16.1. Keine Solonummer
.: Kings County Hospital :.
"Dwight
ist auf den Dach und droht in die Tiefe zu stürzen! Komm..."
Carmen stockte mitten im Gespräch der Atem. "Carmen?
CARMEN?!", ertönte es schreiend aus dem Telefon,
die jedoch unbeantwortet blieb. Die immer mehr werdende Menschenmenge hielt
ebenfalls den Atem an, weil in dieser Sekunde, die Frau den Mann losgelassen
hatte und er in einer hohen Geschwindigkeit in die Tiefe stürzte. Sie hielten
die Luft an, schrien entsetzt und einige hielten sich die Augen zu, weil sie den
Aufprall nicht sehen wollten auch wenn sie womöglich Zeuge eines Mordes waren...
Ängstlich drehte Carmen ihr Gesicht zu Seite und hielt sich dabei fest die Ohren zu. Sie wollte Dwights Sturz vom Dach aus nicht sehen, da die Vorstellung allein schon viel zu schrecklich war. Als sie nach einer Weile langsam die Augen aufmachte, herrschte noch mehr Aufregung und Verwunderung. Der graue Betonboden, der sich sicherlich nicht wie ein weiches Kopfkissen anfühlen würde, war nur noch zehn Meter von dem fallenden jungen Mann entfernt, der selbst nicht mehr an seine Rettung vor dem Aufprall glaubte. Die Vorstellung, dass der Sturz sein ganzes Leben auslöschen würde, zusammen mit all seinen Träumen, Wünschen und Pläne an die er so mühsam gearbeitet hatte, jagte ihm noch mehr Angst ein, als der Schmerz vom Aufprall an sich.
Er war doch nicht in die Vergangenheit gereist um dort zu sterben? Nein, im Gegenteil - Er wollte die Vergangenheit und die Zukunft vor etwas Grausamem beschützen, was in wenigen Sekunden nicht mehr machbar wäre. Die entsetzten Blicke, die panischen Augen, die weit offenen stehenden Münder und verängstigen Gesichter waren immer deutlicher zu erkennen, weil er nur noch wenige Meter vom Boden entfernt war. ‚Jetzt ist alles vorbei‘, dachte Dwight und schloss seine Augen um das schlimmste nicht sehen zu müssen.
Plötzlich wurde es völlig still und die Menschen hatten aufgehört zu schreien. Während er seine Augen fest zusammengedrückt hatte, merkte er, wie der Wind aufhörte, gegen seinen ganzen Körper zu pressen. Aus irgendeinem Grund, rührte er sich keinen Zentimeter mehr und hing schwebend in der Luft. Durch die Stille konnte er nun deutlich seinen rasenden Pulsschlag und sein schwer nach Luft schnappender Atem hören. Vorsichtig traute er ein Auge zu öffnen und war völlig außer sich, als er die erstarrten Menschen erblickte. Die Zeit war stehen geblieben und er konnte sich nicht ausmalen, wer das getan haben sollte.
Aus der Menschenmenge heraus, drängte sich Hekate hervor, die sich anscheinend
wieder erholt hatte. „So hilflos in der Luft
zuhängen ist nicht gerade angenehm, nicht wahr? Warte, ich helfe dir.“
Hekate beamte sich zu Dwight, der immer noch ein mulmiges Gefühl wegen seiner
Beweglosigkeit hatte und befreite ihn aus seiner Lage.
Als er wieder festen Boden unter sich hatte, fühlte er sich wieder sicher und
blickte auf das Dachrand hinauf, wo die versteinerte Krankenschwester
schadenfreudig herunter geschaut hatte. Es war deutlich zu erkennen, dass sie es
kaum erwarten konnte, Dwight reglos und tot am Boden zusehen.
Gerade als Dwight vorschlagen wollte, erneut gegen die Dämonin anzukämpfen, riet
ihm die Göttin von hier zu verschwinden, da die Zeit nicht mehr lange angehalten
werden konnte. „Na gut, aber dann muss ich zu
meinem Vater und ihm helfen.“ Hekate war damit
einverstanden und löste sich zusammen mit ihm fort.
Kaum waren die beiden weg, lief die Zeit wieder normal ab. Die Menschen, die
immer noch hinauf gestarrt hatten, waren völlig euphorisch, als sie Dwight nicht
mehr sehen konnten. „Wie ist das möglich?“,
fragte eine Frau mittleren Alters zu einen Nebenstehenden, der nur unwissend mit
der Schulter zuckte.
„Merkwürdig. Wirklich merkwürdig“,
faselte die Reporterin Claire Nolan und nabelte sich von der Menschenmenge ab.
In der Hand hatte sie immer noch ihre Kamera und war der festen Überzeugung,
dass sich gerade etwas Seltsames und Außergewöhnliches abgespielt hatte. Sie
wollte zurück in die Redaktion, um einen Bericht über diesen mehr als fraglichen
Tag zu verfassen. Vielleicht brachte genau dieser Bericht, sie in ihrem Job
weiter…
Genauso
wie die Personen vor dem Krankenhaus, war auch Carmen überfragt. Sie wusste,
dass irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugehen konnte und wollte sich darum
kümmern, wen sie die Neugeborene aus dem Auto der Moiren geholt hatte.
Auf halber Strecke kamen ihr die Moiren - mit jeweils einem Baby im Arm -
entgegnen. Verwundert lief Carmen auf sie zu und fragte, wieso sie nicht im Auto
gewartet haben. „Die Babys wurden im Auto unruhig“,
meinte Klotho mit sichtbaren Bemühungen, das Kind ruhig zu stellen. „Und
so haben wir uns entschieden, nicht länger im Auto zu warten und siehe da, sie
haben aufgehört zu weinen.“ Atropos blickte an
Carmen vorbei und sah die versammelte Menschenmenge, die sich jedoch langsam
auflöste. „War da gerade etwas Besonderes oder ist
das normal, dass sich so viele vor dem Krankenhaus versammeln?“
Carmen drehte sich kurz um und meinte, dass sie auf dem Weg ins Krankenhaus erzählen werde, was gerade passiert war. Sie berichtete ihnen von Dwights freiem Fall und das mysteriöse Verschwinden kurz bevor er auf den harten Betonboden landen konnte. Dass eine getarnte Dämonin als Krankenschwester verantwortlich war, unterbreitete sie den Göttinnen ebenfalls. „Nur merkwürdig, dass sie noch da war, als er verschwunden war. An ihrer Reaktion konnte ich erkennen, dass sie sich ziemlich darüber geärgert hatte, ihn nicht tot auf den Boden aufgefunden zu haben, was sie natürlich ausschließen lässt, dass sie diejenige war, die für Dwights verschwinden verantwortlich ist.“
„Merkwürdig, aber das passt zur Unruhe, die zurzeit bei den Dämonen herrscht.“ Atropos befürchtete das Verhalten der Dämonen auf Dauer für ziemlich gefährlich und war deshalb der Meinung, dass sie schnell handeln sollten. Nur noch wenige Personen waren vor der Tür des Krankenhauses, weshalb die Frauen ohne großes Aufsehen zu erregen, eintreten konnten. Als sie an der Rezeption warteten, da Carmen die zuständigen Schwestern informieren wollten, sichteten die Göttinnen Isaac und Tyler, die gerade aus dem Treppenhaus liefen. Auch sie hatten die Frauen entdeckt und liefen direkt auf sie zu. „Wo ist Dwight?“, fragte Tyler aufgeregt und schnaufte schwer, da er die Treppen hinunter gesaust war und deshalb völlig außer Puste war – Das Fitnesstraining mit Ethan, vermisste er somit in vielerlei Hinsichten. Aber auch Isaac schnappte nach Luft und hatte seine Hand auf seinen Knien abgestützt um wieder zu Kräften zu kommen. „Wir wissen es nicht“, gestand Carmen kleinlaut und bat sie, kurz von den Tresen zu warten.
.: Kingsboro Psychiatric Zentrum :.
Apollon und Artemis brachten Violet, Ava und Klein-Dwight in das Kingsboro
Psychiatric Zentrum, weil sie dort den größten Schutz vor den Dämonen hatten.
Der im antiken Griechenland als Seher bekannte Melampus, wurde später
durch seine guten Taten als Propheten angesehen und galt nach seinem Ableben,
als einer der wichtigsten Propheten neben den vier größten Propheten:
Daniel, Ezechiel, Jeremia, Isaias. Da er in
der Geschichte nie als Propheten erwähnt wurde, wunderte es ihn nicht, als er
fragende Blicke von Violet und Ava bekam, nachdem er ihnen mitteilte, dass er in
Carson Dearings Körper weilte.
„Ich wurde vom Herrn höchstpersönlich geschickt um
die schrecklichen Pläne der Ultimate Se7en und der Dämonen zu stoppen. Der
kleine Dwight braucht einen besonderen Schutz, da er der Schlüssel für Dáfnis
ultimativer Kraft ist.“
Violet
schien etwas genervt oder einfach nur unruhig zu sein. Sie tippte ihren Fuß
gegen den Boden auf und ab und hatte ihre Arme stramm vor der Brust verschränkt.
„Das wissen wir bereits. Ich glaube uns ist es
wichtiger, wie ihr uns vor den Dämonen beschützen wollt. Was ist hier anders als
in unserer Wohnung, außer dass wir alle in einem 15 m² engem Zimmer festgehalten
werden und aufpassen müssen, nicht über die eigenen Füße zu stolpern.“
Nach wie vor konnte Violet den dreien nicht wirklich trauen, was sie auch
deutlich zeigte. Ava, die immer noch mit ihrer Müdigkeit kämpften musste, funkte
Violet dazwischen, indem sie Carson oder besser gesagt Melampus fragte, wo sie
sich denn hinlegen konnte.
Er zeigte ihr das einzige Bett in diesem Raum, der noch kleiner war als der im Krankenhaus. Da Ava zu kaputt war und außerdem nicht anspruchsvoll war - auch wenn sie in ihren Zimmer ein zwei Meter breites Bett mit Tyler teilte - schlenderte sie mit dem kleinen Dwight im Arm direkt auf das Bett zu. „Kannst du mir bitte helfen?“ Ava schaute zu ihrer Tochter, die sofort zu ihr gelaufen kam und ihren Bruder kurz in den Arm nahm. Der kleine Dwight schien einen sehr guten Schlaf zu haben, denn in den letzten paar Stunden, hatte er nicht ein einziges Mal seine Augen geöffnet und somit auch nicht geweint. Sie krümmte ihren Hals und richtete ihr rechtes Ohr in die Richtung des kleines Babys – Voll niedlich, wie es leise vor sich hin atmete und obwohl er noch so winzig war, konnte sie Dwights Gesichtszüge erkennen, die er im späteren Alter nach wie vor behielt.
Violet übergab den Kleinen ihrer Mutter, nachdem sie sich im Bett bequem gemacht
hatte und setzte sich an den Bettrand und drehte ihren Körper zu den Göttern.
Artemis und Apollon standen am Fenster und hielten nach irgendetwas oder
irgendjemanden Ausschau. „Was ist denn so
interessant, dass ihr ununterbrochen nach draußen schaut?“
Apollon wandte sich kurz zu Violet und beantwortete ihre Frage, „Wir
halten nach Herophile Ausschau“, danach wendete er
sich wieder dem Fenster zu. Doch der Name sagte Tylers Tochter absolut nichts,
weshalb sie weiterbohrte. „Und wer ist Herophile?
Ich habe im Geschichtsunterricht keine griechische Mythologie durchgenommen. Ihr
dürft daher nicht alles so selbstverständlich nehmen.“
Ohne jegliche Ankündigung, fingen die Lichter im Zimmer an zu flackern. Doch
nicht nur dort gab es Probleme mit den Lichtern, sondern auch die Laternen im
Hof und sicherlich im ganzen Gebäude. „Sie ist da“,
sagte Artemis und begab sich zur Tür.
Seelenruhig lief Dr. Charlotte McLean den Gang entlang, an den Mitarbeiter vorbei, der während dem Laufen erstarrt war und der rechte Fuß noch vom Schritt in der Luft hing. Das Glas auf dem Tablett wollte er ausbalancieren, da er das Gleichgewicht verloren hatte. Er wollte verhindern, dass das umgekippte Glas mit dem Inhalt auf den Boden fiel, aber wie in einem Film blieb alles genauso in der Position stehen, nachdem jemand auf die Stop-Taste gedrückt hatte.
Anscheinend wusste Charlotte genau, wohin sie laufen wollte und so steuerte sie direkt das Zimmer, worin Carson Dearing und die Anderen waren, an. „Hallo Herophile, wir haben schon auf dich gewartet."
.: Kings County Hospital :.
Als Carmen sich wieder zur Schwester am Empfang wandte, teilte sie ihr die
derzeitige Situation mit: „Die Krankenschwestern
sind momentan unterbesetzt, weshalb Schwester Paula sie in die Säuglingsstation
begleiten wird.“ Die braunhaarige Krankenschwester,
die im Übrigen ihre Frisur mit einigen blonden Strähnchen aufgepeppt hatte, lief
daraufhin hinter dem Tresen hervor und bat sie höflich, ihr zu folgen. Geduldig,
warteten sie vor dem Aufzug und sahen sich stillschweigend, aber dennoch mit
leichter Besorgnis an. Tyler und Isaac, die den Frauen kommentarlos gefolgt
waren, stupsten während des Wartens die junge Polizistin an. „Du
wolltest uns sagen, was mit Dwight passiert ist.“
„Dwight
hat sich in Luft aufgelöst“, sagte sie leise zu den
Kriegern und warf immer wieder kurze Blicke zur Krankenschwester, die das
Gespräch nicht mitbekommen sollte. „Gerade war er
noch in Lebensgefahr und auf einmal hat er sich in Luft aufgelöst. Ich bin mir
nicht sicher, aber ich glaube, dass übernatürliche Kräfte im Spiel sind.“
Nachdenklich bildeten sich Sorgenfalten auf Tylers Stirn, die er zu gerne
ablegen würde, aber in diesem Moment nicht konnte: „Hat
er das getan oder jemand anderer?“ „Ich
weiß es nicht. Er war wie gesagt auf einmal verschwunden“,
entgegnete Carmen ihn und hörte die Klingel des Aufzuges, woraufhin sie alle in
den Aufzug einstiegen und das Gespräch vorläufig unterbrachen.
„Wo haben Sie denn die Babys gefunden?“, fragte Schwester Paula als die Aufzugstür zu ging und der Lift sich nach oben bewegte. Auf diese Frage hatten die Göttinnen gewartet, auch wenn ihnen lieber gewesen wäre, diese nicht beantworten zu müssen. Da sie jedoch die Notlüge vorher besprochen hatten, teilte Atropos mit, dass sie bei dem abendlichen Joggen im Park, zufällig auf die Kleinen gestoßen waren - Hinweise zum Entführer gab es jedoch nicht. Obwohl es anfangs so schien, als würde die Krankenschwester es Atropos nicht abkaufen wollen, war Schwester Paula letztendlich nur froh, die Neugeborenen ihren Eltern zurückgeben zu können. „Ich hoffe, dass Sie den Entführer überführen können und ihm die gerechte Strafe erteilen“, sagte die Krankenschwester mit dem Blick auf Carmen gerichtet, „Aber auf jeden Fall bin ich Heil froh, dass den Kindern nichts passiert ist. Also Danke vielmals.“
Die angespannte Haltung von Klotho lockerte sich etwas, da sie doch unsicher war, ob die Lüge aufliegen würde. Die Frauen schienen im Gespräch so vertieft zu sein, dass sie nicht bemerkten, wie Tyler sich erschöpft an die Wand lehnte und die Augen schloss. Er wollte kurz ausschalten, doch auch das war ihm wohl nicht gestattet, denn er erhielt eine neue Vision, die der vorherigen Widersprach – Hatte sich die Zukunft durch sein Handeln verändert? Würde der Krankenhausaufenthalt anders verlaufen, da Violet nicht wie in der Vision anwesend war und wurde deshalb die Karten neu gemischt? Es schien, als ob es darauf hinauslaufen würde, denn obwohl die Vision nur einen kurzen Zeitabschnitt zeigte, unterschied sie sich mit dem Massaker der vorherigen Vision.
*** Tylers Vision ***
Tyler stand mitten in der Säuglinsstation und beobachte das Geschehen als
unbeteiligter. Er sah sich selbst, wie er mit den Moiren, Isaac und Carmen
hilflos an der Tür stand und zusehen musste, wie die Krankenschwester an der
Decke gefoltert wurde. „Sag mir wo dein Sohn ist“,
befahl die als Krankenschwester Caroline getarnte Dämonin, die für das ganze
Verantwortlich war.
Als Tyler seinen Blick von der Decke lösen konnte und seine Augen sich nach
links zur Wand bewegten, musste er mit Entsetzen feststellen, dass auch Dwight
und Hekate in der Fuchtel von der Dämonin war. Sie wurden an die Wand gedrückt
und konnten sich nicht befreien. „Mach endlich dein
Mund auf, ansonsten werde ich mich an deinen Sohn aus der Zukunft vergnügen!“…
***
Tyler riss vor Schreck seine Augen auf und schnappte gleichzeitig stark nach Luft, was natürlich nicht unbemerkt blieb. Alle Augen waren auf ihn gerichtet und jeder im Aufzug fragte sich, was dem Anwalt passiert war. Während die Krankenschwester sich nicht erklären konnte, weshalb der junge Mann innerhalb weniger Sekunden einen so starken Schweißausbruch haben konnte, fragten sich die Anderen, was er denn gesehen hatte – Da sie in den letzten Eineinhalbjahren Tyler sehr gut kennengelernt hatten, wussten sie, wie er nach einer Vision reagierte.
Doch
noch bevor jemand eine Frage stellen konnte, ertönte das Klingeln des Aufzuges,
was bedeutete, dass sie in der vierten Etage angekommen waren. Ohne eine Sekunde
länger zu warten, stürmte Tyler den lagen Flur hinunter, gefolgt von Isaac,
Carmen und den Moiren. Die Krankenschwester dagegen hatte mit ihren kurzen und
untrainierten Beinen Probleme nachzukommen, weshalb die sechs sie mit
Leichtigkeit abhängen konnten, was ihnen auch lieber war. Und so gelangten sie
mit einem großen Abstand in den hinteren Block des Flures, hielten vor dem
vorletzten Zimmer auf der rechten Seite stehen und starrten erschüttert in die
Säuglingsstation.
Wie in Tylers Vision klebte die eine Krankenschwester an der Decke, Blutverschmiert und völlig bleich im Gesicht. Ihr Gesichtsausdruck war voller tausende unbeantwortete Fragen und Angst - Todesangst. Direkt unter ihr stand Schwester Caroline, die in Wirklichkeit dämonisch war und für das Leid der schwerverletzten Krankenschwester verantwortlich war. Eine lange und tiefe Schnittwunde war am Bauchbereich zu erkennen, das Blut verfärbte die grüne Krankenschwesteruniform und lies die Stellen bräunlich erscheinen. Das restliche Blut, welches an der Kleidung nicht haften blieb, tropfte direkt auf die Stirn der Dämonin, die jedes Mal genussvoll die Augen verdrehte.
„Hallo Tyler“, begrüßte die Dämonin den Anwalt mit einem frechen Grinsen und stierte an die Decke hinauf. „Du bist so leicht durchschaubar, mein Lieber. Will man dich zu Gesicht bekommen, dann braucht man einfach nur ein Lockvogel.“
Die Tür knallte hinter ihnen zu und zum Vorschein kamen Dwight und Hekate, die
an der Wand festgehalten wurden und sich nicht davon befreien konnten. „Dwight“,
rief Tyler erschüttert und wollte zu seinem Sohn eilen, was ihm jedoch verboten
wurde. „Nicht so stürmisch, du willst doch nicht,
dass dein zukünftiger Sohn sein hübsches Gesicht verliert.“
Die Drohungen gingen dem Anwalt und den anderen gewaltig gegen den Strich, doch
was konnten sie tun? „Sag mir wo dein neugeborener
Sohn ist“, befahl die als Krankenschwester getarnte
Dämonin, wie in Tylers Vision…
Carmen riet den Göttinnen zu verschwinden, da sie immer noch die Kleinen im Arm
getragen hatten. Da dieser Vorschlag mehr als Vernünftig war, flüchteten sie in
ein freies Zimmer, wo sie ein zügig eine Schutzwand gegen Dämonen aufbauten und
sich anschließend um die kleinen kümmerten.
Dabei erinnerten sich die Moiren an die alten Zeiten, wo sie abwechselnd auf
verschiedene Kinder von Göttern aufpassen mussten und sich manchmal gewünscht
hatten, selbst eigene Kinder zuhaben. Vielleicht könnten sie ja eines Tages
diesen Wunsch realisieren, was aber bedeuten würde, dass sie als Göttinnen nicht
mehr weiterleben dürfen und zu Menschen werden mussten.
Doch wer sollte ihren Platz einnehmen? Sie kannten keine Anwärter und in dieser
kritischen Lage, war wohl der Wunsch nach Kinder fehl am Platz. Die große
Schlacht stand an und da sollten sie sich lieber Gedanken machen, wie sie die
Neugeboren und die anderen lebenden Menschen vor den Dämonen retten konnten.
Dass sie absolut ratlos waren und auf Hilfe hofften, konnte man in ihren
Gesichtern deutlich erkennen. Zu dieser Zeit wussten sie jedoch nicht, dass
Hilfe bereits unterwegs war – Seufzend sahen sich die Schwestern an und man
merkte die Enttäuschung, die in ihnen herrschte...
.: Kingsboro Psychiatric Zentrum :.
Herophile war die erste Prophetin in der griechischen Mythologie und unterschied sich im Gegensatz zu den anderen in mehreren Punkten. Sie verpackte ihre Prophezeiungen in Lieder oder Rätseln und teilte diese unaufgefordert mit. Mithilfe ihrer Kette und einem recht seltenen Anhänger in Form einer Diamantkugel, konnten die Menschen in ihren Gedanken die Zukunftsvisionen der Propheten empfangen. Dabei leuchtete die Kugel immer hell auf und die Strahlen trafen die Menschen direkt in die Mitte der Stirn.
„Wir werden euch nun hier bei Melampus und Herophile lassen. Mit ihnen und den Dämonenschutzschild werdet ihr also keinen unerwarteten Besuch von Dämonen oder sonst irgendjemand bekommen.“ Artemis wollte gerade das Zimmer verlassen, als Violet noch eine Frage in den Raum warf: „Was wollt ihr denn machen?“ Mit einer schwer einzuschätzenden Miene, lächelte sie in sich hinein. „Wir versuchen euch vor dem Fegefeuer zu bewahren.“ Mit diesen Worten verabschiedeten sich Artemis und Apollon, die auf dem Weg zu Themis waren, da sie bereits auf die beiden wartete.
Violet setzte sich auf den freien Stuhl und starrte unbeholfen aus dem Fenster. Sie fühlte sich irgendwie eingesperrt, im Gegensatz zu ihrer Mutter Ava, die sich mittlerweile hingelegt hatte und ihren Sohn nah zu sich zog um ihn das Gefühl zugeben, dass seine Mutter immer in seiner Nähe war…
.: Kings County Hospital :.
Tyler blickte ein weiteres Mal an die Decke und sah direkt in die verängstigten Augen von Schwester Fiona, die ihn flehend ansah, aber nicht mehr die Kraft hatte, etwas zu sagen. Sie hatte so viel Blut verloren und mit jeder Minute, die verstrich, fiel es ihr schwerer, bei Bewusstsein zu bleiben. Die Dämonin wurde ungeduldig und streckte ihre Arme in die Richtung von Dwight: „Mach endlich dein Mund auf, ansonsten werde ich mich an deinen Sohn aus der Zukunft vergnügen!“ Sie ballte ihre Hand zu einer Faust und verursachte bei Dwight höllische Schmerzen, weil sein Brustkorb zusammengedrückt wurde. Er bekam Atemnot und schrie qualvoll. „Halt!“, schrie Tyler verzweifelt, woraufhin die Dämonin mit ihrer Folter kurz aufhörte.
„Dad, du darfst nicht sagen wo die Anderen sind!“
Dwight biss sich auf die Zähne und hatte seine Augen zusammengedrückt. „Wenn
du ihr sagst, wo Klein-Dwight ist, haben wir verloren!“
Was sollte Tyler denn bloß machen? In beiden Fällen ging es um Dwight, sei es
der aus der Zukunft oder aus der Gegenwart. Die Ratlosigkeit war auch in den
Gesicht von Carmen und Isaac zu sehen, was der Dämonin wahnsinnig freute, da sie
genau wusste, dass alles nach ihrer Nase lief. In ihrer Arroganz, merkte sie
jedoch nicht, wie Hekate die Kontrolle über ihren Körper wiederbekam und einen
Gegenangriff plante.
Zu Überraschung aller, kam Schwester Paula ihr zuvor, denn gegen alle
Erwartungen, war auch sie mittlerweile angekommen und hatte die Tür weit
aufgerissen. Völlig entsetzt starrte sie erst auf die Decke, dann zu Dwight und
Hekate. „Das darf doch nicht wahr sein“,
stotterte die Krankenschwester mit entsetzen Blicken.
Auch die anderen waren überrascht und konnten nur unglaubwürdig auf die
aufgewühlte Krankenschwester starren. „Bist du etwa
für das Chaos hier verantwortlich? Wie hast du das geschafft?“
Schwester Paula lief langsam wieder Rückwärts, da sie Hilfe holen wollte. Da die
Situation außer Kontrolle geriet, die Krieger und Carmen völlig überfordert
waren, ließen sie die Krankenschwester davonrennen.
Hekate jedoch nutzte den unerwarteten Zwischenfall für sich und schmetterte
einen Füller, der auf dem Schreibtisch auf einer Akte lag, direkt in Carolines
Brust. Die Dämonin spuckte Blut und bemühte sich den Füller wieder aus ihrem
Körper zu entfernen. Sie rechnete aber nicht damit, dass Isaac ihr einen
kräftigen Tritt in den Magen verpasste und sie dadurch zu Boden fiel und gegen
ein leer stehendes Babybett knallte. „Ihr wagt
es...“ Die Dämonin blickte in die Runde und
erkannte, dass sich das Blatt gewendet hatte. Es war also Zeit, sich aus dem
Staub zu machen.
Noch bevor sie waagemutig aus dem Fenster sprang, nahm sie wieder ihre dämonische Gestalt an. Die getarnte Krankenschwester war niemand anderer als die Hexe Lilith persönlich, was schließlich das Fehlen unter den übrigen Ultimate Se7en in der Dämonenunterkunft erklärte. Sie war also diejenige, die Dáfni mit Neugeborenen versorgte und deshalb nicht mit den Anderen im Haus gegen Tyler und die Anderen gekämpft hatte…
Mit ihrem Verschwinden, konnte sich auch Dwight von der Wand befreien, aber auch Schwester Fiona, die im Sterben lag, knallte wie ein Mehlsack zu Boden. „Sie braucht Hilfe“, rief Carmen, als sie neben der blassen Frau kniete und erste-Hilfe leistete. Schnell kam Hekate zu ihr und versuchte die Wunden zu schließen, was ihr auch gelang - Etwas später und sie hätte die Heilung jedoch vergessen können. Das blasse verschwand langsam, aber dennoch brauchte die Schwester Ruhe, weshalb sie auf einen Stuhl gebracht wurde.
„Was war das gerade eben?“, fragte die Krankenschwester erschöpft und völlig verwirrt. Ihre Augen wanderten zuerst zu Isaac der die Station verließ und danach zu Tyler, der einfach nur froh war, dass seine Befürchtungen durch seine Vision nicht bewahrheitet wurden - Seinem Sohn ging es gut – Gott sei Dank! „Nächstes Mal sprechen wir uns ab, bevor einer von uns eine Solonummer durchzieht, verstanden?“ Dwight konnte die Erleichterung in Tylers Gesicht klar und deutlich erkennen, weshalb er ihm einfach nur zunickte und nicht widersprach.
Fortsetzung: 16.2. Orakel von Delphi