17.1. Blutspuren
.:776 Albany Avenue :.
- 4 Wochen zuvor –
„...Rotkäppchen aber holte geschwind große Steine, damit füllten sie dem Wolfe den Leib, und wie er aufwachte, wollte er fortspringen; aber die Steine waren so schwer, dass er gleich niedersank und sich tot fiel. Da waren alle drei vergnügt; der Jäger zog dem Wolfe den Pelz ab und ging damit heim. Die Großmutter und Rotkäppchen waren beisammen und waren froh, wieder aus dem dunklen Bauch des Wolfes zu sein. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.“
Tiffany hob ihren Kopf etwas an und fragte ihre Mutter, ob sie nicht noch eine Geschichte vorlesen könnte und unterdrückte ihr Gähnen. Dass sie die Abendlichen Gutenachtgeschichten liebte, wusste ihre Mutter, doch es war bereits nach acht Uhr abends und für kleine sechs Jährige Kinder höchste Eisenbahn ins Bett zu gehen. „Morgen wieder, Liebes.“ Die Mutter beugte sich zur Tochter, die kaum ihre Augen aufhalten konnte und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Gute Nacht, mein Schatz. Morgen müssen wir früh aufstehen und an den Flughafen fahren, denn morgen fliegen wir für einen Monat zur Großmutter.“ „War Großmutter auch im Bauch vom bösen Wolf?“, fragte die kleine Tiffany nachdem sie gegähnt hatte. Die Mutter lachte kurz auf und schüttelte den Kopf. „Nein. In Texas gibt es keinen bösen Wolf, aber leckeren Kuchen und Kakao. Aber wenn du jetzt nicht schläfst, verpasst du ja die ganzen Leckereien.“ Mit der Vorfreude auf den Kuchen, den die Großmutter immer für sie backte, schloss sie ihre Augen und ließ sich von der Mutter zudecken.
.: Ein Haus weiter :.
Es polterte in der Küche und im
nächsten Moment wurde die sperrige Tür zum Keller zerschlagen. Ein Mann mit
einer gekrümmten Haltung, zerrissener Kleidung und wilder Mähne, schnaufte
schwer. Völlig zerzaust und noch gar nicht bei vollen Kräften, torkelte er aus
der Küche des herunter gekommen Hauses und ging in den Flur. Er roch etwas ganz
besonderes, etwas was ihn stärken würde, zumindest vorübergehend. Viel wichtiger
war jedoch nicht der Hunger, sondern die Tatsache, dass er es zu sich nehmen
musste um endlich nicht mehr abhängig zu sein. Im Moment konnte er nur bei
Vollmond zum Tier werden und Nahrung zu sich nehmen, was ihn gewaltig störte -
Als Mensch war er nicht bei vollen Kräften und verwundbar. Er war nicht er
selbst und das größte Problem war der, dass die anderen Dämonen ihn nicht für
Voll nahmen. Wieso sperrten sie ihn im Keller ein und ließen ihn nicht frei
bewegen? Er wurde wie ein Hund eingesperrt und an Ketten festgebunden – so als
hätte man ihn die Außenwelt vorenthalten wollen.
Heute, als er sich wieder aus den Ketten befreien konnte, lief es diesmal etwas
anders ab. Gewöhnlich war einer der anderen ultimativen Sieben sofort zur Stelle
und zwangen ihn wieder zurück. Doch diesmal schien niemand anwesend zu sein und
so konnte er sich frei bewegen. Er blieb vor dem Spiegel stehen und schaute sich
zum ersten Mal, seit er wiedergeboren wurde, im Spiegel an. Er hatte noch die
selben Gesichtszüge wie früher, doch ansonsten glich nichts mehr von seinem
früheren ich. Seine dunkelbraunen, kinnlangen Haare und seinen starken Bartwuchs
im Gesicht machte ihn nur noch mehr zum Werwolf. Damals hatte er edle Gewänder,
die im Gegensatz zu heute durch eine schäbige Jeans und einem weißen Unterhemd
ersetzt wurde. Er konnte sich nicht mehr im Spiegel betrachten und schlug wütend
dagegen, worauf der Spiegel in tausend Stücke zerbrach und auf den braunen
Holzboden landete. Der intensive Duft machte sich wieder in seiner Nase
bemerkbar, weshalb er für einen Moment die Wut wegen seines Aussehens vergaß und
dem Geruch folgte. Schnell eilte er die Treppe hinauf und steuerte direkt auf
das Zimmer zu, woraus es nach dem Wahnsinns Blutgeruch schmeckte.
.: Bei den Morgans,776 Albany Avenue :.
„Ich hab
dich lieb, Mummy.“ Die Mutter bescherte ihr einen
weiteren Kuss auf die Stirn und antwortete: „Ich
dich auch mein ein und alles.“ Danach ging sie kurz
an das Fenster, kontrolliere ob es richtig verriegelt war und lief danach zur
Tür um das Licht auszuschalten. Leise zog sie die Tür an sich und ließ jedoch
einen Spalt offen – das machte sie immer um zu kontrollieren, ob ihre Tochter
nicht wach wurde. Eigentlich hätte das auch ihr Vater machen können, aber da
dieser vor sechs Jahren jegliche Verantwortung abgelehnt hatte und nur die
nötigen finanziellen Dinge beisteuern wollte, blieb der Mutter nichts anderes
übrig, als die kleine Tiffany alleine großzuziehen. Und wer weiß, vielleicht
würde es ja einen Ersatzvater geben, der aber noch gefunden werden musste.
Die Mutter ging in ihr Schlafzimmer um die restlichen Sachen in die Koffer zu
packen. Als sie merkte, dass sie die Reisezahnbürste und die Zahncreme vergessen
hatte, lief sie in das Bad und holte im weißen Schrank gegenüber der Dusche, die
Zahnbürste und Zahncreme. Im Gang schaute sie noch einmal in das Kinderzimmer
und merkte, dass ihre Kleine schon tief und fest schlief. „Und
du wolltest noch eine zweite Gutenachtgeschichte vorgelesen bekommen“,
flüsterte sie mit einem Schmunzeln im Gesicht und ging wieder zurück in ihr
Schlafzimmer. Sie kniete sich vor den Koffer und packte die Zahnbürste mit der
Zahncreme in die vordere Kosmetiktasche.
.: Ein Haus weiter :.
Die Tür stand weit geöffnet und er
konnte schon von draußen die aufgerissenen Kokonen erkennen, die von der Decke
hinunter hingen und daraus eine klebrige Flüssigkeit hinunter tropfte. Allem
Anschein nach, waren in den Kokonen Lebewesen, die entwendet oder geschlüpft
waren. Behutsam und dennoch mit voller Gier schritt er in das Zimmer und
erfasste mit seinen Blicken sofort das dunkelrote Blut in der kleinen Schale,
die so völlig unbeobachtet herumstand und ihn einladend darum bat, es
zusichzunehmen. Ja, das Blut war für ihn gedacht und die anderen Dämonen, die zu
The Ultimate Se7en gehörten, haben ihn nicht umsonst im dunkelsten Keller und
völlig abgeschirmt von der Außenwelt gesteckt. Sie wollten ihn von seinem Fluch
befreien, den er vor langer Zeit von den Moiren bekommen hatte um somit ihnen
bei dem Plan, das Tor zur Hölle zu öffnen, unterstützend beizustehen. Sicherlich
hätten sie ihm das auch anders erklären können, aber er war ja voller Wut und
hätte ihnen das wahrscheinlich gar nicht geglaubt.
Der Werwolf, Moiris wurde in der Vergangenheit durch den Zauber von den
Schicksalsgöttinnen für ewig verflucht, nur bei Vollmond zu seiner vollen
Gestalt zu mutieren. Sie hätten das Tier in ihm ganz auslöschen wollen, doch
dafür war er zu mächtig, weshalb ihnen nur diese Alternative blieb.
Wie Gerufen kam es also, dass Tyler und die anderen sich um das Haus der Dämonen rarmachten und einen Angriff gegen sie starteten. Am liebsten wäre ihnen ja das Blut seiner altgeliebten Schicksalsgöttin Klotho gewesen, doch Hekate war diejenige, die ihnen zuerst in die Finger kam. Moiris hob die Schale auf und schüttete das Blut bis zum letzten Tropfen in sich hinein. Mit der Hand wischte er sich das Blut von seinem Mund und leckte seine Finger ab – Er wollte keinen Tropfen übrig lassen. Als sich das Blut in seinem Körper verteilt hatte, brodelte es gewaltig und er merkte, wie sich etwas in seinem Inneren veränderte. Ihm wurde auf einmal ganz schwindelig, seine Augen verdrehten sich und er konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Sein Körper erhitzte sich innerhalb von wenigen Sekunden und er spürte einen stechenden Schmerz in seiner linken Brust. Als der Schmerz kaum noch auszuhalten war, ließ er einen qualvollen Schrei los und fiel danach bewusstlos zu Boden…
.: Bei den Morgans :.
Die Koffer waren gepackt und so ließ
sich Samantha Morgan erschöpft in ihr Bett fallen und schloss ihre Augen.
Unglaublich, wie Koffer packen anstrengend sein konnte. Sie wollte gerade
einschlafen, als sie ein Poltern hörte. Erst dachte sie, dass sie sich das
eingebildet hatte, doch als weiteres Klirren und Machen zu hören war, richtete
sie sich erschrocken auf und zog sich schnell den Morgenmantel an. In ihrem
Nachttisch holte sie den kleinen Revolver hervor - einen Kaliber 22 - und lief
mit achtsamen Schritten aus ihrem Zimmer. Von woher kamen die Geräusche, fragte
sich Samantha im Stillen und kontrollierte mit ihren Augen jedes einzelne Zimmer
in der ersten Etage. Sie drückte ihr Ohr gegen das Badezimmer, aber da war alles
in Ordnung. Sie wechselte die Seite und hörte in die Abstellkammer – auch dort
war nichts zu hören. Es blieb also nur noch ein Zimmer und das war für sie,
falls das Poltern von dort aus kam, am schlimmsten. Vorsichtig und mit kaum
hörbaren Schritten, lief sie auf das Kinderzimmer von Tiffany zu und spähte
durch den Türspalt hinein – Niemand zu sehen, aber dennoch war ein fast schon
überhörbares Tropfen, wie bei einem Wasserhahn dass nicht richtig zugedreht war,
zu hören.
Sie lief zu ihrer Tochter und setzte sich an das Bettende. „Mein
kleines Mädchen hat wohl schlecht geträumt“,
flüsterte sie und streichelte ihre Wange, die eiskalt war. Tiffany hatte die
Angewohnheit, im Schlaf die Decke von sich zu treten und so wollte die Mutter
Tiffany wieder zu decken, doch merkwürdigerweise merkte sie im Brustbereich
etwas Dickflüssiges. Da durch die Vorhänge kaum Licht hinein scheinen konnte,
und sie sehen wollte, was an ihrer Hand so glitschig klebte, schaltete sie das
Nachtlicht auf dem kleinen Schrank neben dem Bett an. Kaum war das Licht an,
fing sie fürchterlich an zu schreien. „Oh mein Gott! Nein.. Tiffany.“ Ihre Hand
zitterte, denn es war Blut zu erkennen, und als sie die Decke von ihrer Tochter
zog, konnte sie erkennen, dass ihr Brustkorb aufgerissen wurde und die Innereien
aufgewühlt wurden. Das Blut hatte sich am ganzen Körper und auf den Bettlaken
verteilt. „Nein, oh Gott... Tiffany.“ Völlig schockiert, schossen ihr Tränen in
die Augen die sie frei lies, als sie sich über den leblosen Körper beugte und
ihre Tochter mit bitteren Tränen umarmte. „Wer zur Hölle hat ihr das angetan?
Sie ist doch noch ein kleines Mädchen - Mein kleines Mädchen“, faselte sie völlig
verstört und blickte auf das Fenster, die aber abgeschlossen war.
In ihrer unendlichen Trauer über den unvorhersehbaren Verlust ihrer Tochter,
hörte sie ein Rascheln unter dem Bett. Ihr Schock ließ ihre Nerven blank legen
und so stand sie vom Bett auf und schaute unter das Bett. War etwa der Mörder
unter dem Bett? Wie ein wildgewordenes Tier, griff etwas nach ihrem Schienbein
und zog diese mit voller Gewalt an sich. Mit dem hatte Samantha nicht gerechnet
und so stürzte sie unsanft zu Boden und ließ dabei die Waffe aus ihrer Hand
fallen. Nach Hilfe schreiend, bettelte sie um ihr Leben, doch das etwas war
erbarmungslos und zerfleischte die Mutter unter dem Bett ohne nur mit der Wimper
zu zucken. Unmengen von Blut
spritzte aus allen Ecken und hinterließ dunklelrote Flecken auf den frisch
gesaugten Teppichboden…
- 4 Wochen später, Gegenwart -
Sanitäter
rollten zwei Tragen aus dem abgesperrten Haus der Familie Morgans. Darauf waren
zwei schwarze Leichensäcke, wobei die eine etwas kleiner war als die andere.
Neugierige Nachbarn standen vor dem gelben Absperrband, das um das Hausgeländer
gezogen wurde. Niemand durfte unbefugt über die Absperrung, da sie wichtige
Beweismittel zerstören könnten. Die Tatortermittler waren im ganzen Haus
verteilt und durchsuchten das Haus. Vor dem Haus stand Trevor mit Carmen an
seiner Seite,
die vor zwei Wochen die offizielle Anerkennung als Officer erhalten hatte und
darüber unendlich stolz war. Beide schienen etwas ratlos zu sein und dennoch
begutachteten das Geländer. Heute Mittag bekamen sie einen Anruf von der Cousine
von Samantha Morgan, die ihr ein Besuch bescheren wollte. Als sie die viele
ungeöffnete Post
entdeckt und den Stapel voller Zeitungen gesehen hatte, wurde sie stutzig.
Nachdem niemand die Tür geöffnet hatte, die Cousine die Jacken an der Garderobe
gesehen hatte, rief sie einen Schlüsseldienst, der die Tür aufmachen sollte. Mit
erschrecken fand sie die Leichen und wurde gleich ins Krankenhaus gebracht, da
sie unter Schock stand.
„Also wenn das kein qualvoller Tod war, weiß ich auch nicht mehr“,
sprach Trevor
zu seiner Kollegin, die gerade dabei war, den Vorgarten nach Spuren
abzuklappern. „Ja, da bekommt das Wort kaltblütiges Gemetzel eine ganz neue
Bedeutung“, fügte Carmen noch hinzu. „Hast du denn was gefunden? Ich finde hier
nämlich nichts.“ Trevor schüttelte den Kopf. „Na dann gehen wir in das Haus zu den
Mitarbeitern der Crime Scene Unit. Vielleicht haben sie etwas interessantes
entdeckt.“ Zusammen liefen sie durch die weit
aufgerissene Tür und wurden mit einem intensiven und stechenden Geruch der
Verwesung begrüßt. „Igitt“, äußerte sich Carmen angewidert und hielt sich ein
Taschentuch vor die Nase. Trevor tat dem gleich und schützte seinen Geruchsinn,
der noch sehr gut in Takt war – er wollte seinen Geruchsinn noch lange behalten
und das sollte heute nicht zerstört werden.
Beide liefen direkt in das Obergeschoss, weil man dort die verwesten Leichen
gefunden hatte. „Wie kann man denn wochenlang unbemerkt tot in der Wohnung
liegen?“ Carmen stellte sich die Frage und schielte zu Trevor, der in das
Schlafzimmer der Mutter ging. Als er die gepackten Koffer vor dem Kleiderschrank
entdeckte und auf dem Schreibtisch die dafür vorgesehene Flugtickets, nahm er
sie in die Hand und beantwortete ihre Frage. „Mutter und Tochter wollten nach
Texas fliegen, aber daraus wurde wohl nichts.“
„Kommt mal her“, rief einer aus dem Kinderzimmer, woraufhin die beiden NYPD-Polizisten
in das andere Zimmer wechselten. Im Zimmer der kleinen Tiffany sah es am schrecklisten aus. Blutspritzer und große Blutpfützen waren auf dem Bett,
auf den Boden und auf dem Teppich verteilt, wobei der Gestank hier am extremsten
war. Der Spurenermittler, Tony Fishburne, lief auf die beiden zu und berichtete,
was er Interessantes gefunden hatte. „Seht ihr den
Blutfleck am Fenster? Obwohl der Täter darauf geachtet hatte, die Fenster nicht
zu demolieren, war er dennoch unvorsichtig gewesen.
Falls das Blut nicht der Mutter oder der Tochter gehört, hätten wir
wahrscheinlich das Blut vom Täter. Da wir hier leider reichlich DNAs haben,
müssen wir alles in Beschlag nehmen. Dazu zählen die Bettlagen, ein Stück vom
Teppich und den Revolver mit dem Kaliber 22.“
„Gibt es sonst noch was außergewöhnliches?“, wollte Carmen vom Ermittler wissen. „Bis jetzt nicht.“ Mit diesem Wissen liefen die beiden Polizisten wieder aus dem Haus um die Nachbarn zu befragen. „Wie sieht deine bisherige Theorie aus?“, fragte Trevor seine Kollegin. „Eine kleine Familientragödie? Vielleicht gab es vor der Abreise noch einen Streit mit dem aktuellen Freund der Mutter oder Tiffany bekam Besuch von ihrem Vater", antwortete Carmen und lief zusammen mit Trevor zum Streifenwagen. "Ja vielleicht hast du recht. Auf jeden Fall müssen wir den Täter schnappen."
.: Starbucks Coffee, Park Avenue :.
Von der Jackson Lewis Kanzlei war es nur ein Katzensprung bis zum Starbucks Coffeeshop – Von der 101 Park Avenue bis zu 125 Park Avenue war es also wirklich keine Weltreise. Die Aktentasche hatte Hope während der Mittagspause im Büro gelassen. Lediglich eine kleine Handtasche war dabei, worin das nötigste verstaut wurde: Geldbeutel, Pfefferspray, ein Lippenstift und ein bisschen Schminke. Viele Männer glaubten ja, dass Frauen ihren ganzen Kleiderschrank in der Tasche hatten, aber das war voll der Irrglaube – Okay, bei manchen könnte es vielleicht zutreffen, weil sie eine so große Tasche mit sich trugen, dass sogar sämtliche größere Dinge hineinpassen könnten.
Hope war etwas aufgeregt, denn sie hatte seit längerem keine Verabredung mehr
gehabt und deshalb war sie froh, nur während der Mittagspause dieses Date zu
haben. Wochenlang hatte sie sich davor gesträubt und den Armen immer wieder
einen Korb gegeben. Doch irgendwann dachte sie, dass sie aufhören sollte,
schließlich tat er ihr leid und sie bewunderte ihn für seine Hartnäckigkeit –
das musste bewundert werden. Ein anderer Verehrer hätte sicherlich schon
aufgegeben und die erneuten Versuche unterlassen. Hope kam am Cáfe an und
entdeckte einen nervösen und unsicheren jungen Mann, der immer zu die Beine
bewegt hatte. Sein Gesichtsausdruck sagte ihr, dass er nicht so wirklich wusste,
ob die Person kommen würde, mit der er sich verabredet hatte. Seine Hände waren
tief in der Hosentasche versteckt – Im Übrigen standen im die normalen Kleider
besser als die Wachmanns-Uniform, auch wenn er so kaum aus der Masse herausstach.
„Hallo Ian“, begrüßte sie ihn schon von weitem und winkte ihm zu. Nun wurde auch
sie etwas nervös und sie fragte sich ernsthaft, ob sie vielleicht umdrehen
sollte. Jetzt würde es noch gehen, aber wenn sie vor ihm stünde nicht mehr. Er
lächelte ihr zu und winkte ebenfalls. In seinem Gesicht zeichnete sich ein
erleichterndes Lächeln, wahrscheinlich vor Freude, da sie ihn nicht sitzengelassen
hatte.
Sie reichte ihm die Hand entgegen, woraufhin er die Hände wieder aus seine Tasche zog und sie mit einem Händedruck begrüßte. „Wir sollten reingehen, wenn wir noch einen Platz ergattern wollen.“ Nickend folgte sie ihm während er seine Augen immer nur kurz von ihr lies, auch nicht, als er beinahe gegen die Tür lief, weil er nicht mitbekommen hatte, wie einer aus dem Cáfe hinausgelaufen kam. „Was soll ich dir denn bestellen?“, fragte er sie mit einem derartig schmeichelnden Grinsen, dass sie ihn nur verlegen ansehen konnte. „Eine Latte Macchiato mit Vanillegeschmack, bitte.“ Bevor er sich jedoch in die Warteschlange einreihte, brannte ihn noch eine wichtige Frage: „Wieso hast du dich eigentlich umentschieden mich doch zu treffen?“ Hope lächelte daraufhin etwas verlegen und antwortete kleinlaut. „Eine gute Freundin hat mir unter anderem den Rat gegeben.“ „Wow, die Freundin wirkt jetzt schon sehr sympathisch auf mich und ich denke, du solltest öfter auf sie hören.“
.: Bei den Moiren :.
Artemis und Apollon hatten die Moiren aufgesucht um zu erfahren, wie weit sie mit der Suche von dem Werwolf Moiris und den anderen Dämonen waren. Sie hatten vier Wochen zuvor - unmittelbar nach dem Erwachen von Dáfni - mitbekommen, dass Moiris den Fluch den er von ihnen bekam, aufgehoben hatte. Vor drei Wochen hatten sie zum ersten Mal seit Jahrhunderten wieder Kontakt zu Artemis und Apollon, die ihnen das neue Orakel in Brooklyn offenbarte. Sichtlich überrascht, dass der Rat im Himmel solche Maßnahmen zog, verdeutlichte nur, wie groß die Gefahr durch die Ultimate Se7en geworden war.
Hades hatte anscheinend gute Arbeit geleistet, denn er hatte die neue Unterkunft
der Dämonen verschleiert und so war es, dass sogar die Propheten nur begrenzte
Weissagungen erhielten. Atropos hatte die New Yorker Stadtkarte ausgebreitet und
die letzten Morde eingekreist, die von den Dämonen ausgegangen waren. „Haben Melampus und Herophile
nichts herausgefunden?“, fragte Lachesis, die langsam wahnsinnig wurde, da sie
bereits wochenlang im Dunkeln tappte und kein Schritt weiter war. „Nein, the
Ultimate Se7en lässt die einfachen Dämonen für sich arbeiten um von ihnen
abzulenken.“
„Ja und Tyler und die anderen Krieger werden langsam erschöpft, da sie jeden Abend
aufbrechen müssen um die Dämonen zu jagen“, sagte Klotho besorgt. „Wir können
sie nicht noch mehr belasten.“ Artemis schüttelte den Kopf und war da nicht der
gleichen Meinung. „Das ist so nicht ganz richtig. Während Mason, Isaac, Sharon
und sogar Ellen die große Belastung standhalten können und sich kontinuierlich
weiterentwickeln, hapert es bei Tyler gewaltig. Klar hat er in den letzten
Monaten viel dazu gelernt, aber im Gegensatz zu den anderen wirkt er wie ein
Fahranfänger, der gerade seine ersten Fahrstunden nimmt und da seid ihr nicht
ganz unschuldig daran.“ Völlig empört über die Aussage der Jagdgöttin klappte Atropos die Stadtkarte wieder zu und wollte protestieren, doch Artemis sprach
ohne Unterbrechung weiter. „Würde sich Tyler mehr mit seiner Bestimmung und
seinen Aufgaben beschäftigen, würden wir heute vielleicht noch mehr von seinen
Fähigkeiten profitieren können. Stattdessen befasst er sich mit seinem Job oder
seiner Familie und mir kommt es so vor, als wäre es ihm gar nicht bewusst, dass
die Welt bald untergeht. Vergesst nicht, dass ihr mit seinem Vater ein Pakt
abgeschlossen habt und Tyler sich daran halten muss. Wärt ihr nicht gewesen,
würde er heute nicht mehr leben.“
Harte Worte, die den Moiren vorgehalten wurde, doch so ganz konnten sie der
Artemis nicht zustimmen. Es stimmte zwar, dass Tyler etwas langsamer war als die
anderen, aber es stimmte nicht, dass er nichts für die bevorstehende Schlacht
unternahm. Er hatte sich geändert und im Gegensatz zu früher war das, wie zwei
unterschiedliche Welten. Früher hatte er sich vor jeder Aufgabe gesträubt und
sich dabei selbst die Beine gestellt. Heute dagegen, unterstützt er sie so gut
wie es ging – neben seinem Job und der Familie, denn die war ihm nach wie vor
wichtiger. Seine Fähigkeiten waren zwar noch nicht ausgereift, doch waren sie
für den Kampf nicht nutzlos und in den letzten Wochen doch ziemlich effektiv
gewesen, also wieso nun die unnötige Predigt?
Wenn Tyler wüsste, wie sehr die Schicksalsgöttinnen ihn in diesem Moment in
Schutz nahmen, würde er vielleicht in manchen Situationen netter mit ihnen
umgehen. Sie hatten ihn verteidigt, doch leider blieb Artemis bei der Aussage,
dass der Anwalt nicht auf dem Level war, wo die Götter ihn gerne sehen wollten.
„Nur noch einer der Ultimate Se7en muss noch die Augen aufmachen, bevor sie
komplett sind, vergesst es nicht.“ Artemis wandte sich von den Moiren ab und
lief zu ihrem Bruder, der die ganze Zeit über stumm daneben stand und sich zu
den Anschuldigungen nicht geäußerte hatte. Obwohl die beiden Zwillinge waren,
war sie die temperamentvollere und er eher der ruhigere und verständnisvollerer
gewesen.
Sie mussten wieder fort, denn ihre Aufgabe war es, eine bestimmte Göttin vor den
Dämonen zu beschützen und den Standort zu bewahren. Themis blieb nach wie vor
bestens abgeschirmt und nicht mal die Moiren und Hekate waren darüber
eingeweiht worden, dass sie unter den Lebenden weilt.
Die göttlichen Zwillinge verschwanden in einem grellen Licht und hinterließen
grübelnde und in sich gekehrte Schicksalsgöttinnen. Jede Einzelne fragte sich
selbst, ob Artemis vielleicht recht haben könnte und sie Tyler vielleicht doch
zu viel Freiraum gaben.
Denn früher waren uneheliche Kinder, die obendrein noch durch eine Affäre
entstanden, eine Unsittlichkeit. Es war eigentlich verboten und deshalb mussten
die fünf Krieger sich unter Beweis stellen und zeigen, dass sie zu Recht die
Kinder von Themis waren und somit zu dem Kreis der Götter gehörten.
In der Vergangenheit war die Priorität die Gehorsamkeit, die jedoch nicht von
Themis ausging, sondern von den anderen Heiligen – Sie wollte nur das Beste für ihre Kinder. Es war der Beschluss
des Götterrats und so entschieden sich die unehelichen Kinder von Themis
jegliche Gefühle und persönliche Interessen abzulegen und vollständig dem Himmel
zu dienen – Liebe und Zuneigung für die Person der Begierde war somit ein
Fremdwort für sie. Da schon damals die Moiren und vor allem Klotho, die selbst
eine verbotene Liebe hatte, gegen einige Beschlüsse der Götter waren, wollten
sie den Kriegern im zweiten Leben die andere Seite zeigen, die gefüllt mit den
unterschiedlichsten Emotionen war – Schließlich sollten sie erleben, wie es ist,
ein vollwertiger Mensch zu sein und nicht wie ein emotionsloser Krieger leben,
der gehorsam auf Befehle hörte.
Sharon war wohl dem früheren Krieger am ähnlichsten und Tyler und Ellen
diejenigen, die den Moiren sich für das neue Leben ungefähr vorgestellt hatten –
Vielleicht ein klein wenig offener und nicht so stur - das wäre perfekt gewesen.
Als Hekate von ihrer Suche nach Moiris in der Wohnung zurück gekehrt war, sah
sie frustrierte Köpfe hängen. „Was ist denn hier los?
Habt ihr was Falsches gegessen oder wieso schaut ihr so aus, als hätte die Sonne
vier Wochen lang nicht mehr geschienen?“ Sie wollte ihre Schwestern wieder
aufbauen, ehe sie mit der Nachricht rausrückte, eine heiße Spur gefunden zu
haben.
Doch der gutgemeinte erste Satz brachte nicht das gewünschte Resultat. Erst als
sie die Sache mit Moiris hörten, blitzten ihre Augen weit auf. Sie wollten den
Werwolf wie damals verfluchen und ihn auf die Vollmonde beschränken, um bei der
Schlacht eine reelle Chance zu haben. Mit diesem festen Vorsatz, brachen sie auf
und folgten Hekate, die Moiris womöglich aufgespürt hatte.
.: Auf dem Campus des Brooklyner College :.
Die Göttinnen, Hekate, Klotho, Atropos und Lachesis waren in einem Zimmer, dass
ungefähr 20 qm² groß war. Darin stand ein 1,80 Meter breiter Kleiderschrank, die
Türen waren mit Silberfarbe gestrichen und die inneren beiden Schranktüren waren
zusätzlich mit Spiegel versehen. Mit einem Abstand von ungefähr einem Meter
stand ein Bett, ebenfalls aus Silber mit schwarzen Bettbezügen. Ansonsten gab es
noch einen Schreibtisch, ein Regal worin viele Bücher verstaut wurden und oben
drüber stand sein kleiner Röhrenfernseher, der so alt war, dass der
wahrscheinlich noch vor der Jahrhundertwende angelegt wurde. Das Zimmer war sehr
steril und schlicht gehalten. Nicht selten für einen männlichen Studenten, der
noch nicht von seiner Freundin aufgeklärt wurde, dass ein Zimmer einladend und
gemütlich sein sollte. Doch für den Bewohner war das so vollkommen ausreichend
und da das Zimmer nicht voll stand, erwies es sich auch als Vorteil bei der
Suche nach bestimmen Spuren.
Hekate war im Bad – jeder Student hatte ein eigenes Badezimmer – und durchwühlte
seinen Wäschekorb nach blutverschmierten Kleidern oder sonst irgendwelche
auffälligen Spuren. „Beeilt euch, denn die Vorlesung müsste gleich zu Ende
sein“, teilte Lachesis ihren Schwestern mit und klapperte sein Bett ab –
Fehlanzeige. Auch Atropos und Klotho waren nicht gerade erfolgreich. Nur Hekate
hatte womöglich Glück, denn sie lief mit einem T-Shirt aus dem Badezimmer,
worauf kleine Blutspuren zu erkennen waren. „Und Klotho, was denkst du?“, fragte
die Göttin und drückte das Kleidungsstück Klotho in die Hand, die herausfinden
sollte ob Moiris bei David Ashford war, der Student, dem das Zimmer gehörte.
Die Schicksalsgöttin, die dem Werwolf am
nahsten stand, weil sie früher
verheiratet waren, konnte das sicherlich feststellen und so schauten die übrigen
Göttinnen sie neugierig an. „Und?“, wollte Lachesis wissen. „Hatte David mit Moiris Kontakt gehabt?“
Klotho nickte zögerlich, da sie sich nicht zu hundert Prozent sicher war. „Er
kam definitiv mit dem T-Shirt in Berührung, also haben wir zumindest einen
Grund, David Ashford weiterhin zu beschatten. Ob David letztendlich ebenfalls
zum Werwolf wird, müssen wir herausfinden. Spätestens morgen Abend sind wir
schlauer, denn dann haben wir Vollmond.“
.: Crime Scene Unit (CSU) :.
Carmen
und Trevor wurden in das CSU-Labor bestellt um über die Ergebnisse der
Spurensicherung zu sprechen. Abby Schumaker, eine Laborantin im forensischen
Bereich, zeigte den Detectives ihre Ergebnisse der Beweislagen. „Die
Blutflecken am Fenster gehören einer Frau, die nicht in unserer Datenbank
registriert ist, weshalb ich für euch leider keinen Namen habe. Da somit das
Blut nicht zu den Morgans passt, können wir also nicht ausschließen, dass unser
Täter eine dritte Person ermordet hat.“ Abby tippte
die Vorwärtstaste auf dem Display, woraufhin das nächste Bild erschien.
„Die Blutflecken auf dem Teppich und auf dem
Revolver stammen jeweils von den beiden Opfern, aber interessanter wird es, wenn
ihr die Verletzungen genauer anschaut. Man kann hier deutlich erkennen, dass
kein Messer oder Ähnliches im Spiel war. Der Gerichtsmediziner ist sich ziemlich
sicher, dass die meisten Verletzungen durch Bisse verursacht wurden.“
„Wie bei einem Tier?“,
wollte Trevor wissen. „Ja, Tiffany und ihre Mutter
wurden wie bei einem Raubtierangriff getötet. Wir haben auch Speichel an beiden
Opfern gefunden, die jedoch noch untersucht werden müssen. Fest steht, dass
unser Täter tierähnliche Zähne hat. Haltet mich für verrückt, aber ich würde
fast meinen, dass unser Täter ein Hundeliebhaber ist, falls ihr versteht was ich
meine.“
Carmen warf Trevor einen intensiven Blick zu, der sofort verstand, was in ihren
Kopf durchging. „Wir danken dir für die
Informationen, Abby. Meldest du dich bei uns, wenn du das Ergebnis der
Speichelproben hast?“ Abby nickte zustimmend und
befasste sich wieder mit den Beweismitteln.
Auf dem Weg zum Ausgang unterhielten sich die beiden über Abbys Theorie. „Also wenn Abby schon kleinlaut zugeben muss, dass der Täter nicht vollkommen menschlich ist, stinkt es ja nur so nach übernatürlichen Kräften. Soweit ich weiß, suchen Tyler und die Anderen nach dem Werwolf, der zu den ultimativen Sieben gehört. Und da der ehemalige Unterschlupf der Dämonen nur ein Haus weiter war, ist es nur noch naheliegender, dass die NYPD und die Moiren nach einem und denselben Täter suchen“, stellte Carmen fest und lief durch die Eingangstür hinaus, gefolgt von Trevor, der grübelnd seine Lippen zusammenpresste. „Das heißt aber auch, dass beide sich früher oder später in die Quere kommen könnten. Weiß Tyler, dass wir bereits auf den Fall der Morgans gestoßen sind?“ Carmen schüttelte schnell den Kopf und wollte ihn sofort darüber informieren.
Fortsetzung: 17.2. Unterschiedliche Blickwinkel