17 | Forbidden

17.4. Schlag auf Schlag

.: Restaurant Scarpetta :.

Ian und Hope hatten den Hauptgang hinter sich, weshalb sie auf der Speisekarte die Desertauswahl begutachteten. „Wie findest du Vanilleeis mit heißer Schokoladensoße?“, fragte Ian. „Klassisch und lecker.“ Hope war sich unschlüssig, denn irgendwie würde sie auch gerne nur ein Espresso trinken, weil das Essen ihren Magen so vollgestopft hatte. „Okay, also kein Vanilleeis.“ Ian sah in Hopes Gesicht die Unsicherheit und las danach die verschiedenen Möglichkeiten vor. Er machte immer nach jedem Vorschlag eine Pause, um abzuwarten, wie Hopes Reaktion war. „Nun bleibt nur noch Mousse Chocolate übrig.“ Hope verzog ihr Gesicht. „Entschuldigung, Ian. Ich glaube, dass ich nichts mehr verdrücken kann.“ „Hast du dann als Alternative Lust, auf einen Spaziergang hier auf der Promenade?“ Ein Lächeln kam zum Vorschein. „Das hört sich gut an, und da kannst du mir von deinen Abenteuern im Fellowship Gefängnis erzählen.

Der Gefängniswärter hatte sie zum Essen eingeladen und selbstverständlich gezahlt, auch wenn Hope das gar nicht wollte – Schließlich hatte sie ein eigenes Einkommen - aber er war eben ein Gentleman alter Schule.
Sie schlenderten auf dem Gehweg, nachdem sie das Restaurant verlassen hatten, und tauschten Geschichten über ihre Arbeit und alte Zeiten aus. Die beiden verstanden sich wirklich gut und so fiel es Ian leichter, sie nach einem weiteren gemeinsamen Abend zu fragen - Diesmal wollte er mit ihr ins Kino gehen.

.: Brooklyner Campus :.

Tyler war wie vereinbart um 22 Uhr auf dem Brooklyner Campus, und hielt Ausschau nach David Ashford. In seiner Jackentasche war das Elixier für David, gut verwahrt und sicher. Sollte er ihn direkt ansprechen, dass er bei Vollmond zum Werwolf mutieren würde, weil Moiris dafür gesorgt hatte, als die beiden miteinander Kontakt hatten? In einer MMS, die Carmen ihm zukommen ließ, war das Phantombild von Andreas Burks, sodass Tyler ihn erkannte, wenn er auf dem Campus auftauchen sollte. Sicherlich hätte Tyler auch ohne Carmens Hilfe an das Bild kommen können, da im Fernseher die Nachrichten voll mit Andreas Burks war. Aber dennoch war er froh, nach wie vor mit jemanden von der NYPD befreundet zu sein. Noch bis vor wenigen Monaten war Ethan derjenige gewesen, der die Verbindung zwischen ihm und der Polizei hergestellt hatte. Und Trevor? Trevor schien wohl immer mehr in die Rolle des mitwissenden zu rutschen und es war nur eine Frage der Zeit, bis er sich nicht nur mit Tyler zusammensetzte, sondern auch mit den Göttern und alle Eingeweihten.
Tyler saß auf der Holzbank und starrte immerzu auf das Zimmer in der Nordhälfte des Campuses. Es war das dritte Zimmer von links: Licht brannte, und ab und zu konnte der Anwalt David Ashford im Zimmer herumlaufen sehen. Rachel, die mit einem Kaffeebecher in der Hand zu ihm gelaufen kam, setzte sich neben ihren Cousin und schlürfte vom Kaffee. „
Na, tut sich schon was?“, hakte sie nach. „Nein. Ich habe zur Tarnung ein Buch mitgenommen, dass gleichzeitig als Zeitvertreib dient.“ „Und was liest du?“ Rachel drehte ihren Kopf in die Richtung des Buches und konnte die Aufschrift: Supernatural lesen. Zusehen waren noch die zwei Hauptdarsteller, der Fernsehserie, Dean und Sam. „Supernatural: Die Rückkehr der Toten. Kennst du dieses Buch?“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin eher der Greys Anatomy-Typ, aber Bücher lese ich von dieser Serie nicht. Wie kommst du eigentlich auf dieses Buch?

Tyler überlegte kurz und antwortete schließlich, dass Ethan ab und zu von der Serie erzählt hatte und ihn darüber informierte, dass die zwei Brüder in der Geschichte auch Dämonen jagten. „Vielleicht steht im Buch ja nützliche Hinweise oder Tipps, die ich gegen die Dämonen verwenden könnte“, sagte Tyler. „Und? Konntest du was umsetzen, weil im Buch etwas Wahres drinnen steht?
Bis jetzt noch nicht. Man kann aber anscheinend die Dämonen mit Steinsalz fernhalten, zumindest steht das so im Buch und in der Zukunft, habe ich das anscheinend meinen Kindern gezeigt.“ Noch während Tyler zu seiner Cousine sprach, fiel ihm ein, dass es doch nicht falsch sein könnte, Dwight darum zu bitten, Steinsalz vor den Türen und Fenstern zu streuen. Nachdem er kurz mit Dwight telefoniert hatte - er fragte außerdem wie es seiner Frau und dem Baby ging - schenkte er seiner Cousine wieder seine Aufmerksamkeit: „Wo ist eigentlich Riley?
Der ist im Zimmer und arbeitet an einer Projektarbeit für sein Biologiestudium. Er müsste aber auch gleich kommen.“ Rachel blickte zum Eingang und überprüfte, ob ihr Freund nicht aus dem Gebäude kam. Beide unterhielten sich noch über seine Bestimmung, weil für Rachel das Ganze ziemlich aufregend und spannend klang – Fast so wie in einer Mystery-Fernsehserie, nur in echt. Doch als sie erfuhr, dass auch sie schon unfreiwillig mit den Dämonen in Kontakt kam (sie konnte sich nur jedes Mal nicht mehr dran erinnern) änderte sie ihre Meinung, dass es aufregend und spannend war. Es war doch eher beängstigend.
Tyler hatte sie schon des Öfteren beschützt und sie war ihm darüber sehr dankbar. Was wäre passiert, wenn er sie nicht beschützt hätte? Würde sie denn heute eigentlich noch hier sitzen und mit ihm sprechen können, dachte Rachel und bekam eine unheimliche Gänsehaut an ihren Oberarmen. „
Du rettest Menschenleben und das rechne ich dir hoch an. Ich bin mir sicher, dass alle, die du gerettet hast, genauso denken.“ Tyler hörte ihr mit einem Ohr zu, doch er hörte auch, wie hinter ihm etwas im Gebüsch raschelte. Er spitzte die Ohren und bat Rachel, einen Moment still zu sein. „Ich glaub da ist etwas.“ Rachel hielt die Hand vor dem Mund und versuchte so gut wie es ging, keinen Ton von sich zu geben. Doch als sie im Gebüsch nichts Auffälliges entdecken konnte, zog sie ihre Hand wieder weg: „Da ist nichts.“ Kritisch und bedacht, lief er zu der Stelle, wo er meinte, ein Geräusch gehört zu haben und spitzte noch einmal genau seine Ohren. „Da ist anscheinend wirklich nichts“, stimmte Tyler ihr zu und in dem Moment flitzte ein kleines Eichhörnchen frech über die Wiese. „Du Chipmunk wolltest mich wohl von meiner Arbeit ablenken“, scherzte er und blickte wieder auf das Zimmer von David Ashford. Jedoch verging ihm das Lachen, als er merkte, dass das Licht im Zimmer erloschen war. David hatte das Zimmer verlassen! Er überprüfte rasch die Uhrzeit: 22:45 Uhr. Zu früh, um zum Werwolf zu werden, aber trotzdem durfte er ihn nicht aus den Augen verlieren. Tyler lief wieder zurück zum Eingang des Studentenwohnheims, woraufhin Rachel sich von der Bank entfernte und ihn ebenfalls in das Gebäude folgte.

Was ist denn?“ Rachel trottete hinterher und bemühte sich, dass Tempo von Tyler beizubehalten. „David ist nicht mehr im Zimmer. Wir müssen schauen, wohin er gegangen ist. Kannst du mir sagen, was um diese Uhrzeit noch auf hat?“ „Die Bibliothek“, erwiderte Rachel und übernahm die Führung, da sie den Weg dorthin kannte.
Unterwegs, trafen sie auf Riley, der ihnen auf halber Strecke entgegen kam: „
Ich wollte gerade zu euch, weil ich in der Bibliothek David gesehen habe.“ Riley schien etwas unruhig zu sein, denn er hatte nervös die Augen hin und her bewegt, außerdem klang seine Stimme gestresst und so vermutete Tyler, dass er wegen seiner Projektarbeit unter Strom stand. „Was wolltest du in der Bibliothek?", fragte Rachel, nachdem die drei sich wieder in Richtung Bibliothek bewegten. „Ich wollte das Buch über den Menschen und seine Organe ausleihen, doch David hat das Buch bereits ausgeliehen. Auf die Frage, ob ich es für einen Tag ausborgen konnte, meinte er, dass ich später zu ihm kommen sollte, und das Buch abholen könnte.
In Tylers Vision wollte Rachel ein Buch bei David abholen, was bedeutete, dass seine Vorahnung recht behielt, wenn er die Diese nicht verändern würde. Der Anwalt blickte noch einmal auf seine Armbanduhr: 22:50 Uhr, dann öffnete er die Tür zur Bibliothek und ging hinein.

Sie liefen durch die verschiedenen Gänge mit den unterschiedlichsten Themen, taten so, als würden sie nach einem bestimmten Buch suchen und hielten jedoch immer unauffällig Augenkotakt mit David Ashford, der total vertieft in seiner Arbeit war und die Anwesenheit der dreien gar nicht so wirklich wahrnahm. In der Abteilung für Naturwissenschaften blieben sie stehen, weil sie von dort aus direkt auf David sehen konnten, ohne dass er sich beobachtet fühlte. Er hatte auf den Tisch drei Bücher aufgeschlagen, die unterschiedlich breit waren. Neben den Büchern lagen ausgewählte Zeitungsausschnitte, die er Wochen zuvor gesammelt und bestimmte Artikel mit gelben Textmarker angeleuchtet hatte. Das waren noch Zeiten, dachte Tyler und erinnerte sich gezwungenermaßen an seine eigene Studienzeit zurück, die größtenteils durch die unzähligen Gesetze und ihre Paragraphen trocken waren.
Tyler las wieder in seinem Buch, zwar nur halbherzig, da sein Blick immer zwischen Buch und David wechselte, aber er bekam mit, dass die Brüder im Buch mit einem amerikanischen Ureinwohner, dem Indianer, kämpften – Zumindest in dem Kapitel, wo er sich gerade befand. Rachel und Riley klapperten – ganz Undercover-mäßig und doch ein bisschen auffälliger als Tyler – die Bücherregale ab. Immer, wenn sie wieder beim Anwalt ankamen, fragten sie, ob David sich in irgendeiner Art verändert hatte oder ihm etwas Merkwürdiges aufgefallen war, aber jedes Mal schüttelte er den Kopf. David verhielt sich nachwievor normal. „
Macht es dir was aus, wenn ich wieder zurück ins Zimmer gehe? Ich muss heute noch unbedingt die Projektarbeit zu Ende schreiben, da ich die morgen abgeben muss.“ Rileys Blick wanderte nach seiner Frage zu Rachel, die den Kopf zu einem Nein schüttelte, weil sie Angst hatte, dass ihm was zustoßen könnte. Er nahm dies zur Kenntnis und wollte dennoch auf Tylers Antwort warten. „Warte-“ Tyler unterbrach seinen angefangen Satz, weil David sich an der Stirn gefasst hatte. Würde er nun Schmerzen bekommen und danach endlich zum Tier verwandeln? David riss seinen Mund auf und streckte sich, jedoch nicht, weil er fürchterliche Schmerzen erleiden musste, sondern weil er gegen seine Müdigkeit ankämpfte, die sich langsam bei ihm breit machte.

Wir haben jetzt genau halb zwölf. 30 Minuten, bis du entführt wirst. Also ich stimme deiner Freundin zu. Lieber sitzt du bis um 3 Uhr an deiner Projektarbeit, als das du kurz nach Mitternacht von David entführt und womöglich noch getötet wirst.“ Riley konnte Rachel nachvollziehen, weshalb sie sich sorgen machte, aber er wollte für die Projektarbeit - die für sein Studium ziemlich wichtig war – eine gute Zensur bekommen. „Und was ist, wenn wir in unser Zimmer gehen und du einfach später vor seinem Zimmer lauerst?“ Vielleicht mussten die drei gar nicht mehr überlegen was sie als nächstes machen wollen, denn David schien langsam einzupacken. Er legte die Zeitungsartikel wieder in sein Schreiblock, den Kugelschreiber mit dem Textmarker steckte er in seine Hosentasche, die Bücher klappte er zusammen und brachte zwei davon wieder zurück in die Regale, woher er sie entnommen hatte. Schnell verschwanden Tyler, Riley und Rachel hinter einem großen Bücherregal, gerade noch rechtzeitig, bevor er die drei sichten konnte. Als er wieder weg war, streckte Tyler vorsichtig seinen Kopf hinter dem Regal hervor. Der Abstand zwischen David und den dreien war groß genug um schnell reagieren zu können und deshalb gab er Riley und Rachel ein Zeichen, dass sie ihm leise folgten sollten. Sie blieben immer wieder hinter einem Regal stehen, wie bei einer verdeckten Ermittlung in einem Krimifilm oder Ähnlichem.
Bis jetzt gab es an David keine Anzeichen, dass er zum Werwolf mutieren würde.
Der Anwalt dachte an den Fall von Alexander Burks (Episode 13) zurück und wusste daher, dass die Personen von einer Sekunde auf die Andere zum Tier verwandelt werden können, ohne vorher einen langen Verwandlungsprozess durchzumachen. Sie hatten einfach schreckliche und unerträgliche Schmerzen. ‚
Zumindest war es so bei Mister Burks‘, dachte Tyler und huschte aus der Bibliothek, wo er gleich eine Wand zum verstecken suchte.

***

Unruhig tippte Trevor mit dem Finger gegen sein Lenkrad. ‚Irgendwie schwachsinnig, einfach nur da zu sitzen und so zu machen, als würde man nach dem Mörder suchen‘, dachte der Polizist und drehte sich zu Carmen, die ebenfalls in ihre Gedanken schwelgte und gar nicht mitbekam, wie er sie ansah. „An was denkst du gerade?“ Carmen schüttelte sich kurz und wandte sich zu Trevor. „Ich frage mich, welchen Teil wir in der ganzen Dämonensache haben. Wird es immer so sein, dass wir nur zum Teil mit darin verwickelt sind? Was ist, wenn wir eines Tages gar keine andere Wahl haben, als zu kämpfen, weil Tyler und die Anderen uns und die Menschen nicht mehr beschützen können?
Das habe ich mich auch schon gefragt. Wer außer ich selbst, kann meine Frau und meine kleine Tochter beschützen? Niemand.“ Trevor beobachtete die Menschen, die an ihrem parkenden Streifenwagen vorbeiliefen und beschäftigt waren, was sie als nächstes machen oder sich ärgerten, weil ihr Tag auf der Arbeit nicht so lief, wie sie sich das vorgestellt hatten. Themen, die nichts mit Dämonen zu tun hatten.
Ein Zischen ertönte aus dem Funkgerät und kurz darauf war Jeff zu hören. „
Wir haben Andreas Burks in der E 23rd Street entdeckt. Er ist zu Fuß und als er mitbekommen hat, dass er von uns verfolgt wird, ist er uns entwischt, als er in die Glennwood Road abhaute.
Ihr müsst nach ihm suchen, wir kommen so schnell wie es geht zu euch.“ Trevor zündete danach den Motor an und ließ die Sirene los. Die Passanten auf den Straßen zuckten vor Schreck zusammen und blickten dem Streifenwagen hinterher, der an ihnen vorbeisauste. „Hoffen wir nur, dass Andreas Burks nichts angestellt hat.“ Trevor trat erneut auf das Gaspedal, weil er einen Gang zulegen wollte. Denn Glennwood Road kreuzte sich mit der Bedford Avenue, worauf sich der Campus befand. Andreas Burks war also unmittelbar in der Nähe von Tyler. Carmen telefonierte sofort mit Tyler und informierte ihn darüber. Sie wollte ihn warnen, denn er hatte vielleicht nicht nur ein Werwolf am Hals sondern gleich zwei.

.: Brooklyner Campus :.

Als David in sein Zimmer verschwand, klingelte Tylers Handy. „Ja.
Tyler ich bin’s Carmen. Andreas Burks befindet sich auf der Glennwood Road. Es kann also gut möglich sein, dass er demnächst den Campus aufsucht.“ „Na super“, ärgerte sich Tyler, „Kann er nicht warten, bis ich mit David fertig bin? Naja, die Dämonen eben. Wenn sie kommen, dann alle auf einmal.
Carmen wollte den Anwalt noch mitteilen, dass sie ebenfalls zum Campus kommen werden, wenn Andreas tatsächlich dort sein sollte, doch bevor sie ihm das sagen konnte, hatte er schon aufgelegt.
Gespannt sahen Riley und Rachel zu Tyler, der ihnen mitteilen sollte, weshalb er auf einmal so besorgt aussah. „
Ihr müsst in euer Zimmer gehen und warten, bis ich euch grünes Licht gebe.“ „Was ist denn passiert?“, fragte Riley. „Der mächtigste Werwolf Moiris oder besser gesagt, Andreas Burks wurde in der Glennwood Road gesichtet. Carmen vermutet stark, dass er den Campus aufsuchen wird, weil er sicherlich seinen neuen Freund, David Ashford abholen möchte.
Riley und Rachel wollten Tyler behilflich sein, doch er wollte nach wie vor, dass die beiden sich in ihr Zimmer begeben. Es war zu gefährlich. „
Na gut, aber pass auf dich auf.“ Die beiden eilten die Treppen hinauf und verriegelten die Zimmertür. Es war mittlerweile 10 Minuten vor Mitternacht, und langsam wurden die beiden aufgeregt. „Keine Sorge, Schatz. Wenn nur jemand versuchen sollte, dir ein Haar zu krümmen, werde ich ihm die Leviten lesen.“ Riley gab ihr einen Kuss und umarmte die vor Aufregung zitternde Rachel.

Nervös bewegte Tyler seine Augen hin und her. Sollte er in die zweiten Etage gehen und auf Davids Verwandlung warten oder doch lieber aus dem Campus laufen, um Moiris abzufangen, falls er auftauchen sollte? Er griff nach seinem Handy und wählte die Nummer von Atropos. Vielleicht waren die Göttinnen ihm schon auf den Fersen. Es klingelte dreimal, ehe er weggedrückt wurde. „Wieso nimmst du nicht ab und drückst mich weg?“ Kaum hatte er sich das gefragt, erschien Atropos vor ihm. „Wir sind an Moiris dran. Mach dir also keine Sorgen und kümmer dich um David.“ Danach verschwand die Göttin wieder.
Er kehrte wieder um und bestieg die Treppen. Während er zügig nach oben trabte überlegte er, wie er David am besten überraschen konnte. Einfach draufhauen und ihm mit seinem Taschenmesser eine Wunde zuführen oder gleich mit dem Revolver in sein rechtes Knie schießen, so dass er nicht mehr abhauen konnte? Tyler gelangte in die zweiten Etage und huschte hinter die Wand - wie in seiner Vision. Er überprüfte die Uhrzeit – Fünf Minuten vor Mitternacht, er würde gleich aus seinem Zimmer rennen, jedoch würde eines nicht auftreten. Die Moiren waren nicht wie in seiner Vision anwesend, was bedeutete, dass er in das Geschehen eingegriffen und die Zukunft verändert hatte.

****

Andreas Burks bog in einem schnellen Tempo in die Bedford Avenue ab. Er hatte die NYPD abhängen können doch spürte er eine übernatürliche Präsens. Eine konnte er defintiv identifizieren, weil er vor langer Zeit eine Beziehung mit ihr geführt hatte – Klotho. Der Werwolf blieb abrupt stehen und drehte sich um. Obwohl er die Anwesenheit der Göttinnen spürte, konnte er sie nirgends sehen. „Wo zur Hölle versteckt ihr euch?“ Ein Blick nach links, dann nach rechts. Immer noch niemand. Er zog seine Laufgeschwindigkeit an und steuerte direkt auf den Campus zu. Die Göttinnen hatten sich hinter ein parkendes Auto versteckt und Hekate sorgte dafür, dass er die Aura der Göttinnen nicht klar lokalisieren konnte.
Wir müssen ihm nachlaufen, ansonsten erwischt er uns noch“, riet Lachesis den Anderen und bemerkte den Streifenwagen, der an ihnen vorbei sauste. Darin saßen Trevor und Carmen die wie Andreas direkt auf den Campus zu steuerte.

Da ist unser Übeltäter“, merkte Trevor an schnitt dem wiedergeborenen Werwolf den Weg ab. Mit einem eisernen Blick, sah er die im Auto sitzenden Polizisten an. Ohne jegliche Vorwarnung, schlug er mit beiden Händen gegen die Motorhaube und zerkratzte den Wagen. Trevor und Carmen stiegen mit gezückten Waffen aus dem Auto und zielten auf Andreas. „Zurück! Haben Sie verstanden. Zurück.“ Trevor staunte nicht schlecht, als er die tiefen Kratzspüren auf seinen Streifenwagen sah. Der Werwolf besaß wahnsinnige Krallen, die Metall wie ein Papier beschädigen konnte.
Ihr Narren, glaubt ihr etwa, dass ich Angst vor euch habe? Menschen. Ihr habt euch nicht verändert und seid genauso wie früher, einfach nur naiv und größenwahnsinnig. Glaubt ihr etwas wirklich, dass ihr mich aufhalten könnt? Niemals.“ Der Werwolf richtete sich zum Angriff auf. Er ging leicht in die Knie und setzte zum Sprung an – Sein Ziel? Trevor.
Trevor merkte zu spät, dass Andreas ihn Angriff und fiel unsanft zu Boden. Der Werwolf zeigte seine Krallen und zerkratzte ihm die Schutzweste. Um ihren Kollegen zu helfen, eilte sie von der Beifahrerseite vor zu Trevor und zögerte nicht mehr länger einen Schuss abzufeuern. Erwischt. Sie traf Andreas an der linken Schulter, weshalb er sich vor Schmerz aufrüstete und Trevor seine Chance nutzte und ihn von seinen Körper stieß. Hastig richtete er sich wieder auf. Es war Mitternacht. Vollmond. Andreas Burks fiel auf die Knie und verwandelte sich innerhalb weniger Sekunden zu einem monströsen Wolfsmensch. Seine langen und scharfen Krallen hinterließ auf dem Teerboden tiefe Kratzspuren. Seine Eckzähne wurden länger und seine Augen wechselte seine Augenfarbe – Hellblau, fast weiß. Mit einem angsteinflößenden Gejaule, sprintete der Werwolf los, ungeachtet, was die zwei Polizisten in diesem Moment dachten oder gegen ihn unternehmen wollten. Er hatte nur ein Ziel: Der Brooklyner Campus. „
Wir müssen ihm hinterher“, rief Carmen und rannte los. Trevor folgte ihr, „Das habe ich kommen sehen.

.: Brooklyner Campus :.

Trevor und Carmen blieben vor dem Campus stehen, da hinter ihnen eine weibliche Stimme zu hören war. „Nicht reingehen.“ Die Polizistin drehte sich verwundert um und sah die Göttinnen. „Sagt euren Kollegen, dass Andreas Burks nicht mehr in der Boulevard Avenue ist. Wir dürfen kein Aufsehen erregen. Alles muss sich im Verborgenen abspielen.

 

Er müsste doch längst schon zum Werwolf mutiert sein“, murmelte Tyler verwundert und kam hinter der Wand hervor. Gerade als er vor dem Zimmer des Studenten stand, rumpelte es gewaltig in der ersten Etage, weshalb er zum Treppengeländer huschte und hinunter blickte. Es kam aus dem Zimmer von Riley und Rachel. Tyler sprintete die Treppen hinunter und blieb mit weit aufgerissenen Augen vor der Tür stehen. Es war nicht David, der zum Werwolf wurde, sondern Riley. Doch wieso? Alle Zeichen deuteten doch auf David? Er griff nach seinem Dolch und bewegte sich mit großen Schritten zu Rachel, die vor Angst erstarrt war und sich nicht mehr rühren konnte. „Tyler, wie kann das sein? Ich dachte, dass…“, Rachel stoppte mitten im Satz, weil Riley den Anwalt zu Boden schleuderte und gefährlich seine Pranken zeigte. Mit einem zielsicheren Tritt in den Unterleib befreite sich Tyler aus seiner Position und rappelte sich zügig wieder auf. Der Anwalt wollte erneut einen Angriff starten, doch er merkte, wie Rileys Kopf zur Tür schwankte. Der mutierte Student roch Blut, das nicht im Zimmer zu finden war, sondern in der zweiten Etage. Es war das besondere Blut, die besondere Aufgabe, die ihm aufgetragen wurde um sich unter Beweis zu stellen und somit berechtigt zu sein, vom mächtigsten Werwolf gewählt wurde, um an seiner Seite kämpfen zu dürfen.
Es war wie bei einer Mutprobe, die Manche bewältigen mussten, ehe sie in einer Clique aufgenommen wurden. Doch in diesem Fall, war es mehr als nur eine Zugehörigkeit – Das Leben vor und nach der großen Schlacht.
Schnell sprang er mit großen Sprüngen aus dem Zimmer, bestieg auf allen Vieren die Treppen und schlug die Zimmertür von David ein. Dieser erschrak sich fast zu Tode und gab einen lauten Schrei von sich. Tyler, der nicht so schnell wie Riley war, kam erst einige Zeit später an und hatte mittlerweile den Revolver in der Hand. Er zielte auf den Freund seiner Cousine. „
Verschwinde. Ansonsten muss ich abdrücken.“ Dieser jedoch dachte im Traum nicht daran, sein Opfer in Ruhe zu lassen und näherte sich David. Er durfte nicht schon bei der ersten Hürde aufgeben, er musste sein Ziel in Visier haben um ein vollwertiger Werwolf zu werden.

Im Hintergrund hörte Tyler, wie die Eingangstür des Campuses aufging. Er schielte nur kurz nach links, weil er aufpassen musste, dass Riley den zu unrecht verdächtigten David nicht verletzte. „Es tut mir leid Riley, aber wenn du nicht hören willst.“ Tyler drückte ab und die Kugel traf den Werwolf direkt in die rechte Schulter. Dieser brüllte wütend und bäumte sich auf. Die Chance wollte der Anwalt sich nicht entgehen lassen und sprintete auf Riley zu. Gleichzeitig zückte er nach dem Elixier und schüttete den gesamten Inhalt in die offene Schusswunde. Kurz daraufhin, fiel Riley zu Boden und krümmte sich vor Schmerz zusammen. ‚Hoffentlich funktioniert’s auch‘, dachte Tyler und wartete ab, was mit dem Studenten passierte – Er klappte zusammen. War’s das? Unsicher lief der Anwalt einige Schritte auf Riley zu. David jedoch konnte nicht mehr im Zimmer bleiben, weshalb er an Tyler vorbeihuschte und nur noch das Weite suchen wollte. Der Anwalt kniete sich zu Riley und tastete seinen Puls ab. ‚Ein Glück. Der Puls war noch zu hören.‘ Er nahm ihn auf den Arm und lief aus dem Zimmer. Als er im Gang war, bemerkte er erst jetzt, was für eine Unruhe draußen herrschte. Rasch bewegte er sich vorwärts und trappte so schnell wie es nur möglich war die Treppen hinunter. Als er im ersten Stockwerk angekommen war kam ihm auch schon Rachel entgegen. „Geht es ihm gut?“, fragte sie aufgeregt und war nach wie vor, völlig blass im Gesicht. „Er muss verarztet werden, aber es besteht keine Gefahr mehr, dass er zum Werwolf mutiert“, beteuerte der Anwalt und hob Rileys Hand in ihre Richtung. „Keine Krallen mehr. Aber sag mir, was gerade unter uns gespielt wird.
In diesem Moment tauchte Violet unangemeldet auf. „
Ich bringe die beiden ins Krankenhaus. Kümmere du dich um Moiris. Die Göttinnen schaffen das nicht alleine.“ „Aber woher… Wie bist du…?“, stotterte Tyler und legte Riley mit dem Rücken zur Wand, auf den Boden. „Ich hatte soeben eine Vision und die sah nicht gerade prickelnd aus. Also beeil dich.

.: Vor Ian Porters Haus :.
-2984 Bedford Avenue-

Ian zog den Schlüssel aus dem Zündschloss und stieg aus seinem dunkelblauen metallic Mercedes CLK. „Ich hole in meiner Wohnung nur schnell die DVD, von dem ich dir erzählt habe. Willst du hier unten warten oder willst du mitkommen?“ Für Hope war die Frage einfach zu beantworten. Um diese Uhrzeit alleine im Auto zu sitzen, war definitiv nicht ihr Fall, und so stieg sie ebenfalls aus. „Ich komme mit dir.
Hope betrachtete das mit roten Backsteinen gebaute Haus. Sie vermutete, dass es zwischen den 50ern gebaut wurde. Nach nur 6 Stufen waren sie vor der weißen Haustür. Beim Öffnen knarrte die Tür ein wenig – fehlte zwischen den Scharnieren nicht etwas Öl? – und danach standen sie schon im gemütlich eingerichteten Flur. „
Du hast mir nicht erzählt, dass du dir als Gefängniswärter ein kleines Häuschen leisten kannst“, merkte Hope an und staunte dabei nicht schlecht. Sie blieb im Flur stehen, aber dennoch konnte sie ein Blick in das Wohnzimmer werfen, dass ebenfalls schön eingerichtet war. Überwiegend weiße Wände mit creme-farbigen Akzenten. Die Möbel waren aus Buchenholz und somit passte alles zusammen. „Warte hier, ich bin gleich wieder da“, sagte Ian und eilte die Treppen hinauf, die zum oberen Stockwerk führten. An den Wänden hingen Familienbilder, die ihr zeigten, dass Ian höchstwahrscheinlich ein Familienmensch war. Hope konnte sich an den Bildern kaum satt sehen, als er wieder die Treppen hinunterrutschte. Ian liebte es, am Geländer, hinunterzurutschen. Es war früher schon so und heute eben auch noch. Hope schmunzelte bei diesem Anblick. „Meine Eltern haben dieses Haus gekauft, ehe sie sich dazu entschlossen haben, nach Texas zu ziehen. Da ich lieber in Brooklyn bleiben wollte, schlug ich ihnen vor, ihr Haus abzukaufen. Schließlich verbinde ich mit diesem Haus viele meiner Erlebnisse. Ich bin darin ja aufgewachsen.“ Ians Augen strahlten förmlich, während er sprach.

.: Brooklyner Campus :.

Trevor schielte nervös zu Carmen. „Wir können hier doch nicht einfach so warten, oder?“ Ratlos zuckte Carmen ihre Schulter und lehnte sich gegen die Glastür um hineinzusehen.
Moiris nahm es mit vier Göttinnen auf, und dennoch schien er die Oberhand zu haben, weil er so flink war. Er blieb nie stehen, sondern war ständig in Bewegung. „
Wann kommt ihr wieder ins Präsidium?“, ertönte es aus dem Funkgerät, die an Trevors Halfter steckte. Rasch nahm er es in die Hand und antwortete auf die Frage: „Wir kommen in einer halben Stunde. Schneller geht es nicht, weil die Straßen zu überfüllt sind.“ Plötzlich zerbrach eine Scheibe der Glasvitrine, die so laut war, dass die Polizisten es auch draußen gehört hatten. Stutzig fragte Jeff seinen Kollegen, was im Hintergrund passierte. „Es ist nichts. Also wie gesagt, wir kommen.“ Trevor packte das Funkgerät wieder weg und zückte nach seiner Waffe. „Mir ist egal was die Göttinnen gesagt haben, aber ich bleibe nicht hier draußen.

 

So grob wie der Werwolf Atropos packte, wurde sie genauso gegen die Wand geschleudert. Unglückerlicherweise landete sie mit der Schläfe direkt auf den harten Marmorboden und war sofort bewusstlos. Als Lachesis ihr zur Hilfe kommen wollte, sprang er sie an und riss ihre Bluse auf. Er wollte ihr Oberkörper aufschlitzen, doch dazu kam es nicht, weil Tyler in diesem Moment hinunterkam und einen Schuss losließ, der jedoch daneben ging. Aufgebracht musterte der in Andreas Burks wiedergeborene Werwolf, den miserablen Schützen und wandte sich von Lachesis ab. „Du legst dich mit einer Frau an? Ist das nicht ein bisschen erbärmlich?“ Tyler versuchte Andreas zu provozieren um ihn von den Göttinnen abzulenken. Mit Erfolg, denn der Werwolf hasste es, wenn man ihn unterschätzte. Doch der Anwalt hätte vielleicht mit seinen Ablenkungsmanöver abwarten sollen, bis er von Hekate das Elixier bekam. Nun blieb er jedoch ohne dem Antitoxin und musste schauen, dass Andreas ihn nicht unter seine messerscharfen Krallen bekam.

Tyler wetzte nur so die Treppen hinauf, als Andreas sich zum Ziel gesetzt hatte, ihn auseinander zunehmen. Er hörte noch, wie Hekate versuchte ihm das Elixier zuzuwerfen, aber der Werwolf war so verdammt schnell, dass ihm keine andere Wahl blieb als vor dem Monster zu flüchten. „
Na super, Tyler. Du hättest ihn ruhig fragen können, ob er dir 10 Sekunden Vorsprung gibt“, jammerte Tyler während er in die erste Etage ankam und den Gang hinunter flitzte. Klotho die ihren ehemaligen Geliebten hinterher rannte, hatte von Hekate das Elixier bekommen und nun lag es an ihr, ob der mächtigste Werwolf gezähmt werden konnte oder nicht.

Eine Wand. Verdammt eine Wand. Tyler sah die Wand kommen und links und rechts nur Zimmertüren. Kein Fluchtweg, kein weg der ihn aus der brenzlichen Lage retten konnte. Er drehte sich um und sah, wie Moiris immer näher kam. „Bitte, bitte verfehle diesmal nicht“, flehte er seinen Revolver an und zielte auf die Brust des Angreifers. Es war schwer, denn er blieb ja nicht stehen. Schuss. Hat er getroffen? Andreas verzog kurz seine Augen. Die Kugel hatte ihn nur gestreift, was ihn jedoch relativ kalt ließ. „Moiris bleib stehen!“, befahl Klotho, die ihn mittlerweile fast eingeholt hatte.
 

Fortsetzung: 17.5. Schlag auf Schlag