gewaltvoll die Augen herausgerissen. Und zudem kommt noch, dass ihre
ganze Körperflüssigkeit ausgesaugt wurde.“ Nun
hatte Tyler völlig den Appetit verloren und schob seinen Teller, samt dem Kaffee
von sich weg. Er hatte das leise Gefühl, dass es sich hierbei um etwas
Übernatürlichem handelte. Welcher sterblicher würde so etwas Skrupelloses mit
einem Menschen machen? –Ein Psychopath sicherlich, aber das schloss er schon von
vornherein aus- „Dahinter steckt ein Dämon,
nicht wahr? Oder glaubt ihr, dass es sogar einer von den Ultimate Se7en war?“
Atropos nickte bestätigend und bat Tyler weiterzulesen. Tyler blieb danach nicht
unberührt. Darin stand, dass die Bankangestellte einen nun verwitweten Mann mit
einen neun jährigen Sohn hinterließ. Fakt war dadurch, dass die Dämonen nur zum
Spaß töteten und sich niemals Gedanken darüber machten, was für Folgen daraus
entstehen konnten. Im Vordergrund stand nur ihr Vergnügen und die Todesängste
ihrer Opfer…
Da der Anwalt wirklich wollte, dass die Dämonen die Bürger in Ruhe ließen, wollte er diesen das Handwerk legen. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, konnte man sich auf ihn verlassen. Er war nicht mehr derjenige, der noch wie vor einem Jahr sich gegen seine Bestimmung wehrte - In diesem Punkt hatte er sich schon verändert. Klar hatte er immer noch kleine Unsicherheiten in seiner Fähigkeit, aber dies würde er sicherlich bald in Griff bekommen. Er brauchte lediglich das Feingefühl für seine Kraft und das würde ihm Hekate, die Göttin der Hexerei, schon beibringen. „Welche Wiedergeburt von Dämon ist es diesmal?“, fragte Tyler. Der Anwalt merkte, dass Atropos ernster wurde. „Wir denken, dass es der Herrscher der Unterwelt war, denn das Aussaugen der Körperflüssigkeit und das herausreißen der Augen, trägt die Handschrift des Dämons.“ Unglaubwürdig verzog Tyler sein Gesicht. „Das Aussaugen der Flüssigkeit und die fehlenden Augen deuten daraufhin, dass die Dämonen ein Festmahl vorbereiten, denn die menschlichen Augen sind Delikatessen und die Körperflüssigkeit der dämonische Champagner“…
..: NYPD - Revier :..
Ethan hatte die Frühschicht, weshalb er schon um 7:00 Uhr früh im Revier saß und seine Ablage abarbeitete. Gestern wurde es ziemlich spät, weil Carmen und er zuerst im Kino „Shopaholic – Die Schnäppchenjägerin“ angesehen hatten und danach noch in einer Cocktailbar waren. Die Stunden vergingen wie im Flug, aber am nächsten Morgen machte sich der fehlende Schlaf doch deutlich bemerkbar. Deshalb gähnte er immer leise vor sich hin und versuchte mit einem extra starken Kaffee wach zu werden – die 4 Stunden Schlaf durfte man ihm nicht ansehen, dachte er. Während Ethan gegen seine Müdigkeit ankämpfen musste, hörte er wie jemand die Tür aufmachte, mit klapperten Schuhen, wahrscheinlich trug die Person über hohe Absätze, in das Revier hinein lief. Als er aus seinen Büro in den Flur sah, lief eine aufgeregte Frau direkt in sein Zimmer. „Sie müssen mir helfen. Mein Freund wollte gestern nach seinem Kneipenbesuch mein Essen im China Inn abholen und nach Hause fahren, doch er ist nicht aufgetaucht.“ Na und jetzt, dachte sich Ethan, vielleicht hatte ihr Freund es sich doch anders überlegt. „Mitten in unserem letzten Telefonat ist die Verbindung abgebrochen und danach hat er mich nicht mehr zurückgerufen.“
Ok – seine erste Vermutung, die eher im
ironischen Sinne war, war wohl falsch. Ethan versuchte sie zu beruhigen, da ihm
auffiel, dass sie immer nervöser wurde. „Könnte vielleicht ein Freund oder Freundin wissen wo er ist?“ Die Frau
schüttelte schnell den Kopf, „Ich bin die einzige, die Kontakt zu ihm hat. An
sein Handy geht er nicht mehr dran und auch sonst kann mir keiner weiterhelfen.“
– „Und wie heißt er?“
Zögerlich und mit einem leicht genierten Blick teilte sie dem Polizisten mit,
dass es sich um Alex Burk handelte. Bei diesen Namen riss
Ethan erstaunt die Augen auf.
Unzählige Bilder schossen in Bezug auf den Namen in Ethans Kopf. Vor 1 1/2 Jahren
war er der Hauptverdächtigte in einer dramatischen Kindesentführung. Das kleine
8-jährige Mädchen, Lisa Curwen, galt bis heute noch vermisst und niemand konnte
sagen, ob sie noch am Leben war. Alex Burks war die letzte Person, die mit ihr
Kontakt hatte und darum schien alles klar zu sein. Die Staatsanwaltschaft nahm
ihn sofort unter Verschluss und quetschte ihn aus. Zu ihrem Pech, fanden sie
keinerlei verdächtige Hinweise, die auf eine Entführung hinweisen konnten. Durch
die wacklige Theorie und der mangelnden Beweise, konnte der Anwalt Jason McGellegahr, der Arbeitskollege von Tyler, den Angeklagten frei sprechen.
Doch aufatmen konnte Alex Burks nicht, da seither sein ganzes Leben den Bach hinunter lief. Da die Entführung in allen Radio-Stationen und Fernsehnachrichten berichtet wurden, war Alex Burks kein unbekannter Mann mehr. Wütende Menschen beschimpften ihn auf der Straße, bewarfen seine alte Wohnung mit Eiern und schrieben Sucker oder Schlimmeres an die Wohnungstür. Er bekam täglich lästige Anrufe mit Beschimpfungen, empörte Briefe und sogar Morddrohungen. Seine Eltern, die ihn ebenfalls für Schuldig befanden, hatten sich von ihm abgewendet, seine Freunde und seine Verlobte ebenfalls – ja er stand unmittelbar vor der Hochzeit. Niemand wollte mehr mit einem Kriminellen zu tun haben. Er verlor seine Arbeit und musste sein erspartes Geld ausgeben. Sein Leben hing für ein Jahr lang am dünnen Seidenfaden.
Ihm blieb also nichts anderes übrig, als aus Brooklyn und ganz New York zu verschwinden, um endlich Ruhe vor der wütenden Gesellschaft zu haben – Arizona. Aber auch dies wurde zu seinem Verhängnis, da die Bürger in Brooklyn ihn dadurch nur noch mehr als flüchtigen Täter sahen. Trotz all seines Unglücks, lernte er vor knapp einen halben Jahr die geschiedene Molly Sailer kennen, die ihn aus seinem Tief herausgeholt hatte. Sie war auch diejenige, die ihm dazu überredet hatt, zurück nach New York zuziehen um ein Neubeginn zu starten. Doch nun war er seit gestern verschwunden.
Molly stand hilflos da und blickte
besorgt zu Ethan, der total in seinen Gedanken versunken war. Der Polizist war
im Übrigen selbst einer von vielen, der ihn für schuldig hielt, weshalb
er für einen kurzen Moment überlegte, ihn überhaupt aufzusuchen.
„Officer Bridgeman? Was wollen sie nun machen?“ Ethan konzentrierte sich wieder
auf die Frau, die vor ihm stand und ihn mit bittenden Augen ansah „Und wo war er
denn, als er sie angerufen hat?“ – „Er saß wahrscheinlich im Auto, da ich im
Hintergrund sein Radio hören konnte – Ein dunkelblauer Audi 80“ Ethan überlegte
kurz und meinte daraufhin, dass er jemand dort hin schicken würde. Er griff nach
dem Telefon und wählte die Kurzwahl seines Kollegen, Trevor Brand.
„Hey Trevor kannst du mal beim China Inn anhalten?“ - Kurze Stille. „Willst du etwa schon am frühen Morgen was Fettiges für deinen Magen?“ – „Nein, Miss.. äh“, Ethan stoppte kurz, weil er nicht wusste, wie die Frau hieß. Nachdem sie ihn mitgeteilt hatte, dass ihr Name Molly Sailer war, sprach er weiter. „Miss Sailer, vermisst seit gestern ihren Freund, Alex Burks...Ja, der Alex Burks… Kannst du mal schauen, ob dort irgendetwas Verdächtiges ist oder ob dort ein Attentat stattfand?“ Zögerlich, brummelte der Polizist ein Ja und meinte, dass er Ethan sofort anrufen würde, falls ihm was Merkwürdiges auffallen würde. Auch ihm war Alex Burks kein unbekannter, weshalb er anfangs ebenfalls zögerte. Dankend legte der Polizist auf und meinte, dass Miss Sailer ein wenig Geduld haben sollte. Unruhig lief sie hin und her und war total nervös. „Wollen Sie ein Glas Wasser oder sonst irgendetwas zu trinken? Sie können sich auch hinsetzen, wenn Sie möchten.“ Sie schüttelte den Kopf, „Wenn Sie Beruhigungstabletten oder Whiskey hätten, würden sie mir wahnsinnig helfen.“ Mit zusammengezogener Augenbraue sah Ethan sie nur an und setzte sich auf seinen Stuhl. Ein kleiner Jingle ertönte aus dem Lautsprecher des PCs, was bedeutete, dass Ethan eine Email erhalten hatte. „Einen Moment bitte“, bat der Polizist und klickte auf ok, um die elektronische Nachricht zu öffnen.
„Die Wahrheit kommt immer ans Tageslicht, du wirst es schon sehen.“ Darunter war ein Bild von einer Frau angehängt. Der Anblick war erschreckend. Ihre Jacke wurde aufgeknöpft, der Pullover wild zerrissen und blutverschmiert. Ihre Augen waren vor Angst weit aufgerissen, sowie der Mund, als hätte sie vor ihrem Tod noch vergeblich um ihr Leben geschrien..
Fortsetzung: 12.3. Eingebuchtet