16.3. Keine Hoffnung
.: Jack Lewis :.
Nach
nur zwei Stunden Schlaf, einem sehr klein ausgefallenem Frühstück und ein kurzes
Gespräch mit der Familie, das nach der Arbeit vertieft werden sollte, tauchte
Tyler kurz vor 14 Uhr in der Kanzlei auf. In seiner Hand war ein
halbausgetrunkener Kaffeebecher – mit zwei Würfeln Zucker und einem Schuss Milch
- einem weißen Deckel, um zu verhindern, dass nichts verschüttete. Der
Kaffeeduft drang noch bevor die Sekretärin am Empfang Mister Carrendoor
erblickte, in ihre Nase hinein woraufhin sie kurz ihre Augen vom prallgefüllten
Kalender ließ und zum Eingang blickte.
„Guten Tag, Mister Carrendoor“,
ertönte es mittelstark aus Torrie Niggels freundlich lächelndem Mund, „Miss
Waltham wartet schon ungeduldig auf Sie.“ Mit
diesem Wissen nickte er ihr freundlich zu und gab ihr zu verstehen, dass er ihre
Worte zur Kenntnis genommen hatte.
Er lief in der Schalterhalle links am Empfang vorbei und betrat den Flur mit den jeweiligen Bürozimmer der Anwälte. Das erste Zimmer gehörte Jason McGellegahr, der Mitarbeiter mit dem Tyler nur so viele Worte austauschte, die nötig waren, weil die beiden nicht auf einer Wellenlänge waren. Das darauffolgende Zimmer gehörte einem weiteren Anwalt, der meistens mit Kleindellikten, wie Nachbarstreit oder kleineren Diebstählen zu tun hatte. Gegenüber war das Büro von ihm selbst. Wenn er mal vergessen sollte, welches Büro ihm gehörte, würde ihn das Namensschild aus weißem Plexiglas daran erinnern, die auf Augenhöhe montiert wurde. Tyler fuhr sein Blick vom Namenschild weiter nach hinten, in das nächste Zimmer – ebenfalls auf der rechten Seite – Auf dem Namenschild stand Hope Waltham, was ihn dazu bewegte, zu ihr zugehen, weil er ihr seine Unterstützung versprochen hatte. Er klopfte gegen die Tür, nicht zu stark aber auch nicht zu schwach, so dass man sein Klopfen überhören konnte.
Kurz darauf bat eine Frauenstimme ihn hineinzutreten. Als er die Tür vorsichtig aufschlug, fiel ihm sofort der Berg voller Akten auf dem Bürotisch auf, den er eigentlich sonst nur ordentlich und aufgeräumt kannte. Nun glich er eher seinem Eigenen, wenn er an einem Fall gearbeitet hatte und lieber die Recherchen sammelte, als den Tisch Intakt zuhalten. Hinter dem Aktenberg saß eine leicht überforderte junge hübsche Frau, mit leicht zerzausten Haaren, weil sie wahrscheinlich während ihrer Arbeit mal wieder die Finger durch ihre Haare fuhr und dabei nachgedacht hatte. Die leicht geröteten Backen waren auch zu sehen, die sie immer bekam, wenn sie unter Stress stand und sich der Blutdruck erhöhte. Für Tyler war dieser Anblick nicht unbekannt, weshalb er - auf seiner eigenen Art - sie gleich auf ihr äußeres Erscheinungsbild aufmerksam machen wollte.
„Willst du ein Jahrhundertmord aufdecken? Hätte ich das gewusst, dann hätte ich gleich zwei Kaffeebecher kaufen gekauft. Einer für dich und für mich.“ Tyler hatte bei dieser Bemerkung ein fieses Grinsen im Gesicht, den Hope mit einem Augenrollen entgegen nahm. „Dein Sarkasmus passt grad überhaupt nicht hier her, da ich absolut nicht voran komme. Wie es in einem normalen Mordfall üblich ist, behauptet die Angeklagte den den Mord nicht getan zu haben. Paula Finn behauptet jedoch das gegenteil.“ Tyler trank seinen Kaffee aus und stellte den leeren Becher auf den einzigen freien Platz, der noch auf den Tisch war und wandte sich der Akte zu. Er las sich die genaue Zeugenaussage von Paula durch und murmelte hin und wieder vor sich her. Caroline Warren konnte niemals die Mörderin sein, da war er sich sicher und er war sich noch sicherer, dass Lillith dahinter steckte. Tyler wollte von Hope wissen, ob schon ein genauer Termin feststand: „Wann ist die Anhörung?“ Als Hope meinte, dass die Angeklagte morgen vor das Gericht müsste, schluckte er einmal stark. „Dann scheint der Fall ja schon mehr als abgeschlossen zu sein.“
„Glaubst du denn, dass sie unschuldig ist?“, fragte er seine Kollegin. „Die
Beweislage sagt dass sie schuldig ist, aber ich bin mir nicht so ganz sicher.
Sie wirkte in unserem Gespräch sehr aufgelöst und glaubwürdig.“
„Wie willst du nun vorgehen?“ Tyler drückte ihr einen Stift in die Hand und
meinte, dass Hope sich die wichtigsten Punkte notieren sollte. Daraufhin lief
sie zur gegenüberstehenden Wand, mit der 2,5 Meter breitem beschreibbaren
Magnettafel um einige wichtige Fakten festzuhalten.
„Also fassen wir mal zusammen. Als sie in das Mehrfamilienhaus
trat, war
sie allein; war zur besagten Zeit alleine in ihrer Wohnung; hat sich was
zu essen gemacht und ist danach schlafen gegangen. Ebenfalls allein - Und weit und breit
keine Zeugen.“
„Laut dem Bericht der Tatortermittler stand die Wohnungstür weit offen und es ist doch naheliegend, dass der Mörder in der Wohnung war oder was denkst du? Und da das Telefon neben Fiona…“ Tyler unterbrach seinen eigenen Satz und riss alarmierend seine Augen auf. Das Telefonat zwischen Fiona und ihm, war sicherlich noch im Verlauf gespeichert – Verdammt, fluchte Tyler innerlich. Wieso hatte er nicht früher daran gedacht?. „Ist was?“, wollte Hope wissen. „Äh, ein Moment.. Ich bin gleich wieder da.“ Tyler hatte es ziemlich eilig aus dem Zimmer zu verschwinden um in seinem Büro ein wichtiges Telefonat zu führen. Er griff nach seinem Hörer und wählte die Nummer von Carmen, da er befürchtete, dass die CSU das Telefon schon unter Beschlag genommen hatte.
.: Kings County Hospital :.
Paula Finn war in der Umkleide des Krankenhauses. Ihre Schicht fing gleich an und so war es, dass sie wie gewohnt ihre Sachen in ihrem Spind ablegen wollte. Sie knöpfte sich die schwarze Daunenjacke auf und legte sie über den Kleiderbügel. Nachdem sie die Jacke im Schließfach verstaut hatte, griff sie blind nach ihrer Handtasche, um ein letztes Mal vor ihrer Schicht zu überprüfen, ob nicht eine Kurzmitteilung eingegangen war. Ihr blick war völlig auf das mobile Telefon fixiert und sie spürte daher nicht, wie ein leichter Windzug aus dem Spinnt heraus, an ihrem Nacken vorbei wehte. Erst als die Spindtür unerwartet zuknallte, zuckte sie vor Schreck zusammen und löste ihre Augen vom Handy. Verwundert schaute sie um sich - doch da war niemand und sie konnte sich auch nicht erklären, wie die Schranktür ohne jegliche Berührung zufallen konnte. "Eigenartig", flüsterte sie leise und zog dabei eine misstrauische Miene. Paula öffnete den Spind erneut und wollte ihre Tasche in den Spind legen, doch in dem Moment, als ihr halber Arm darin war, wollte dieser erneut zufallen. Da ihr Arm dazwischen war, ging das jedoch nicht. "Autsch", schrie sie verärgert auf und versuchte ihren Arm herauszuziehen, aber irgendwie wurde je mehr sie versuchte, sich aus ihrer missligen Lage zu befreien, die Schranktür stärker gegen ihren Arm gedrückt. Es schien so, als hätte der Spind nicht wollen, dass sie loskam. Doch wie konnte das möglich sein? Fiona merkte, wie sich langsam das Blut in ihrem Arm anstaute der Teil, der im Spind festsaß langsam aber sicher taub wurde. "Hilfe. Kann mir jemand helfen?", flehte sie, in der Hoffnung, dass jemand sie hören würde.
Auf unerklärlicherweise wurde ihr Kopf mit voller Wucht gegen den Spind geschlagen - immer und immer wieder. Die Schmerzen wurden immer unerträglicher. Mit jedem Aufprall, schrie sie auf und weinte bitterlich. Sie hoffte so sehr, dass alles endlich ein Ende hatte und glaubte nicht mehr an eine Rettung. Denn sie ihre Platzwunde an der Stirn wurde immer größer, das Blut spritzte unkontrolliert um sich und verteilte sich auf den Boden, über ihr Gesicht und auf den Schränken.
Panisch versuchte sie sich mit letzter Kraft zu wehren. Obwohl sie sich immer noch nicht erklären konnte wie das möglich war, wollte sie es nicht einfach so hinnehmen. Sie strampelte und schlug um sich, doch mit der Zeit, als die Schmerzen an ihrem Höhepunkt angelangt war, wurde auch der Widerstand geringer. Ein letztes Mal knallte sie gegen die Spindtür. Ein letzes Mal schrie sie laut auf. Danach fielen ihre Augen zusammen, der Körper hatte aufgehört sich dagegen zu wehren. Fiona sackte zu Boden und rührte sich nicht mehr. Sie hatte den Zweikampf verloren, der von vornherein unerwartet und unfair war. Es gab kein Richter, der wie beim Boxkampf eingegriffen hat, wenn er gesehen hat, dass der Eine K.O. war. Nein, hier hatte Fiona keine Chance...
.: Fellowship Gefängnis :.
Unter der Aufsicht von Detective (Trevor) Brand und Officer (Carmen) Johns, wurde die Angeklagte, Caroline Warren von Staatsanwalt Terrence Capwell über die Vorwürfe gegen den Mord an Schwester Fiona Daunston vernommen. Sie wurde aufgefordert, ihren gestrigen Tagesablauf bis ins kleinste Detail zu erläutern und offenzulegen. Terrence schien einer der wenigen Männer zu sein, die Zuhören und sogar nebenbei kleine Stichworte notieren konnte. Manchmal gelang es ihm sogar mehrere kleine Sätze zu schreiben, ohne den Faden zu verlieren. Sicherlich war es keine Gabe, die ihm in die Wiege gelegt wurde, sondern einfach nur der Beruf als Anwalt, den er sich über die Jahre hinweg angeeignet hatte.
In diesem Fall oder wie in vielen seiner Fälle, wollte er für die Toten sprechen, da sie für ihre Gerechtigkeit nicht mehr aussagen konnten. Ja, er ist der Gegenspieler von Hope Waltham, der Fiona Daunston vertritt um dem Täter die gerechte Strafe zu geben.
Wie er jedoch mit den Angeklagten
sprach, war umstritten – Manchmal war er etwas ruppiger und grober, manchmal
etwas ruhiger und leiser. Je nachdem, wie die Gegenüber waren, passte er sich
die Umgangsform an.
Mit Caroline Warren war er noch anfangs ruhig und er fragte nur ab und zu mal
nach einer genaueren Beschreibung. Sie hatte ohne großen Widerstand die Fragen
beantwortet. Je näher sie dem Todeszeitpunkt seiner
Mandantin, Fiona Daunston kam, umso genauer wollte er seine Fragen beantwortet
haben.
„Wer kann Ihnen bestätigen, dass Sie gestern um
0:45 Uhr in Ihrer eigenen Wohnung waren? Denn laut Zeugenaussage waren sie
ungefähr um diese Uhrzeit im Gebäude von Fionas Wohnapartment, im Erdgeschoss
des Treppenhauses, wo auch der Mord geschah. Ein weiterer Zeuge meinte Sie
ungefähr vor ein Uhr vor den Treppengeländer des Gebäudes gesehen zu haben –
zumindest passt die Personenbeschreibung, die er uns mitgeteilt hatte.“
Etwas unbeholfen starrte Caroline nach Terrence Worten auf den Tisch und danach auf die Handschellen um ihre Handgelenke. „Ich sage Ihnen doch – Ich war in meiner Wohnung und habe mir in der Mikrowelle Tortellini gemacht. Schauen Sie doch in meinem Mühleimer in der Küche nach, da ist noch die Verpackung.“ Ihre Stimme und der Gesichtsausdruck in ihr schienen verzweifelt und hilflos zu sein. Wieso hatte sie vor einigen Tagen nur mit ihrem Freund Schluss gemacht, denn er hätte bezeugen können, dass sie zu dieser besagten Uhrzeit zu Hause war.
„Aber die Tortellini könnten sie auch
nach dem Mord gegessen haben. Also wenn das Essen Ihr Alibi sein soll, sieht es
ziemlich schwarz für Sie aus. Es sei denn, sie hätten als ersten Menschen einen
Doppelgänger, der draußen noch frei herumläuft.“ Terrence
klopfte mit dem unteren Ende des Kugelschreibers gegen den Schreibblock und war
von ihrer Aussage gar nicht überzeugt. Sein Blick war kalt und beim reden hatte
er kaum seine Miene verzogen, denn für ihn war der Fall klar – Caroline war die
Mörderin, weil es eine Augenzeugin gab. Wenn die Spurensicherung ihre DNA noch
klar definierten konnte, hatte er den Fall so gut wie in der Tasche.
„Warten Sie, vielleicht hat ja doch einer aus den
anderen Apartments mich gesehen.“ Verzweifelt
überlegte sie vergebens nach einer Person, die ihre Aussage bestätigen konnte,
aber wer bloß? In ihrem Mehrfamilienhaus waren die meisten um diese Uhrzeit in
ihren Betten und schliefen tief und fest, weil sie am nächsten Morgen zur Arbeit
mussten.
„Es bringt nichts. Wir lassen es auf eine Anhörung kommen, die ja bereits für Morgen festgelegt wurde.“ Terrence steckte seinen Stift wieder in seine Innentasche des Jacketts und erhob sich vom ungemütlichen Stuhl, einem Älteren aus Holz, der sicherlich schon einige Jahre auf den hölzernen Buckel hatte....
Als Terrence, Trevor und Carmen aus dem Gefängnis draußen waren, bekam Terrence
einen Anruf, der ihn gar nicht erfreute. Ihm wurde die Nachricht übermittelt,
dass seine Zeugin, Paula Finn, tot in der Umkleide des Krankenhauses aufgefunden
wurde und er somit seiner wichtigste Zeugin verloren hatte.
„Das sind mal tolle Aussichten“, schimpfte Terrence und klappte sein Handy
verärgert zusammen. „Was ist denn?“, wollte Trevor wissen. „Paula Finn ist tot und vom
Täter gibt es weit und breit keine Spur. Die Leiche wird gerade autopsiert und ich hoffe
auf Antworten.“
Carmen wollte etwas sagen, doch es kam nicht dazu, weil ihr Handy angefangen
hatte zu klingeln. Sie sah auf dem Display die Nummer von Tyler und
nahm ab. „Carmen Johns.“
„Hey Carmen ich bin’s, Tyler. Du musst mir unbedingt sagen, ob sie das Telefon
von Fiona bereits kontrolliert haben – Es ist wichtig.“
„Du fragst mich Sachen. Ich weiß es leider nicht.“
Mit dieser Antwort wollte Tyler sich nicht zufrieden geben. „Kurz
vor ihrem Tod habe ich mit ihr telefoniert. Sie hat mich um Hilfe gebeten, aber
als ich bei ihr war, war sie bereits tot. Merkst du, in welcher Situation ich
mich gerade befinde?“
„Es ist gerade sehr unpassend. Kann ich dich gleich zurückrufen?“ Tyler stimmte zögerlich zu und beendete das Telefonat. Er hatte sicherlich gemerkt, dass sie nicht frei sprechen konnte, weil die die anderen beiden, vorallem Terrence, die ganze Zeit über, das Telefonat mitverfolgt hatten. Carmen hoffte inständig, dass Tyler ihr das nicht verübeln würde und wollte sich umgehend bei ihm melden, sobald sie im Auto waren. „Wer war das?“, informierte sich Trevor interessiert. „Ach niemand wichtiges. Es ging um etwas Privates. Wollen wir zurück ins Präsidum?" Der Polizist nickte einvernehmlich und bewegte sich Richtung Auto, doch Terrence bat ihn kurz zu bleiben: „Auf welcher Seite bist du eigentlich?“ Trevor schaute etwas dumm aus der Wäsche, denn mit dieser Frage hätte er im Leben nicht gerechnet. „War das nun eine rhetorische Frage oder erwartest du jetzt im Ernst eine Antwort von mir?“
„Eine Antwort“, sagte Terrence kurz und knapp. „Auf der Seite der Gerechtigkeit, wo denn sonst? Ich finde die Frage völlig sinnlos, Terrence.“ Trevor war verblüfft und zugleich verärgert über die Frage des Staatsanwaltes und reagierte deshalb auch etwas empfindlicher. Wollte der Staatsanwalt doch wirklich seine Stellung in Frage stellen? Doch anscheinend empfand Terrence die Antwort für unwahrscheinlich und konfrontierte ihn mit dem jüngsten Ereignis. „Während der Vernehmung habe ich immer wieder kurz zu dir geschaut und gesehen, dass du Mitleid für sie empfunden hast. Ich bin mir fast sicher, dass du ihre Lügen abgekaufst hast, aber das darfst du nicht. Ein Mörder ist im Normalfall ein guter Lügner und da darf man sich nicht auf Mitleid einlassen, auch wenn der Verdächtigter noch so unschuldig macht.“
Um seine Wut nicht verbal auszutragen, ballte Trevor seine Hände zu Fäusten und drückte sie ganz fest zusammen, so dass die Adern sich an der Handoberfläche hervorstachen und zu platzen drohten. Carmen, die kommentarlos da stand, wollte etwas zu seiner Verteidigung sagen, aber in diesem Moment fiel ihr nichts ein. Auch sie hatte mit der Konfrontation von Terrence nicht erwartet. Stattdessen sprach Trevor: „Carmen und ich müssen jetzt zurück ins Revier. Ich habe echt keine Lust auf solche sinnlosen Diskussionen.“ Trevor wandte sich vom Staatsanwalt ab, der im Übrigen zu seinen besten Freunden gehörte und drehte sich nicht um, obwohl Terrence ihn immer wieder fassungslos angeschaut hatte und darum bat, da zu bleiben. Im Auto schlug er dann wütend auf das Lenkrad und wollte somit seine angesammelten Emotionen freien Lauf lassen: "So ein Dreckskerl. Wieso fragt er so etwas?" Carmen sah ihn bemitleidend an und legte ihre Hand auf seine Schulter um ihm in diesem Moment das Gefühl zugeben, nicht alleine zu sein…
.: Bei den Carrendoors :.
Violet und Dwight saßen im Wohnzimmer auf der Couch und sprachen über den
gestrigen Abend. Während Dwight von seinem freien Fall vom Dach des
Krankenhauses erzählte, sprach Violet von der Bekanntschaft mit den
wiedergeborenen Göttern Artemis, Apollon und die zwei Propheten Melampus und
Herophile. „Die Zukunft verändert sich gewaltig“, stellte Violet fest.
„Ja, das ist mir auch schon seit meiner ersten
Begegnung mit Tyler aufgefallen. Nur weiß ich nicht, ob es nun gut oder schlecht
für uns ist.“ Violet blickte aus der Wohnzimmertür
und schaute, ob ihre Mutter in der Nähe war. „Zumindest
geht es deinem kleineren ich gut. Wir müssen weiterhin darauf aufpassen, dass
die Dämonen nicht an das Blut vom kleinen Dwight gelangen.“
Dwight nickte zustimmend und griff nach seiner Halskette, die er in der Zukunft
von seinem Vater geschenkt bekommen hatte.
„Wenn wir hier alles richtig machen, werden wir eine ganz andere Zukunft bekommen. Eine bessere, in der alle noch leben und die Welt nicht wie eine reinste Verwüstung aussieht…“ Violet nickte kurz, versuchte die schrecklichen Bilder in ihrem Kopf zu vergessen und stand danach auf. „Ich werde mal schauen, was unsere Mutter so treibt.“ Ein Lächeln zeichnete sich im Gesicht von Dwight ab. Danach wandte er sich von Violet ab und griff nach der Fernbedienung, denn wenn er auf andere Gedanken kommen wollte, dann nur durch den Fernseher, Musik oder bei der Autofahrt.
Kaum war Violet im Flur war, klingelte es an der Haustür. „Kann jemand bitte die Tür
aufmachen?“ Ava war gerade am stillen, weshalb es ihr nicht möglich war,
persönlich den Besucher zu empfangen. Violet lief zügig zur Tür und öffnete sie. Zu
ihrer Überraschung stand Sophie Brown, eine Freundin und Arbeitskollegin von
ihrer Mutter vor der Tür. „Hallo“, sagte Violet zögerlich. „Violet.. Violet
Carrington, richtig? Die Cousine von Tyler.“
Bestätigend bat Violet sie rein und fragte im gleichen Atemzug, wieso sie gekommen
war.
Danach zeigte Sophie auf ihren kleinen Koffer: „Kleine Routineuntersuchung bei Mama und Baby.“ Sophie öffnete vorsichtig die Schlafzimmertür und rief ein leises „Hallo“ hinein. Um bei der Untersuchung nicht unnötig zu stören, ging Violet wieder ins Wohnzimmer und fragte Dwight, ob sie mit dem Auto von ihrer Mutter nicht ein bisschen Bummeln möchten. „Du möchtest mit mir auf Shopping-Tour? Ich bin ein Einkaufsmuffel, dass weißt du aber noch, oder?“ Kichernd zog sie Dwight von der Couch hoch und meinte, dass es immer noch besser wäre, einen Einkaufsmuffel als Bruder zu haben, als ein Couchpotato.
„Ja und was ist mit Mum? Wir sollten sie nicht alleine lassen“, fragte Dwight. „Ich glaube, dass sie sich freuen wird, wenn wir den Kühlschrank für sie und Dad füllen. Ist dir nicht aufgefallen, dass der Kühlschrank fast leer ist und ich diejenige bin, die heute und wahrscheinlich auch für die nächsten Wochen für euer leibliches Wohl sorgen werde? Der Einkauf geht ganz schnell, as verspreche ich dir. Mum wird gar nicht merken, dass wir weg waren.“ Das waren doch mal schlagfertige Argumente, weshalb Dwight nichts mehr dagegen sagte und seine Jacke schnappte. Zusammen mit Violet liefen sie kurz in das Schlafzimmer und informierten Ava darüber, dass sie kurz einkaufen gehen wollten. „Könntet ihr noch einige Windeln kaufen? Der kleine verbraucht ziemlich viel.“ Mit einem Augenzwinkern, der an Dwight gerichtet war, fing Ava an zu schmunzeln und sorgte bei Dwight für rote Backen, da es ihm leicht peinlich war. „Auf Violet, wir gehen jetzt.“ Dwight drückte Violet von der Tür weg und griff nach dem Autoschlüssel, die auf der Kommode neben der Garderobe im Flur stand und verschwand zügig aus der Wohnung.
.: Fellowship Gefängnis :.
Hope hatte mit den Eltern von Caroline
Warren und einigen nahestehenden Bekannten und Freuden gesprochen. Sie erfuhr
nicht nur, dass sie bereits vom Staatsanwalt Terrence Capwell ausgefragt wurden,
sondern auch - und das war für Hope wichtiger - mehr über Caroline Warren.
Caroline Warren wurde am 28.10.1978 geboren und hatte
die High-School mit durchschnittlichen Noten bestanden. Sie gehörte zu dem
Schulorchester und spielte dort die Querflöte. Auffällig war sie nie gewesen und zu den
beliebten Schülern gehörte sie nicht unbedingt. Nach der High-School besuchte
sie die Universität für Krankenschwestern in New York und bekam das Diplom zur
Krankenschwester. Am Anfang ihrer Karriere war sie noch als einfache
Krankenschwester tätig, doch seit zwei Jahren konzentrierte sie sich auf die
Neugeborene und Kinder. Ihre Arbeitskollegin bezeichneten sie als zuverlässig
und manchmal leicht überdreht. Ihr Berufsleben trennte sie absichtlich von ihrem
Privatleben, weil sie schon einmal schlechte Erfahrungen gesammelt hatte. Sie
fing eine Beziehung mit einem Arzt an und als diese in die Brüche ging,
wechselte sie ihre Arbeitsstätte um ihm aus dem Weg zugehen.
Dass ihr Liebesleben wohl ein ständiges auf und ab war, konnten die Eltern
bestätigen, denn Caroline hatte in der Liebe nicht wirklich Glück. Lange
Beziehungen konnte sie nie führen, auch wenn sie sich das wirklich wünschte.
Immer wieder kam etwas, was in einer Beziehung nicht sein durfte: Fremdgehen, zu
große Eifersucht, keine Freiheiten, gewalttätiger Freund oder zu wenig Harmonie
und Übereinstimmungen in der Beziehung.
„Miss Waltham, sie dürfen mir nun
folgen.“ Ein ungefähr 1,86 m großer und stämmiger Gefängniswärter holte Hope
wieder aus ihren Gedanken zurück. Erst jetzt fiel ihr auf, dass er seine Haare kurzgeschoren trug – maximal drei
Millimeter, aber nicht länger- seine breiten
Schultern passten zu seinen strammen Gang und seiner Haltung, die er
wahrscheinlich aus dem Militär eingeprägt hatte und nicht mehr abgewöhnen
konnte. Auch achtete immer stets darauf, dass seine ausgesprochenen Wörter klar
und deutlich zu verstehen waren. „Miss Waltham, wir sind nun da.“ Der
Gefängniswärter schaute ihr kurz in die Augen, nicht wissend, wie Hope diesen
Blick bewerten sollte und schloss die Stahltür auf.
So hart wie Ian Porter auch sein mag, seine Augen waren das komplette Gegenteil
von ihm, denn Hope hatte für wenige Sekunden in seine Augen sehen können.
Sie
waren hellblau, aber je nach Lichtfall hellbraun; seine Augen waren etwas länger
gezogen, als hätte er diese von einem Asiaten bekommen, auch wenn sein
Optisches einem Asiaten sonst nicht glich. Irgendwie hatten seine Augen auch etwas
weibliches, denn seine langen Augenwimpern und seine gepflegten Augenbrauen
sprachen wieder gegen sein taffes Auftreten. Doch sollte jemand an sein hartes
Auftreten zweifeln, würde er sicherlich seine eiskalte Miene zeigen, die er
ziemlich gut beherrschte und somit
würde sein markantes Gesicht nur noch deutlicher zum Vorschein kommen.
Bevor Hope mit ihrer Mandantin sprach,
drehte sie sich noch einmal kurz zum Wärter, da er sie irgendwie an ihren
verstorbenen Freund, Landon Armstrong erinnerte – Nicht vom Optischen, aber vom
Auftreten her.
„Hallo Miss Warren, nun sehen wir uns ein zweites Mal.“ Caroline war im Gegensatz zum taffen Gefängniswärter ein Häufchen Elend. Ihr Mundwinkel war weit nach unten gezogen, ihre Augen voller Trauer und keinerlei Hoffnung mehr. Auch waren sie leicht angeschwollen, durch die vielen Tränen, die sie in den letzten Stunden vergossen hatte. Ihre Körperhaltung war schlaff und träge. Sie hatte jegliche Chance freigesprochen zu werden verloren und das tat Hope in der Seele weh. Nein, Caroline Warren konnte den Mord nicht an Fiona Daunston getan haben - niemals. Ein Mörder würde anders auftreten. Sie konnten zwar auch immer den Unschuldigen mimen, nur hatten sie in den Augen eine gewisse Furcht, dass sie für ihre Schandtaten büßen müssen. Das alles hatte die Angeklagte nicht.
„Haben Sie
etwas herausgefunden?“ Carolines Stimme war so
zerbrechlich und zurückhaltend, dass Hope schon ein schlechtes Gewissen hatte,
ihr vom Tod von Paula Finn zu erzählen. Wie befürchtet, wurde die
Krankenschwester nur noch blasser im Gesicht, nachdem sie vom Tod ihrer
Arbeitskollegin erfuhr.
„Ich hatte ein Gespräch mit meiner
Mutter, die so enttäuscht von mir ist. Glauben Sie das? Meine eigenen Eltern
glauben nicht an meine Unschuld. Sie machten mir Vorwürfe, wieso ich das getan
habe und meinten, dass ich doch jeder Zeit zu ihnen kommen könnte, wenn ich
private Probleme hätte. Und mein Vater, mein Vater wollte erst gar nicht mehr
mit mir reden, weil er so enttäuscht von mir ist.“ Caroline unterdrückte sich
während des Gesprächs ihre Tränen und holte immer wieder tief Luft um sich zu
sammeln.
„Wissen Sie, ich denke dass mein Leben sich seit heute Morgen verändert hat.
Wenn ich frei gesprochen werde, kann ich trotzdem nicht mehr im Kings County
arbeiten, weil jeder mich wie ein Schwerverbrecher anschauen wird.“
„So schlimm wird das nicht sein“,
versuchte Hope die Situation zu herunterspielen. „Nein.
Da draußen gibt es eine, die genauso aussieht wie ich und zerstört mein ganzes
Leben. Ist das nicht verrückt?“ In Carolines Augen
sammelten sich wieder Tränen an, die jedoch nun langsam über ihre Wangen
kullerten, weil diese nicht mehr unterdrücken konnte. Sie schloss verzweifelt
ihre Augen und drehte ihren Kopf zur Seite um nicht in das Gesicht von Hope
zusehen, die ebenfalls völlig mitgenommen aussah.
„Miss Warren, geben Sie nicht auf. Ich
bin mir sicher, dass das alles nur ein schreckliches Missverständnis ist. Halten
Sie durch. Ich werde nochmal alles genau überprüfen und vielleicht hat die
Spurensicherung etwas gefunden, das für sie spricht und wir für ihren Freispruch
verwerten können.“
***
Nach dem Gespräch begleitete Ian Porter die Rechtsanwältin zum Ausgang. Während dem Weg dorthin, hatte er nichts gesprochen. Er war viel zu beschäftigt sich zu überlegen, wie er sein Anliegen los werden konnte. So stellte er Hope vor dem Ausgang mehrere geschaltete Fragen, die sie beantworten sollte, während er die Schlösser entriegelte: „Wenn Sie mal nicht in einem Mordfall stecken und vielleicht Zeit und Lust haben, mit mir etwas trinken zu gehen, würden sie sich dann bei mir melden?“ Auf die Frage war Hope nicht vorbereitet. Folglich äugte sie ihn etwas verblüfft an. Sie merkte gar nicht, dass sie die ganze Zeit ihren Mund leicht geöffnet hatte und dabei nichts gesprochen hatte - so verblüfft war sie. Hope behielt die Antwort für sich und verließ das Gefängnis mit einem mehr als fraglichen schüchternem Lächeln. Er schaute ihr hinterher und hoffte, dass sie sich noch einmal umdrehen würde und vielleicht sogar noch etwas sagt. Aber nichts dergleichen geschah – Schade, wirklich schade, denn die junge Staatsanwältin war für ihn eine Augenweide und sein persönliches Highlight an diesem Tag.
.: Crime Scene Unit; in Bronx :.
Trevor fuhr auf die Bitte von Carmen
nach Bronx in das Crime Scene Unit, einer Spezialeinheit der NYPD für die
Spurensicherung bei Kriminalfällen. Die Mitarbeiter von CSU hatten den Tatort in
der Wyckoff Street abgesichert und nach Spuren abgesucht und danach im Labor
untersucht. Gründlich wurde die Wohnung von Fiona Daunston abgeklappert und im
Treppenhaus, wo auch die Leiche aufgefunden wurde, nach Fingerabdrücken und Auffälligkeiten
Ausschau gehalten. Da Trevor der Detective war, der für den Fall von Fiona
Daunston zuständig war, durfte er ohne Probleme in die Akten und
Beweisgegenstände einsehen. Dass Carmen an seiner Seite war, erklärte Trevor mit
dem Satz: „Officer Johns ist auf dem besten Wege, ein Detective – Investigator
zu werden und ist deshalb immer an meiner Seite.“
Folglich teilte der Seargent den beiden Polizisten mit, dass der Bericht bereits
angefertigt und auch angefordert wurde. Eine Kopie wurde vor fünf Minuten über
Fax an dem Staatsanwalt, Terrence Capwell und der Rechtsanwältin, Hope Waltham
ausgehändigt.
„Und was konnten Sie den feststellen?“,
fragte Trevor den Seargent. „Das Opfer wurde durch einen gekonnten Handgriff das
Genick gebrochen. Durch die Fingerabdrücke am Hals, ist klar zu erkennen, dass
es eine Person mit dünnen Händen war. Interessant war außerdem die Erkenntis,
dass Schwefelspuren am Hals des Opfers klebte und somit ihre Haut angegriffen
hatte. Der Täter musste also irgendwie mit Schwefel in Kontakt gekommen zu sein. Meine Mitarbeiter haben die Fingerabdrücke mit der von der
Angeklagten verglichen und festgestellt, dass die DNA nicht in allen Punkten
übereinstimmt.“
„Das heißt also, dass es wirklich eine Doppelgängerin geben könnte?“,
fragte Carmen wissbegierig.
„Wir sind
uns noch nicht sicher, da wir nicht wissen, ob der Schwefel die DNA etwas
verfälscht hat.“ Nach dieser Aussage lief der Seargent
in sein Büro um den beiden Polizisten noch
etwas Interessantes zu zeigen.
Er spielte ein Telefongespräch von
seinem PC ab, das unmittelbar vor dem Tod von Fiona Daunston geführt wurde. Es
war das Gespräch zwischen Tyler und dem Opfer, welcher Carmen eigentlich hätte
in die Hände bekommen sollen.
Tyler: „Hallo? Wer ist denn da?“
Fiona: „Tyler sie müssen unbedingt in die Wyckoff Street 98, da irgendetwas in
meiner Wohnung aus dem Bad gekommen ist.“.
Tyler: „Wie bitte? Fiona? Verstecken Sie
sich, ich werde so schnell wie möglich kommen.“
Fiona: „Tyler, bitte beeilen Sie sich!“
Carmen stockte der Atem, da ihr nun klar wurde, dass Tyler noch Kontakt zu Fiona
hatte, bevor sie getötet wurde. Wenn Terrence diese Information in die Hände
bekommen sollte, würde er sicherlich Tyler kontaktieren und befragen, wieso das Opfer ihn
vor ihrem Tod angerufen hatte. War er dann ein neuer Zeuge oder Verdächtigter?
Mit Carmens großen, Haselnuss-braunen Augen schaute sie etwas unbeholfen zu
Trevor, der auch etwas irritiert über diese neue Erkenntnis war…