Was bisher geschah: „Das heißt ja, dass Melody Candis mit mir verwandt ist“, murmelte Carmen vor sich hin und setzte sich auf das Bett und ließ interessiert in dem Buch weiter. „Es muss ein Grund geben, weshalb ich erst jetzt auf den Ursprung und die Entstehung dieses Buches stoße. Aber welcher bloß?“…
18.3. Das Herzmedaillon
.: Bei Quinn Candis :.
„Carmen
Johns?“, fragte Quinn zögerlich und öffnete
vorsichtig die Tür. „Ja die bin
ich, wir haben vorhin telefoniert.“
Quinn müsste Mitte 40 sein, hatte lange dunkelblonde gelockte Haare, ein
markantes Gesicht woraus die Wangenknochen hervorstachen und volle Lippen -
Männer würden sie sicherlich attraktiv finden, da war sich die Polizistin
sicher. Stumm folgte Carmen ihr, die zuletzt ihre Tochter verloren hatte und
deutlich spürte, dass sie noch ziemlich erschüttert und traurig darüber war.
Sie nahmen auf dem roten Sofa im Wohnzimmer platz. Quinn schaltete den Fernseher
aus und sah Carmen an. „Vielleicht sollte ich vorab sagen, dass ich Privat
gekommen bin. Ich bin im Fall ihrer Tochter nicht involviert.“
Quinn nickte leicht und bat Carmen was zu trinken an, was sie jedoch dankend
ablehnte. „Kommt ihnen das Buch bekannt vor?“, fragte die Polizistin und kramte
das Buch aus ihrer Tasche hervor. Als Quinn das mit braunem Leder gebundenem
Buch sehen konnte, wirkte sie irritiert und gleichzeitig erschüttert. Carmen
nahm die Reaktion wahr und reichte ihr es weiter. „Das kann doch nicht möglich
sein“, murmelte Quinn und blätterte die Seiten durch. „Tatsächlich, dass ist das
Buch.“
„Was wissen Sie über das Buch? Ihre Tochter hat es mir gegeben und so wie es
aussieht, kennen sie es auch. Was verbindet mich und ihre Tochter mit Efgenia,
die das Buch ins Leben gerufen hat?“ Mit zusammen gepressten Lippen und einer
verunsicherten Gestik, versuchte sie Carmen aufzuklären:
„Du bist mit Efgenia verwandt. Die neugierige Tochter des Schmieds, die einfach
nicht aufhören konnte, Informationen über die übernatürlichen Wesen zusammeln.
Nach ihrem Tod führte ihre Schwester das Buch weiter, die nicht wahrhaben
wollte, dass ihre Schwester eine Hexe war. Neun Jahre vergingen und die kleine
Schwester Agni wuchs langsam zu einer jungen Dame heran. Doch nicht nur sie
wurde älter, sondern das Buch wurde immer mehr mit Inhalt gefüllt. Als sie mit
18 Jahren, einen Weg gefunden hatte, die Wahrheitsgöttin Aletheia herbeizurufen,
verwechselte sie eine Silbe des Zauberspruchs und sorgte dafür, dass Ker, die
dämonische Göttin des gewaltsamen Todes, beschworen wurde. Ehe ein Unglück
passieren konnte, rettete Hypnos Agni vor den Zorn von Ker und schickte sie
zurück in die Unterwelt. Das schüchterne Mädchen bedankte sich bei Hypnos und
schwor ihm, mit den Zaubersprüchen aufzupassen. Bevor er sich verabschiedete,
wollte er wissen, wen sie eigentlich herbeirufen wollte und als sie ihm ihr
Anliegen mitteilte, erzählte er ihr die wahre Geschichte ihrer Schwester.
Agni war wütend und wollte
Gerechtigkeit. Als Hypnos verschwand, suchte sie im Buch Informationen nach der
Hexe und diesmal wollte sie gerüstet sein. Am Tag, an dem sie die Hexe beschwor
und sie in die Hölle verbannen wollte, unterschätzte Agni die Macht der Hexe und
geriet in Schwierigkeiten. In letzter Sekunde rettete Hypnos erneut die
unerfahrene Zauberin. Als sie fragte, wieso er immer zur Stelle war, wenn sie
Hilfe brauchte, beichtete er ihr, dass er der heimliche Liebhaber von ihrer
Schwester war und kurz vor ihrem Tod versprach, auf ihre kleine Schwester
aufzupassen.
Und so hielt er sein Versprechen. Agni sah sich dazu bestimmt, die Menschen vor
den Dämonen zu beschützen und nutzte das Buch dazu Menschenleben zu retten. Doch
immer wenn sie Hilfe brauchte, war Hypnos an ihrer Seite, sodass die beiden sich
nach einiger Zeit näher kamen und ineinander verliebten. Agni hatte ein schlechtes
Gewissen ihrer Schwester gegenüber, doch es schien, als hätte das Schicksal sie
zusammengebracht, denn sie wurde von ihm Schwanger und gebar neun Monate später
eine kleine Tochter, Chaido. Durch die Geburt wurden die Götter und Dämonen auf
die beiden aufmerksam und sie zwangen die beiden sich zu trennen. Das Kind
jedoch, war eine Mischung aus Mensch, Gottheit und Dämon, was ein großer Dorn in
den Augen der Übernatürlichen war. Das Kind war zu Besonders und dass bedeutete
Gefahr fuhr alle Fronten. Agni lebte jeden Tag mit der Angst, dass ihr Kind und
ihr selbst was zustoßen könnte und so half ihr Hypnos ein letztes Mal. Er täuschte den
Tod von Agni und seiner Tochter vor. In Wirklichkeit schickte er die beiden
jedoch in einen tiefen Schlaf und versteckte sie in eine Höhle, als jeder davon
ausging, dass die beiden gestorben sind - völlig abgeschirmt von der Außenwelt. Chaido
wuchs zu ihrem eigenen Schutz in einer Traumwelt auf und öffnete erst ihre
Augen, als ihre Mutter im Sterben lag, weil sie schwer krank wurde.“
.: Californien, Santa Monica :.
Unmittelbar im Garten angekommen, sah
Jonathan zwei Personen, die versuchten, sich vor ihm und Tyler zu verstecken.
Tyler, der die beiden Personen ebenfalls gesehen hatte, verdrehte genervt seine
Augen. „Jedes Kindergartenkind kann sich besser verstecken als
die Götter“,
flüsterte der Anwalt leise vor sich hin. Jonathan lief direkt hinter das Haus
und befahl die beiden Fremden stehen zu bleiben. Daraufhin hörten Artemis und
Apollon mit dem Versteckspiel auf und liefen direkt auf Jonathan zu. Gespannt,
was die beiden zu Jonathan gleich zur Erklärung sagen würden, blieb Tyler neben
ihm stehen, verschränkte seine Arme vor der Brust und ließ für einen Moment lang
ein spitzbübiges Grinsen in seinem Gesicht hervor blitzen. „Wir müssen dich
mitnehmen, weil in dir höchstwahrscheinlich der Tod schlummert.“
Tyler fasste sich an die Stirn und schüttelte dabei missverständlich den Kopf.
Hatte Artemis tatsächlich einfach ohne jegliche Vorwarnung Jonathan mit der
Wahrheit – die eigentlich seine Aufgabe war - konfrontiert oder hatte Tyler sich
nur verhört. Als Jonathan kurz darauf anfing zu lachen und das gar nicht glauben
wollte, wiederholte Artemis noch einmal ihre Worte. Er blickte zu Tyler, der mit
der Situation überfordert war. Sollte Tyler verärgert sein oder doch eher
schadenfreudig lachen, weil die Götter von Jonathan nicht für voll genommen
wurden? „Tyler sag doch was. Wir haben doch keine
Zeit“, bat Artemis den Anwalt und hielt dabei
Jonathan im Auge, der langsam mit dem Lachen aufhörte. „Ist
das ein Scherz? Ihr wollt mich auf den Arm nehmen, nicht wahr?“
Da Tyler sich nicht dazu äußerte wurde Jonathan skeptisch. „Die
Frau meint es ernst, oder? Langsam glaube ich, dass dies der wahre Grund ist,
weshalb du gekommen bist, Tyler. Also sag mir endlich was los ist.“
Ehe Tyler etwas sagen konnte, berührte Artemis Jonathans Stirn wodurch er bewusstlos wurde und langsam zu Boden sackte. „Gratulation. Gut habt ihr beide das gemacht. Jetzt glaubt Jonathan, dass ich erstens verrückt geworden bin und zweitens in meiner Freizeit mit Verrückten meine Zeit vertreibe.“ Apollon und Artemis hatten kein Verständnis für Tylers Sorge und meinten, dass sie wieder zurück in das Psychiatriezentrum mussten. „Und wie soll ich es bitteschön Susan und ihren Töchtern erklären, dass ihr Vater auf einmal nicht mehr da ist? Apropo, wie lange wollt ihr ihn den bei euch behalten?“ Auf die Frage hin, umfasste Apollon Jonathans Hand und verwandelte sich in das exakte Ebenbild, welcher bewusstlos auf den Rasen lag. „Solange es nötig ist“, antwortete Apollon und stand wieder auf. Sichtlich erstaunt weitete Tyler seine Augen auf und musste mehrmals hintereinander Blinzeln. „Kannst du denn Jonathan nachahmen, sodass es niemanden auffällt?“ „Ich werde mein bestes geben.“ Völlig sprachlos ließ er sich zusammen mit dem reglosen Jonathan von Artemis fortbeamen…
.: Bei Quinn Candis :.
Carmen konnte kaum glauben was sie
hörte: „Wenn Efgenia keine Kinder hat, dann heißt es doch, dass ich ein
Nachkomme von Chaido, die Tochter von Agni sein muss. Und wenn Melody ebenfalls
mit ihr verwandt ist, dann sind Sie…“
Das Handy von Carmen fing an zu schellen und unterbrach ihr Gespräch. „Hey
Carmen, ich bin es, Dwight. Mir wurde mitgeteilt, dass du uns bei der Suche von
den Moiren weiterhelfen könntest.“
„Und wie? Was soll ich tun?“, fragte Carmen überrascht.
„Mit dem Herzmedaillon, die deine Mutter…“ Unerwartet wurde die Verbindung
schlechter – Ununterbrochen ertönte das Rauschen und das Zischen am Hörer
wodurch kein einziges Wort mehr zu verstehen war, bis das Tuten die Verbindung
ganz unterbrach.
„Na super“, murmelte Carmen frustriert und versuchte Dwight erneut anzurufen –
Ohne Erfolg.
„Was hat das alles zu bedeuten?“ Die Polizistin war verwirrt. Zu viele
Informationen und Fragen auf einmal, die sie erst verarbeiten musste. Sie
brauchte einen klaren Kopf, weshalb sie das Bad aufsuchte und am Waschbecken
ihre Wangen mit Wasser befeuchtete, weil sie vor Aufregung rot anliefen. „Ist
Miss Candis etwa meine Mutter? Das kann doch nicht sein. Bin ich etwa mit einer
großen Lüge aufgewachsen? Und was will Dwight mit einem Herzmedaillon?“
Plötzlich hörte sie außerhalb des Badezimmers ein lautes Poltern. „Miss Candis!“ Carmen riss die Tür auf und wollte nachschauen was passiert war. Als sie im Wohnzimmer Melody erblickte, die an ihrem ganzen Körper Brandwunden hatte, ihre Haare durch den Brand völlig kaputt, zerzaust und kurz waren, bekam es Carmen mit der Furcht zu tun. Melody hatte Quinn am Hals gepackt und sie auf die Knie gezwungen. „Wieso hast du mir nicht die Wahrheit über dich und mich erzählt? Wieso hast du es zugelassen, dass die Dämonen mich verbrennen? Wieso?“ Mit voller Wucht schleuderte Melody ihre Mutter gegen die Wand, die nach dem Aufprall nach Luft rang. „Melody Schatz, beruhige dich. Ich kann dir alles erklären.“ „Nichts da. Du bist schuld, dass ich tot bin - Du allein!“ Mit einem Mal, fing die ganze Wohnung an zu rütteln und es schien, als würde Melodys zunehmende Wut, dies verursachen. Die Bilder an den Wänden fielen zu Boden, die Stühle verschoben sich, die Gläser vielen auf den Boden und zerbrachen in tausend kleine Scherben.
Da Melody so beschäftigt war, ihre Wut
an ihrer Mutter herauszulassen, nahm Carmens Anwesenheit gar nicht wahr und so
konnte Carmen unbemerkt zu ihrer Handtasche gelangen um nach der Dienstwaffe
zugreifen. „Lass sie in Ruhe.“ Mutig lief Carmen mit gezogener Waffe langsam in Melodys Richtung. „Du willst mir doch jetzt nicht ernsthaft damit drohen, oder?
Ich bin tot und daran ist nur sie Schuld.“ Die zornige junge Frau machte eine
ruckartige Handbewegung in die Richtung von Quinn, wodurch sie durch den Raum
geschleudert wurde und gegen den Tisch knallte. Folglich zerfiel der Tisch in
sich.
Voller Schmerzen stützte sich Quinn vom Boden ab. Sie hatte sich durch den Sturz
die rechte Schulter ausgekugelt und hatte unendliche Beschwerden am Rücken.
„Willst du meiner Schwester nicht endlich die Wahrheit sagen? Das, was du uns
die ganze Zeit verschwiegen hast? Hättest du mir die Wahrheit erzählt, wäre ich
jetzt vielleicht nicht tot!“ Carmen schoss mehrere Male auf Melody, als sie
merkte, dass Melody erneut ihre Mutter angreifen wollte. Doch die Kugeln ließ
die Untote nur müde zusammenzucken. „Du..“
Unerwartet tauchten Dwight und Hypnos
im Raum auf und stellten sich zwischen Melody und Carmen. „Vade, Satana,
inventor et magister omnis fallaciae, hostis humanae salutis”, gab Hypnos mit
fester Stimme von sich und sorgte dafür, dass Melody mit einem qualvollen Schrei
zu Staub wurde.
Dwight, der froh war, noch rechtzeitig gekommen zu sein, schaute Hypnos mit
hochgezogener Augenbraue an. „Ich habe schon längere Bannsprüche gehört.“
„Melody war auch ein wütender Geist, der emotional gehandelt hat und nicht aus
Rache. Es gibt andere Geister oder Dämonen, die mit dem Exorzismus nicht mal mit
der Wimper zucken würden.“ Hypnos warf nach seiner Antwort ein Blick in das
verwüstete Wohnzimmer: „Wären wir etwas später gekommen, wäre wahrscheinlich
nicht mehr viel von der Wohnung übrig geblieben.“ „Dwight sei Dank, würde ich in
dem Fall mal sagen. Doch für ein Exorzismus, warst du ja trotzdem noch gut
genug.“ Diesen Seitenhieb konnte sich Dwight nicht verkneifen, weil er es auf
eine Art zu komisch fand, was Hypnos widerfahren wurde.
„Ich will
euch ja bei eurer netten Unterhaltung nicht stören, aber kann mir einer
erklären, was gerade vor sich geht?“ Carmen erhob
ihre Hand und schien sichtlich überfordert mit der Situation zu sein. „Zuallererst
bringen wir die Verletzte ins Krankenhaus. Ich werde dir dann später alles
erklären, Carmen“, versicherte Dwight und half Miss
Candis beim Aufstehen.
„Wartet. Ich muss Ihnen noch etwas geben Miss
Jones.“ Verwundert lief Carmen zu Quinn und half
ihr beim Aufstehen. „Mir?“
.: Kingsboro Psychiatric Center :.
Jonathan wachte aus seiner
Bewusstlosigkeit auf und nahm die harte Matratze wahr auf die er lag. Das Bett
war ebenfalls nicht gerade gemütlich und forderte regelrecht auf, sofort
aufzustehen. Wo um alles in der Welt war er und wie kam er hier her? Er fasste
sich an den Kopf und versuchte sich an das zu erinnern, was er zuletzt getan
oder gesehen hatte. Nach nur einer kurzen Zeit erinnerte er sich wieder an die
zwei fremden Personen, die vom Tod und Wiedergeburt gesprochen haben. Jonathan
warf einen Blick in das kleine und leere Zimmer. Außer einem Holztisch, einem
dazugehörigen Stuhl war nichts im Zimmer. Es war dunkel, weil kein Licht brannte
und vom Fenster, die keine Gardinen hatte, schien auch kein Licht herein, weil
es bereits Spätabend geworden war - Zumindest vermutete er es. Jonathan lief
panisch zu Tür, rüttelte hektisch am Türknauf und war völlig außer sich, als die
Tür nicht aufging. „Hallo, Ist hier jemand? Ich bin hier eingesperrt.“ Er lehnte
sein Ohr gegen die Tür und hoffte, dass jemand hinter der verschlossenen Tür
stand und ihn hoffentlich hören würde. Aber niemand reagierte. Er rief erneut,
aber diesmal lauter. Wieder wartete er auf eine Reaktion. „Dich kann keiner
hören“, ertönte es auf einmal hinter ihm.
Eigentlich war er der festen Überzeugung gewesen, dass er alleine war, doch
wieso hörte er die Stimme in unmittelbarer Nähe? Vorsichtig wagte er einen Blick
über seine Schulter und erkannte die fremde Frau, die mit ihm zuletzt gesprochen
hatte. „Sie! Wo haben Sie mich hingebracht und wieso ist die Tür verschlossen?“
Artemis stieg vom Bett und lief langsam auf ihn zu, wobei er ihr versuchte
auszuweichen. Doch wohin sollte er denn? Er war eingesperrt und in dem kleinen,
knapp 12 m² Zimmer, war kaum Platz zum entkommen. „Es
dient nur zu deiner und unserer Sicherheit. Glaub mir, ich will dir echt nichts
tun. Aber solange wir noch keine Lösung haben, wie wir den Dämon in dir
austreiben können, musst du hier bleiben.“ Völlig
außer sich hämmerte er panisch an die Tür und schrie um Hilfe. „Hast
du mir nicht zugehört, Jonathan. Keiner wird dich hören, weil dich niemand hier
vermuten wird. Außerdem sind die Wände hier so Schalldicht, dass hier rein
theoretisch ein Konzert laufen könnte, ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu
ziehen. Es bringt also nichts, außer überstrapazierte Stimmbänder.“
Hoffnungslos lief er an ihr vorbei um an das Fenster zugelangen. Er versuchte
sie zu öffnen um hinauszusteigen, aber auch dies war nicht möglich, weil sie
verriegelt war. Er war tatsächlich gefangen. „Was
hat Tyler mit der ganzen Sache zu tun? Glaubt er etwa diesen Schwachsinn? Es
gibt keine Dämonen oder irgendwelche Wiedergeburten. Das sind alles nur eure
Hirngespinste.“
„Wie lange müssen wir Jonathan
festhalten?“, fragte Tyler besorgt und tippte ungeduldig mit dem Fuß auf und ab.
Es war bereits kurz vor Mitternacht und bis jetzt tat sich gar nichts. „Solange
wie es nötig ist“, antwortete Melampus kurz, schloss danach wieder seine Augen
und konzentrierte sich wieder auf seine Aufgabe – die Weissagung. Nervös bewegte
er seine Lippen von links nach rechts und zog komische Grimassen. „Braucht ihr
mich noch? Ich meine, nur bloß herum zusitzen und nichts tun, bringt mir nichts.
Kann ich Jonathan denn mit Artemis alleine lassen? Sie tut ihm hoffentlich
nichts. Ich will ihn schließlich heil zurückbringen. Wenn ich nur an Susan
denke, wird’s mir schon übel. Hoffentlich wird sie nicht misstrauisch.“
Melampus schlug seine Augen unzufrieden auf und erweckte den Eindruck als hätte er Tyler gar nicht zugehört. wirkte aber dennoch unzufrieden. Seinem Ausdruck zufolge, hatte er nicht das gefunden, wonach er gesucht hatte. Tyler wollte helfen und deshalb schloss er ebenfalls die Augen und konzentrierte sich auf Jonathan, mit dem Ziel herauszufinden, was mit Jonathan passieren würde. Doch anstelle einer Vision von seinen Bekannten, wurde er mit einer anderen konfrontiert…
.: Bei den Carrendoors :.
„Ist mit dir alles in Ordnung?“, fragte Ava fürsorglich und überreichte Carmen die Tasse Pfefferminztee, die sie gewünscht hatte. Carmen schüttelte leicht den Kopf und starrte dabei ins Leere. „Wenn von heute auf morgen dein ganzes Leben auf den Kopf gestellt wird, muss man erst einen Weg finden, dass alles wieder einzuordnen. Ich bin gerade dabei, die Informationen zu sortieren. Weißt du Ava, ich bin immer davon ausgegangen, dass ich meine Eltern im Kindesalter verloren habe, weil mir das so erzählt wurde. Ich hatte mich damit abgefunden und konnte damit gut umgehen. Doch nun erfahre ich, dass meine Mutter noch lebt und die ganze Zeit in meiner Nähe war. Ich verstehe zwar ihre Beweggründe, aber ich verstehe nicht, wieso sie eine Tochter bei sich behalten und mich stattdessen abgegeben hat.“
Nachdenklich legte sich Ava zurück und blickte an die Decke, weil sie das immer tat, wenn sie überlegte. „Am besten ist, wenn du mit deiner Mutter sprichst. Sie wird sicherlich morgen wieder aus dem Krankenhaus entlassen und dann kannst du das Gespräch mit ihr aufsuchen. Ich bin mir sicher, dass sie dich wirklich nur beschützen wollte.“
„Ein Gespräch ist sowieso fällig. Quinn Candis ist für mich eine fremde Person und es wird sich zeigen, ob ich sie als Mutter sehen werde oder nicht. Fakt ist jedoch, dass sie mir so vieles verschwiegen hat. Ava, ich bin verwandt mit dem dämonischen Gott Hypnos, was wiederum heißt, dass ich teils ein Mensch, Dämon und Heiliger bin. Ich bin ein Freak, wenn man den Nagel auf den Punkt treffen möchte. Kein Wunder, dass mich meine Pflegefamilien nie lange behalten wollten.“ Traurig senkte Carmen ihren Kopf und unterdrückte ihre Tränen. „Wieso hat sie mir das vorenthalten? Mir ist klar, dass ich als Teenager nicht mit der Situation klargekommen wäre, aber mit Mitte Zwanzig kann ich ganz gut meine eigenen Entscheidungen treffen. Weißt du was mich zudem ärgert? Ich hätte Tyler und den anderen schon viel früher bei der Suche nach den Moiren helfen können.“
Ava blinzelte mehrmals, weil sie bis
jetzt nur die Sache mit der lebenden Mutter mitbekommen hatte. Verwundert beugte
sie sich vor. „Du hast also auch was Übernatürliches an dir?“ Nickend bestätigte
Carmen ihre Frage. „Hast du auch wie Tyler eine Gabe?“
„Naja.. Ich kann das spezielle Buch lesen und somit Beschwörungen, Zeremonien,
Hexereien und lauter solche Übernatürlichen Dinge, die im Buch festgehalten
werden, entweder an Dritte weitergeben oder selbst anwenden. Dass es nicht jedes
Mal klappt, habe ich ja selbst schon erlebt. Außerdem könnte ich in die
Traumwelt der Menschen eindringen, da ich ja das Blut von Hypnos in mir habe.“
Mit großen Augen schaute Ava die Polizistin beim Erzählen an und konnte kaum noch ihren Mund zuhalten, so spannend fand sie das alles. „Darum meintest du, dass du schon viel früher Tyler und den anderen hättest helfen können. Und wie gelangst du in die Traumwelt?“
„Meine Mutter hat meine dämonische und heilige Seite in ein Herzmedaillon verschlossen. Somit konnte ich halbwegs als normales Mädchen aufwachsen. Wenn ich dieses Herzmedaillon wieder finden würde, könnte ich in die Traumwelt gelangen.“
Hypnos und Dwight stießen in das Wohnzimmer und setzten sich zu den beiden Damen. „Deine Mutter hat das sehr geschickt eingefädelt. Sie hat das Herzmedaillon mit einem Zauber belegt, so dass wir es nicht einfach aufspüren können. Mit der Quittung, die sie uns gegeben hat kommen wir beide nicht weiter.“
Dwight kramte in seiner Hosentasche
nach dem Zahlungsbeleg. Als Ava diese zu Gesicht bekam runzelte sie die Stirn.
„Hat deine Mutter die Kette verkauft?“
„Sieht so aus. Sie wollte mit allen Mitteln
verhindern, dass ich hinter das Geheimnis komme. Aber wenn das Schicksal möchte,
dass ich mit der Wahrheit konfrontiert werde, findet es auch eine Möglichkeit,
auch wenn er Umwege gehen muss. Die Wahrheit kommt immer ans Tageslicht.“
Ava verlangte nach der Quittung und sah sie eine Weile an. Es war ein Originalbeleg aus Thermopapier woraus der Name des Antiquitätenladens zu erkennen war , an welches Quinn Candis das Herzmedaillon verkauft hatte. „Heute brauchen wir nicht mehr in den Laden gehen und nachfragen, weil geschlossen ist, aber morgen würde ich euch gerne helfen.“ Erstaunt über die angebotene Hilfe von Ava, schwankte Carmen den Kopf zu ihr. „Und was ist mit Klein-Dwight?“
„Den nehme ich zusammen mit Violet bei
dem Ladenbesuch mit. Frische Luft tut ihm gut und ich kann endlich mal raus aus
der Wohnung. Ihr glaubt gar nicht, wie erdrückend alles nach der Zeit wird, wenn
du in deinen eigenen vier Wänden gefangen bist, weil jeder um dich herum Angst
hat, dass dir oder meinem Kleinen was zustoßen könnte.“
Obwohl Carmen und Dwight nicht wirklich erfreut über Avas Vorschlag waren,
mussten sie die Hilfe annehmen, weil Tylers Ehefrau eine andere Entscheidung gar
nicht zu ließ. „Am helllichten Tag, greifen mich
keine Dämonen an und schon gar nicht mitten in der Stadt. Alles klar, dann ist
ja alles geklärt. Ich helfe euch bei der Suche nach dem Herzmedaillon und ihr
könnt euch um die anderen Dinge kümmern. Ach da würde mich doch brennend
interessieren wo mein Mann steckt. Er ist schließlich schon eine Weile fort und
es wäre schön, wenn ich ein Lebenszeichen von ihm bekommen würde.“
Nach dieser Aussage hin, stand Ava auf und nahm das Haustelefon in die Hand um
Tyler anzurufen.
.: Kingsboro Psychiatric Center :.
- Tylers Vision -
Hope und Ava gelangten zum
Inneren des
Kerkers vor, wo die vier Göttinnen gefangen gehalten wurden. Völlig verstört
saßen Sie auf den Boden und waren nicht mehr in der Lage klar zu denken. Im
Gesicht war die vollkommene Verzweiflung zu erkennen. Zudem waren sie verwirrt
und hatten jegliche Erinnerungen an die Realität verloren. Ava hatte eine
Metallzange dabei, womit sie das große Schloss aufbrechen konnte. Sie rissen die
Stahltür auf. „Kommt mit."
„Wer seid ihr und wie kommt ihr hierher?", fragte Lachesis und lief zögerlich zu
Ava die ihr zu winkte. „Wir sind eure Freunde. Beeilt euch, Carmen und Hypnos
können Phobeter nicht lange ablenken." Die Gesichter von Hope und Ava konnten
die Göttinnen nicht klar einordnen, so dass sie misstrauisch waren. Es war Klotho, die ihre Schwestern dazu überredete ihnen blind zu vertrauen.
Zusammen rannten sie den langen und dunklen Gang entlang. Mitten auf dem Weg
stolperte Atropos und riss sich dabei das Knie auf. „Wartet, Atropos hat sich
verletzt"
„Das geht schon, es ist ja nur eine kleine Schürfwunde." Sie kamen
aus dem Kerker und realisierten, dass sie mitten auf einem Friedhof waren. Es
war Nacht weshalb die Dunkelheit dominierte, da kaum Sterne am Himmel schienen,
die den Himmel mit Licht bereicherten und die vielen Wolken, den Mond fast
vollkommen verdeckten.
Phobeter
und sein Vater Hypnos, lieferten sich einen unerbittlichen Kampf, wo
keiner Nachgeben wollte. „Werde doch endlich vernünftig, Hades wird dir nicht
das geben können, was er dir versprochen hat. Überleg doch mal, er will dich nur
für seine Zwecke ausnutzen um am Ende seine eigenen Ziele verfolgen." Carmen
hatte sich hinter einem größeren Grabstein versteckt um in Ruhe im Buch nach dem
Bannspruch für Phobeter zu suchen. Als sie jedoch die Göttinnen mit den
Freundinnen sah, winkte sie die Frauen zu sich. „Geht ihr schon einmal vor,
ich werde nachkommen und dann werden wir alle zusammen wieder in die reale Welt
zurückkehren. "
Ava und die anderen wollten aus dem Friedhof rennen, doch diesmal blieben sie
nicht unbemerkt. Phobeter war total außer sich, als er seine Gefangenen frei auf
dem Friedhof umher rennen sah. „Wollt ihr mich auf den Arm nehmen?"
Er konzentrierte sich auf die vier Schwestern und flitzte in ihre Richtung.
Dabei flüsterte er leise vor sich hin und plötzlich blieben sie erstarrt stehen. Ava und Hope
hielten daraufhin verwundert an. „Wir können uns nicht mehr bewegen,
weil Phobeter unsere Körper unter
Kontrolle hat!" Kaum hatte Hekate das ausgesprochen, war auch schon Phobeter hinter
ihr und rammte ihr mit voller Wucht den Dolch in den Rückenmark. "Ihr habt es ja
nicht anders gewollt." Zuckend fiel Hekate zu Boden und blutete Stark. Die
Blutlache unter ihr verteilte sich rasant und durch den zunehmenden Blutverlust
verlor sie an Orientierung, weil um sie herum sich alles drehte. Sie merkte, wie
ihr Herz durch den plötzlichen Angriff stark pochte, weil sie aufgeregt war und kurz danach immer
langsamer wurde. Ihr Kopf dröhnte, ihre Beine waren eingefroren und bewegten
sich nicht mehr. Für sie wurde es immer schwerer die Augen geöffnet zu halten. „Hekate,
nein!“…
Fortsetzung: 18.4. Ungewissheit