19 | Prison Break

19.2. Brooklyns' Psycho

.: Bei den Carrendoors :.

Aufdringliches Klingeln, welcher jedem die Nackenhaare zu Berge stehen ließ, drang erbarmungslos an Tylers Ohren, der sich daraufhin einmal drehte und sein Gesicht tief in das Kissen drückte. Der Wecker hatte nur ein Ziel, nämlich Tyler aus seinem Schlaf zu wecken. „Nein, ist denn schon halb sieben?“, jammerte er brummend und fuchtelte mit der Hand nach dem Wecker um dieses nervtötende Geräusch abzustellen. Er hatte nicht wirklich viel geschlafen, weil sein Fall den Schlaf geraubt und er bis mitten in die Nacht daran gearbeitet hatte. Und als er dann im Bett lag und versuchen wollte einzuschlafen, gingen ihm die vielen Informationen über die bevorstehende Dämonenkämpfe durch den Kopf. Wenn die Befürchtungen der Propheten eintreten würden, so war es der Kampf zwischen Gut und Böse, Götter und Dämonen, Menschen gegen Besessenen oder Infizierten. „Guten Morgen mein Brummelbär, alles Gute zum Hochzeitstag“, säuselte Ava lieblich und setzte sich auf Tyler drauf um ihn wachzurütteln. Sie küsste ihn am Nacken und versuchte ihn mit ihren Händen zu kitzeln. Tyler war besonders am Oberschenkel kitzlig und so glitten ihre Finger direkt auf diese zu. Doch Tyler durchschaute seine Frau und wälzte sich auf den Rücken, um ihr Vorhaben zu verhindern. Er streckte seine Arme aus und umschlang ihren Oberkörper, zog sie an sich ran und drückte sie ganz fest gegen seinen Körper. „Du kleiner Quälgeist, denkst wohl, du kannst mich hier wachkitzeln. Ebenfalls alles Gute zum Hochzeitstag, auf das wir noch viele solcher Momente erleben dürfen.“ Er stieg mit Ava im Arm aus dem Bett und verließ das Zimmer, die das Frühstück gerichtet hatte und begegnete im Flur auf eine verschlafene Violet. „Oh mein Gott, dass könnt ihr mir doch nicht am frühen Morgen antun.“ Schnell verschwand Violet wieder im Gästezimmer und warf sich Müde ins Bett.
Ava und Tyler lächelten sich amüsiert an, danach ließ er seine Frau wieder auf eigene Beine stehen und suchte zunächst das Bad auf. Er sprang unter die Dusche und summte und sang die ganze Zeit zu den Liedern die im Radio gespielt wurden. So trällerte er unter anderem lautstark bei Knock You Down von Kanye West mit.

In der Küche saß Dwight mit dem Kleinen auf dem Arm und gab ihn das Fläschchen. Hungrig nuckelte der Kleine daran und sah das sein Ich aus der Zukunft ohne jegliches Blinzeln an. Vielleicht erkannte der Kleine die gleichen Augen und wunderte sich, wie das sein konnte. „
Soll ich übernehmen? Dann kannst du dich schon mal für die Arbeit stärken“, schlug Ava vor und streckte die Arme schon nach Klein-Dwight aus. Einvernehmlich reichte er ihn weiter und griff nach einem Brötchen. Tyler stieß dazu und setzte sich Dwight gegenüber. „Guten Morgen. Soll ich dich heute mitnehmen? Dann brauchst du nicht mit der Straßenbahn fahren.“ Den Vorschlag von seinem Vater nahm er gerne an, da er die Fahrten in der Straßenbahn lästig fand. Er mochte es nicht, wie hektisch es teilweise in der Straßenbahn abging und wie eng die Personen teilweise nebeneinander stehen oder sitzen mussten. „Haben sich Morpheus und Hypnos bei dir gemeldet? Wissen sie was neues über die Pläne der Dämonen und konnte Carmen ihnen weiterhelfen?“ Dwight schüttelte den Kopf und biss genüsslich in das mit Salami belegte Brötchen. „Nein, aber sie haben ja gemeint, dass sie sich melden würden, sobald sie was wissen. Lass das meine Sorgen sein, du musst ja heute schließlich einen Fall gewinnen und brauchst daher einen freien Kopf.“ Nach kurzem Zögern willigte Tyler letztendlich ein und nahm sich einen Bagel. „Wisst ihr was ich merkwürdig finde?“, fragte Tyler während er Frischkäse auf den Bagel schmierte. „Was denn?“, wollte Ava wissen. „Mir kommt es so vor, als würde mein Klient gar nicht mehr gewinnen wollen. Wenn ich unser erstes Gespräch mit dem Letzten vergleiche, nahm sein Interesse an einem Freispruch stetig ab.“ „Vielleicht ist es einfach nur die Angst vor der Verurteilung, da kann man aus Verzweiflung schon einmal die Hoffnung verlieren.“ Tyler überlegte kurz, runzelte dabei die Stirn und nickte innerlich die Möglichkeit ab. „Das kann natürlich auch sein. Hoffentlich kann ich ihn vom Gegenteil überzeugen.

.: NYPD Presidium :.

Carmen spitzte die Ohren, als sie von ihrem Büro aus, eine Frauenstimme hören konnte, die ihren Kollegen regelrecht mit Fragen überschüttete. Sie konnte nicht alles verstehen, doch was sie verstand, reichte ihr, um zu den Entschluss zukommen, aus ihrem Büro zulaufen und zu ihrem Kollegen zu gehen. Eine aufgeweckte junge Frau, sie müsste Mitte oder Ende zwanzig sein, redete ununterbrochen und fuchtelte gleichzeitig mit ihren Armen und machte den Anschein, als würde sie gleich lostanzen wollen. Ihre blau-grünen Augen hatten je nach Lichtfall etwas gräuliches, was wunderbar zu ihren zarten Rosalippen passte. Wäre sie nicht so aufgeweckt und forsch gewesen, wäre sie sicherlich viel attraktiver und sympathischer gewesen und hätte vielleicht leichter an die Informationen rankommen können, die sie von ihrem Kollegen Officer Jeff Macintosh herausbekommen wollte. Er ließ sich nicht blenden, jedoch fühlte er sich regelrecht überfahren, stotterte deshalb vor sich hin und konnte keinen anständigen Satz sprechen. So eine Situation am frühen Morgen zu erleben, wo sein Körper noch nicht wirklich funktionierte und er sensibler und gereizter auf Konfrontationen reagierte, hasste er wie die Pest. Innerlich staute sich schon sein Ärgernis an, die jeden Moment drohte, überzulaufen, wenn sie nicht bald aufhören würde zu quasseln. Zum Glück erlöste ihn Carmen indem sie dazu stieß und sich in das Gespräch mit einklinkte. „Sie schon wieder?“ Carmen und Claire sprachen das selbe aus, was sie im Moment dachten, als sie voreinander standen. Denn Claire war keine fremde Person und bekannt als die aufdringliche CBS-Reporterin. „Guten Morgen Miss Nolan, so heißen Sie doch, oder?“ Ein Nicken bestätigte ihre Frage. „Wie können wir Ihnen den weiterhelfen?“ Jeff ergriff seine Chance, sammelte seine Akten und machte eine hektische Handbewegung, die Carmen signalisierte, dass er von ihr verschwinden müsste.

Ich wollte mich über den aktuellen Stand über Sidney Calsh und Andreas Burks informieren. Wie weit sind Sie mit Ihren Ermittlungen und wann dürfen wir mit einem offiziellen Pressebericht rechnen?“ Claire griff in ihrer Tasche nach einem kleinen Notizblock und einen blauen Kugelschreiber und schaute sie nach der Frage ohne eine Wimper zu zucken an. „Wir sind weiterhin noch auf der Suche, mehr kann und darf ich Ihnen nicht sagen. Bitte haben Sie Verständnis dafür.“ So einfach ließ sich die Reporterin nicht abwimmeln, schließlich handelte es sich hierbei um einen größeren Bericht, der viele Zuschauer vor den Bildschirmen locken sollte. Mit dem dürftigen Kommentar wollte sie sich nicht zufrieden geben. „Sie verstehen doch, dass die Bürger in New York verunsichert sind. Die brutalen Morde von Andreas Burks haben die Menschen in Angst und Schrecken versetzt. Denken Sie nicht auch, dass wir Bürger ein Recht darauf haben zu erfahren, ob wir nachts ruhig schlafen können?“ Kurze Stille. Carmen überlegte, wie sie die berechtigte Frage geschickt umgehen konnte. „Wir haben verstärkt weitere Kollegen für den Fall eingesetzt um für die Sicherheit der Menschen hier in Brooklyn und auch ganz New York zu sorgen. Auch der Campus wird von meinen Kollegen überwacht. Er hat seit Monaten nicht mehr zugeschlagen, was darauf hindeutet, dass die NYPD ihre Sache gut macht und er vielleicht durch die verstärkte Kontrolle eingeschüchtert ist.“ Mist, jetzt hatte Carmen doch mehr ausgeplaudert als ihr lieb war.
Aber was ist, wenn Sie unvorsichtiger werden?“ Claire ließ nicht locker und ging ein Schritt näher auf Carmen zu, die langsam aber sicher genug von der Anwesenheit der Reporterin hatte. „Das werden wir nicht.
Detective Johns, wir müssen nun gehen.“ Die neue Arbeitskollegin, Detective Claridge trat heran und rettete Carmen aus der Situation – Ein Glück. „Ich bitte Sie höflich zu gehen. Wir müssen nun arbeiten. Wo ist denn Officer Macintosh? Er soll wieder an den Empfang, dass wir zum State Supreme Court Building fahren können.“ Bestimmend zeigte die gestandene und erfahrene Polizistin auf die Tür, die Claire ansteuern sollte. „Gehen Sie jetzt Bitte. Auf neugierige Reporter reagiere ich allergisch.“ Zerzaust stopfte die Reporterin Block und Stift in ihre Tasche und lief völlig danebengetreten aus dem Revier. „So etwas unerhörtes“, murmelte Claire verärgert und packte auf der Straße ihr Handy aus der Tasche um ein Telefonat mit ihrem Kollegen zu führen. Er sollte ihr mitteilen, was für ein Gerichtsprozess im State Supreme Court Building stattfand.

.: Kings County Krankenhaus :.

Rachel und Riley hatten Themis zugestimmt, nach dem Tod der beiden Götterzwillinge, Artemis und Apollon, ihren Platz einzunehmen. Sie wurden allerdings nicht in ihnen wiedergeboren, sondern hatten nur ihre Fähigkeiten angenommen um in der großen Schlacht als Unterstützung für Tyler und den anderen zur Seite zustehen. Rachel und Riley mussten ihr aber versprechen, niemanden von Themis zu erzählen. Die Aufregung wäre viel zu groß gewesen und hätten die Dämonen beunruhigt. Da nachwievor nur auf wenige Personen von ihrer Existenz in Brooklyn wussten, konnte sie in Ruhe alle Vorkehrungen in die Wege leiten, um den Dämonen das Handwerk zu legen. Themis wusste jedoch, dass sie sich nicht mehr all zu lange im Verborgenen weilen konnte, denn die ultimativen Sieben würden recht bald zusammenkommen und jeder Einzelne von ihnen würde anders auf sich aufmerksam machen.

Rachel und Riley bekamen die erste Aufgabe als Götterbedienstete erteilt. Sie mussten zusammen mit Violet in das Kings County Krankenhaus um herauszufinden, ob am Mord von Dr. Sophie Brown ein Dämon schuld war. In der Etage angekommen, waren sie mitten im Alltag des Krankenhauses. Überall wo hin sie sahen waren Krankenschwestern, Assistenten oder Ärzte so weit das Auge reichte. Sie flitzten durch den langen Gang, unterhielten sich mit einem Kollegen oder reichten Patientenakten weiter. Obwohl einige Mitarbeiter des Krankenhauses, die drei unbekannten Personen gesichtet hatten, nahmen sie sie gar nicht wirklich wahr, weil sie mit anderen Dingen beschäftigt waren. Die Unruhe war ein großer Störfaktor für Rachel, Riley und Violet, weshalb sie das ändern mussten. Rachel hielt kurzerhand die Zeit an. „Wow, wie konntest du das so schnell erlernen?“, fragte Violet begeistert. „Frag lieber nicht. Morpheus hat uns regelrecht in der Traumwelt eingesperrt, bis wir die Fähigkeiten von Artemis und Apollon beherrscht haben. Wir waren ein Tag von der Realität fort und dies bedeutet in der Traumwelt ganze 24 Tage. Es war also kein Zuckerschlecken. Tyler müsste es eigentlich wissen, weil er wie wir das selbe durchmachen musste.
Nach der Aufklärung liefen die drei an den versteinerten Krankenhausbediensteten vorbei in das Zimmer, worin Sophie gestorben war. Das gelbe Absperrband war noch vorhanden, was bedeutete, dass die NYPD und die CSU noch nicht mit Sophie abgeschlossen hatten, was verständlich war. Vorsichtig liefen sie unter dem Band durch und versuchten nichts zu verändern oder unnötig zu berühren. An vereinzelnden Stellen waren die kleinen gelben Aufsteller mit den Zahlen hingesetzt worden, um bei dem Fall besser ermitteln zu können. Sie wurden als Beweismittelgegenstand oder Stelle markiert worden und die Mitarbeiter der Crime Scene Unit hatten sicherlich schon einige Fotos geschossen. Ein Schüttelfrost machte sich bei allen bemerkbar, als sie den Raum begutachteten, der kaum verändert werden durfte und den Anschein machte, als wäre nur die Leiche von Sophie geborgen worden. Violet und die beiden anderen mussten also vorsichtig sein - keine Fingerabdrücke, Schuhabdrücke oder ähnliches was auf sie zurückführen konnte, wobei es bei Violet schwerer sein würde sie in einer Kartei zu finden, weil sie aus der Zukunft kam. „
Dann wollen wir mal sehen, wie Sophie gestorben ist“, sagte Violet und winkte Rachel und Riley zu sich her. „Haltet euch an mich fest, denn es könnte vielleicht zu leichten Magengeschwüren kommen.

.: New York State Supreme Court Building :.

Im Gerichtssaal wartete Tyler ungeduldig auf die Ankunft seines Mandanten, Adam Reyes der vom Kingsboro Psychiatric Zetrum direkt zum Gericht überführt werden sollte. Immer wieder drehte er sich um, wenn die sperrige Saaltür aufging, da er dachte Adam zu begegnen. „Der überfüllte Verkehr ist schuld an der Verspätung“, kam es aus Carmens Mund, die ebenfalls anwesend war um für die Sicherheit während der Anhörung zu sorgen. Tyler versuchte ein Lächeln zu ziehen, doch die Anspannung war ihm deutlich anzusehen. Eigentlich war er stets die Ruhe in Person, allerdings hatte er in der Vergangenheit meistens totsichere Strategien gehabt, die er in der Verhandlung einsetzen konnte um letzten Endes gewinnen zu können. Ja, diesmal war es anders und diesmal hatte er auch das komische Gefühl im Magen, dass irgendetwas Unvorhergesehenes eintreten würde. Etwas, mit dem niemand rechnen würde. Aber was bloß? „Was habt ihr heute an eurem ersten Jahrestag geplant?“ Carmen wedelte mit ihrer Hand vor Tylers Gesicht, der total neben sich stand und in Gedanken versunken an Carmen vorbeischaute. „Ach… Du redest mit mir. Entschuldigung.“ Tyler schüttelte sich einmal um sich auf Carmen zu konzentrieren, die versuchte seine Anspannung zu nehmen, indem sie ihn auf schönere Gedanken bringen wollte. „River Cafe.“ Tyler fasste sich kurz.

Unerwartet tippte jemand ihn von hinten an und machte sich auf ihn aufmerksam. Die Eltern von Adam Reyes standen hinter ihm, ziemlich verkrampft und voller Sorge, wie der Prozess ausgehen würde. „Wird mein Sohn vor einer Strafe bewahrt? Wie stehen die Chancen, dass sie den Fall gewinnen?“ Die Mutter drückte bei der Frage die Hand ihres Mannes fester, welcher in ihrer gefaltet und vor Aufregung eiskalt geworden war. Noch bevor er antworten konnte, ging die Tür erneut auf und zwei Polizisten traten zusammen mit seinem Klienten Adam Reyes in den Saal ein, der mit Handschellen an den Armgelenken und Fußketten an den Fußgelenken, zu Tyler gebracht wurde. Wären die Sicherheitsvorkehrungen nicht gewesen, so würde der Angeklagte wie ein normaler Büroangestellter aussehen, der in einem anständigen Nadelstreifen Anzug mit weißem Hemd und einer perfekt gebundenen blauen Krawatte, den Saal betrat. „Hallo Mister Reyes, geht es Ihnen gut? Sind sie fit für eine Verhandlung?“, erkundigte sich der Anwalt. „Fit wie ein Turnschuh, Mister Carrendoor. Hallo Mum und Dad.“ Adam warf den dreien jeweils ein selbstsicheres Lächeln zu und setzte sich neben den Anwalt. „Ich geh mal nach hinten zu meinen Arbeitskollegen“, sagte Carmen zu Tyler und reihte sich danach zu den anderen ein.

.: Kings County Krankenhaus :.

Ava konnte sich im Krankenhaus noch beherrschen, nicht untröstlich in Tränen auszubrechen, als sie den leblosen Körper von Sophie in der Leichenhalle erblickte und begreifen musste, dass ihre Freundin nicht mehr die Augen aufmachen würde um mit ihr reden zu können. Sophie lag einfach nur steif da, regte sich nicht, zuckte nicht und hatte eine blasse Haut mit bläulichem Farbton. Sie hatte schon oft Leichen gesehen, doch die gingen ihr nicht so an die Substanz, wie bei eigenen Freunden oder Bekannten. Bei ihnen hatte sie eine tiefere Bindung, die bei einer fremden Person nicht existierte. Sie hielt sich am Geländer fest und senkte traurig den Kopf. Langsam ließ sie ihre Trauer aus ihrem Körper frei, der sie in dem Moment so schwächte, dass sie sich noch fester am Geländer festheben musste um nicht einzuknicken. Dwight legte mitfühlend seinen Arm um ihre Schulter und tröstete sie mit sanften Worten, die sie nicht wirklich wahrnehmen konnte – Zu sehr war sie mit ihren Gefühlen beschäftigt.
Sophie war eine gute Freundin von ihr gewesen, die sie seit ihrer Ausbildung gekannt hatte und viel von ihr lernen konnte. Sie verstand die Welt nicht mehr und stellte die Frage, wieso Sophie das Leben genommen wurde. Sie hatte doch erst vor kurzem einen netten Mann kennengelernt, der es ernst mit ihr gemeint hatte und daraus vielleicht mehr geworden wäre. Doch nun hatte Sophie nicht mehr die Chance dazu herauszufinden, ob Dr. Xavier in der Unfallchirurgie der richtige für sie war. Dieses Kapitel würde für sie offen bleiben und was bleibt, sind Menschen, die um die engagierte Kinderärztin trauerten. Avas Augen waren so mit Tränen gedrängt, dass sie im ersten Moment nicht wirklich sehen konnte, wer unerwartet vor ihr stand und sie ergriffen in den Arm nahm. Sie hatte nur die zierlichen Umrisse gesehen, die auf eine weibliche Person deuteten, doch als sie den erfrischenden Rosenduft mit leichtem Vanillegeschmack roch, wusste sie, dass Hope sie in dem Arm genommen hatte und sie ganz fest drückte.

Auch sie weinte bitterlich, obwohl  sie Sophie nicht solange wie ihre beste Freundin kannte, doch es waren andere Gründe, die sie fürchterlich mitweinen ließ. Die jüngsten Erkenntnisse über das Übernatürliche im letzten Gespräch zwischen den beiden Freundinnen und die Funkstille waren einfach zu viel für sie gewesen. Alles brach aus ihnen heraus, und für einen Moment stellte Hope die Frage zurück, wieso Ava die Sache mit dem Übernatürlichen es solange vor ihr Geheim halten konnte - Hatte sie ihr nicht vertraut oder wollte sie ihre Freundin einfach nur vor allem Beschützen, weil es kein zurück mehr gab, wenn man erst ein mal darüber bescheid wusste? „Ich geh schon einmal mit dem Baby zum Wagen“, gab Dwight zu wissen und lief mit dem Kleinen zum Parkplatz. Hope ließ ihre Freundin los und sah Ava in die verheulten Augen. „Ich habe deinen ganzen Blazer nassgeheult und etwas Schminke ist auch drauf geblieben.“ Hope schmunzelte kurz und schüttelte den Kopf. „Mein Blazer kann ich in die Reinigung bringen, aber dich kann ich nicht einfach alleine lassen.“ Daraufhin flossen wieder Tränen über Avas Wangen, die sie schnell wegwischte. „Die Reinigung bezahl ich dir aber.“ Für einen kurzen Moment konnte Ava auflächeln, weil Hope wieder aufgetaucht war und ihr die Hoffnung gab, Unterstützung und Verständnis ihrerseits zu geben. Als sie anschleißend zum Parkplatz liefen, kam ihnen Isaac, der wiedergeborene Krieger aus Queens entgegen. „Hallo Ava“, begrüßte er sie und reichte ihr förmlich die Hand. Sie stellte ihre Freundin Hope vor, die ihm ebenfalls die Hand gab. „Mein aufrichtiges Beileid.“ Ava merkte Isaacs Zurückhaltung und vermutete, dass Hope diejenige war, die sein Gespräch etwas eingrenzte, weil er nicht wusste, ob sie eingeweiht war oder nicht. „Hope weiß über alles bescheid, du kannst also offen mit mir reden“, klärte Ava auf und sah zu Hope rüber, die dankbar dafür war, das Ava keine weiteren Geheimnisse vor ihrer Freundin haben wollte und somit in ihre Verschwiegenheit vertraute. „Achso, sag das doch gleich.
Bist du gekommen um die anderen bei der Suche nach dem Schuldigen und der Ursache zu helfen?“ Ava schielte kurz zu Hope um zu sehen, wie sie auf ihre Aussage reagierte. Hope wirkte gefasst und in ihren Augen war eine gewisse Furcht zu erkennen, die sie nicht abstellen konnte. „Falls die Dämonen dahinter stecken, soll ich den Übeltäter ausfindig machen.“ Ein Funkeln blitzte aus Isaacs Augen hervor, der scharf darauf war, den Dämonen das Handwerk zulegen. In Queens hatten die Dämonen sich völlig zurückgezogen und wenn es mal Dämonenangriffe gab, waren diese keine Anhänger von den Ultimate Seven gewesen. „Na dann will ich dich auch nicht länger aufhalten, die anderen warten sicherlich schon auf dich.“ Isaac verabschiedete sich von den beiden jungen Frauen und betrat das Krankenhaus mit einer gewissen Anspannung, weil er nicht wusste, was auf ihn erwartete.

.: New York State Supreme Court Building :.

Adams Blick wanderte langsam vom Richter zu seinem Anwalt, mit dem mitfiebernden Ausdruck im Gesicht, danach glitten sie zu den Eltern, hoffnungsvoll wartend, was aus dem Mund ihres Sohnes nach der Frage kam. Er schielte kurz zu den Geschworenen, die ihn regelrecht mit ihren Blicken löcherten und auf einen Fehler warteten um sich im Fall des Mordfalles zu entscheiden. Schnell löste er sich von dem Anblick und starrte nach Vorne zur Tür, die er am liebsten aufmachen wollte um zu verschwinden. „Beantworten Sie bitte Mister Capwells Frage“, forderte der Richter den Angeklagten erneut auf. Adam räusperte einmal laut und fing an zu berichten. „Es war ein normaler Tag wie jeder andere in der Psychiatrie. Langweilig und wiederholend eben. Doch Miss Sway hatte die Kunst meinen Aufenthalt zu versüßen indem sie mich wie ein normaler Mensch behandelte, wer ich ja im Grunde auch bin. An dem Tag fühlte ich mich fit und ich bat darum, auf dem Hof meine Zeit totschlagen zu können. Irgendwann fällt einem mal die Decke über den Kopf, wenn man fast den ganzen Tag in dem kleinen Zimmer festgehalten wird. Ich wollte von Miss Sway aufgepasst werden, die das dann auch zur Aufgabe bekam. Wir redeten von unserer Kindheit und dem Werdegang, danach...

Ungeduldig fing Terrence an laut auszuatmen. Für ihn ging alles viel zu langsam voran. „Okay, bevor sie weitersprechen, beantworten Sie bitte einfach nur meine jetzige Frage. Hatten Sie ein Verhältnis mit Miss Sway?“ Adam nickte nach einem kurzen Zögern zustimmend. Im Saal sah man empörte Köpfe zusammenraufen. „Sie müssen die Frage wörtlich beantworten.
 „
Ja“, sagte Adam mit zittriger Stimme. „Interessant. Und wann hat das alles angefangen?“ Der Angeklagte überlegte, zumindest machte es den Anschein, da daraufhin Falten auf seiner Stirn zu erkennen waren. „Es passierte einfach. Wenn zwei auf einer Wellenlänge sind und dazu sich gegenseitig respektieren, kommt man sich näher.“ Die Unruhe im Saal wurde immer lauter, die der Richter unterbinden wollte. „Ruhe im Gerichtssaal“, bat er bestimmend und haute mit dem Hammer mehrmals gegen den Block. Die meisten verstummten sofort, doch die Mutter von Felicia Sway stand aufgebracht auf und schrie den Angeklagten verbittert an: „Sie mieses Schwein. Erst stoßen Sie meine Tochter kaltblütig die Treppen hinunter und dann sind Sie noch so frech und behaupten, ein Verhältnis mit meiner Tochter gehabt zu haben. Sie sind ein kranker Psychopath der hinter Gittern gehört.“ Nach diesem verbalen Angriff gegen Adam, war es völlig ruhig im Saal geworden, wo eine heruntergefallene Nadel sofort die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte. Keiner traute sich etwas zu sagen, stattdessen rissen Sie die Augen entsetzt auf und blickten überraschend oder zustimmend auf die Mutter der verstorbenen Tochter. „Setzen Sie sich und ich bitte sie still zu sein, ansonsten muss ich Sie des Saales verweisen.“ Der Richter sah Miss Sway eindringlich an und klopfte dreimal mit dem Hammer gegen den Block. Nachdem Sie sich gezwungenermaßen zügeln konnte, setzte sie sich wieder hin und warf einen bösen Blick zu Tyler, der sie in dem Moment mit einem zerknitterten Gesicht ansah. Er konnte sie einerseits verstehen, doch hatte er in der Vergangenheit oft mit solchen Angriffen, die aus Blicken bestanden, zu kämpfen, weshalb er dadurch gelernt hatte, sich nicht einschüchtern zu lassen.

Der Richter bat Terrence fortzufahren um den Prozess nicht unnötig in die Länge zu ziehen. „Nun gut. Sie behaupten ja, ein Verhältnis mit Miss Sway gehabt zu haben und in einer Beziehung gibt es auch Situationen wo man sich nicht einig ist. Hatten Sie oft Meinungsverschiedenheiten? Personen mit Bipolaren Störungen haben oft Stimmungsschwankungen die je nachdem auf die Umgebung und die Personen mit denen zu tun haben, schwere Auswirkungen haben könnten. Es ist nachgewiesen, dass Personen mit dieser Krankheit ein hohes suizid Risiko haben und auch nicht davor abschrecken, andere zu Verletzen. Habe ich nicht Recht, Mister Reyes?
Adam fing an zu zittern, Schweißperlen bildeten sich durch seine steigende Nervosität an seiner Stirn und glänzte im Licht unverkennbar. Sein Glos im Hals versuchte er zu lösen in dem er einmal kräftig schluckte. Wieso konnte er manchmal seinen Körper kontrollieren und dann mal nicht, als hätte irgendjemand über ihn Besitz ergriffen? Er spürte, dass in ihm etwas war und beliebig ein und ausging, so wie er es mochte. Auch hatte er in letzter Zeit den starken Drang gewalttätig zu werden und bestialische Menschenfolter zu praktizieren. Doch in diesem Moment hatte er diese Gedanken nicht. Angst, Ungewissheit und Furcht überschütteten ihn wie ein großer LKW mit seiner Ladung voller Beton. Thanatos machte sich einen Spaß daraus, immer die Zügeln locker zulassen, weil er es liebte Adam zu quälen. Er ergötzte sich an seiner Verzweiflung nach Kontrolle und Bekämpfung gegen jemanden, der ihn als seine eigene Marionette benutzte.
Wie oft wollten Sie sich schon seit Sie im Kingsboro Psychiatric Zetrum eingewiesen wurden das Leben nehmen?
Stotternd klapperte Adam mit den Zähnen. „
Bitte beantworten Sie mir die Frage“, drängte Terrence den verzweifelten Angeklagten, der langsam immer Kleiner wurde.
Ein…. Ein oder zwei Mal…“ Verstohlen senkte Adam seinen Kopf und schämte sich dafür, doch Terrence hörte nicht auf ihn zu schikanieren. „Sie haben es nicht nur ein oder zwei Mal versucht, nein. Ganze acht Mal haben Sie versucht sich das Leben zunehmen!
Die Geschworenen sahen den Angeklagten mit gemischten Gefühlen an. Die einen hatten Mitleid mit ihm, die Anderen nahmen stattdessen zur Kenntnis, dass Adam bei der Frage gelogen hatte und zweifelten an seine Unschuld.
In der Akte steht auch, dass sie des Öfteren Mitarbeiter des Zentrums gedroht haben sie töten zu wollen, wenn sie nicht das taten, was Sie wollten. Einem Mitarbeiter haben Sie sogar die Gabel in die Hand gerammt.
Erschrocken verzog Tyler sein Gesicht. Von dem Angriff an einem Mitarbeiter wusste er gar nichts. Hatte er die wichtige Information überlesen oder versäumt? Hatte man ihm das Verschwiegen? Er wusste, dass ihm manchmal Informationen vorenthalten wurden, um einen Freispruch zu verhindern. Meistens waren es Mitarbeiter, die gegen den Angeklagten waren und kleine Details ausließen. Tyler wusste es nicht und er musste sich schleunigst was einfallen lassen, denn bis jetzt sah es für Adam nicht gut aus. Er wagte einen kurzen Blick zu den Eltern, die ihn regelrecht anflehten, ihren Sohn endlich aus dieser Situation zu retten.

.: In Claire Nolans Apartmenr :.

Ziemlich niedergeschlagen warf Claire ihre Handtasche mit dem Script für den Sensationsbericht auf die Couch, ungeachtet darauf, ob irgendetwas beschädigt werden könnte. Ihr Chef war gar nicht zufrieden mit dem, was sie ihm präsentiert hatte, um es noch nett auszudrücken, denn seine genauen Worte waren. „Was für einen Mist haben Sie da fabriziert? Das würde nicht einmal eine Rentnerin im Altersheim anschauen wollen, so schlecht ist das!“ Ihr Chef ging sogar noch weiter und drohte ihr, sie zu ersetzen, wenn sie ihm nicht bis morgenfrüh ein anständiges Script vorweisen konnte.

Dementsprechend war ihre Laune erst mal am Boden, die sie aber recht bald unter Kontrolle bekommen musste, wenn sie nicht ausgewechselt werden wollte. „So eine Dumpfbacke. Ich habe mir doch so viel Mühe gegeben! So ein Dummkopf!“ Vor sich daher genuschelt, kramte sie mit angekratztem Ego in ihren Unterlagen, den Zeitschriften, den Zeitungsberichten und CDs mit den aufgenommenen Videos ihrer vergangenen Interviews. Vielleicht konnte sie ja dadurch an alte Erfolge knüpfen, als ihr Chef noch nicht so beleidigend über ihre Arbeit geurteilt hatte. Sie nahm die oberste CD und legte sie in das Laufwerk ihres Laptops, woraufhin diese gelesen wurde und automatisch der Media Player auf ihren Bildschirm sprang und das Video abspielte. Sie hatte oft die kleine Kamera mit, die sie immer in ihrer Jackentasche oder Handtasche versteckte, wenn sie verdeckt Personen befragte und ausspionierte. In diesem Video sprach sie mit Officer Carmen Johns, Officer Trevor Brand und die Ärztin Dr. Brown über die entführten Neugeborenen. Claire war mit dem Video so abgelenkt, dass sie anfangs das Telefonklingeln im Hintergrund gar nicht gehört hatte und erst beim neunten Klingeln das Telefon wahrnahm. Schnell löste sie ihre Augen vom Bildschirm und eilte zum Hörer. Es war ihr Arbeitskollege und Kameramann, Max Stone der ihr mitteilte, dass sie sofort zum Kings County Krankenhaus fahren sollte, da gestern eine Ärztin auf unerklärlicherweise gestorben war. Vielleicht konnte sie ja mehr herausfinden und er würde dabei sein und alles filmen. Sie stimmte sofort zu, und legte auf. Sie unterbrach das Video, klappte den Laptop zu und griff hastig nach ihrem Schlüsselbund.

.: Kings County Krankenhaus :.

Angespannt blickte Isaac auf den leblosen Körper von Sophie, der Brustkorb wurde mit einem scharfen Skalpell von Riley aufgeschnitten um in das Innere Blicken zu können. Äußere Verletzungen hatte sie nicht und durch die Erkenntnis, dass Sophie starke innere Schmerzen hatte, mussten sie diesen Schritt gehen. Er zog sich die Latexhandschuhe an, während ein mulmiges Gefühl zum Vorschein kam, weil er es merkwürdig fand, gleich die Nieren, die Leber und das Herz aus ihrem Körper zu entnehmen. Noch nie zuvor hatte er so etwas getan und hoffte inständig, dass er es kein weiteres Mal machen musste. Violet stand an der Tür und hielt Ausschau, schließlich sollte keiner mitbekommen, was gerade in diesem Raum passierte. Es war niemand im Gang, aber dennoch sollte alles nicht unnötig in die Länge gezogen werden. Rachel stand mit dem Rücken zur Leiche, weil sie das nicht mit ansehen konnte. Schon allein der Gedanke daran, einen Menschen zu autopsieren bereitete ihr ungeheure Gänsehaut die sie nur noch unruhiger stimmte. Hoffentlich war alles bald vorbei, sodass Herophile Sophie wieder zusammenflicken konnte.

Sie hörte wie Isaac tief einatmete und in dem Moment, als er das Herz aus Sophies Körper zog die Luft anhielt um den mehr als gewöhnungsbedürftigen Geruch nicht einatmen zu müssen. Zügig legte er das Herz in eine Metallschale und machte sich gleich danach an die Nieren dran. Die Organe waren so glitschig feucht und zum Teil fühlten sie sich wie die Organe eines Rindes an. ‚Geschafft‘, dachte Isaac erleichtert und atmete erleichtert auf, doch nun folgte der Teil, die seine Fähigkeit benötigte. Er schloss seine Augen und tastete instinktiv das Herz, die Niere und die Leber nacheinander an. Er suchte nach der Person, der ihr das angetan hatte, und war sich sicher, unter den unzähligen Personen, die gerade in seinen Gedanken herumschwirrten, den Schuldigen zu finden. Nach und nach lösten sich immer mehr Personen auf, bis nur noch einige wenige in seinem Kopf herumgeisterten. „Noch einen Augenblick, dann habe ich es geschafft“, murmelte Isaac konzentriert. Alle warteten gespannt auf das Ergebnis und sprachen währenddessen kein Wort. Dann unterbrach er die Stille indem er laut aufrief, die Person identifiziert zu haben. „Es ist Dáfni.“ Ruckartig zog er die Hand von der Leber und sah verschreckt aus. „Was hast du genau gesehen?“, wollte Herophile wissen. „Ich habe Dáfni gesehen, die gerade dabei war an einem Mann herum zu nagen. Komischerweise werde ich das Gefühl nicht los, dass sie gespürt hat, dass sie von mir beobachtet wurde. Sie hatte mit einem Male so einen Ausdruck in den Augen und genau in diesem Moment fühlte ich mich so ertappt.
Und wo hält sie sich auf?
Sie befindet sich in einem Keller, gegenüber von Paerdegat Park in der Albany Avenue 1486.“ Isaac sah Herophile zu, wie sie Sophie wie eine Chirurgin zusammennähte und dabei noch aufmerksam zuhören konnte. „Nun wissen wir wohin wir müssen. Wir müssen Dáfni aufhalten, bevor sie mit ihrer neuen Macht Schaden anrichten kann.“ Nachdem alles so wieder hergestellt war, als wäre niemand hier gewesen, lösten sich mit der neuen Erkenntnis auf.

.: New York State Supreme Court Building :.

Legen wir die Fakten auf den Tisch. Sie wollten sich des Öfteren das Leben nehmen, bedrohen häufiger die Mitarbeiter und in einer Beziehung war es nicht anders, weil sie in der Beziehung ihre Emotionen nicht einfach abschalten können. Sie sagten ja selbst, dass Sie sich an dem Tag gut fühlten, und das wiederrum beweist, dass sie bei vollem Verstand waren als Sie Miss Sway vorsätzlich die Treppen hinunter gestoßen haben. Im übrigen wurde ihr dortiger einwandfreier Zustand das in der Patientenakte festgehalten. Geben Sie es doch einfach zu, dass Sie aus irgend einem Grund wütend auf Miss Sway waren.
Adam fasste sich verzweifelt an den Kopf, presste seine Lippen zusammen, weil sich die Worte vom Anwalt wie tausend Messerstiche in seinen Kopf anfühlten, die er nicht herausgezogen bekam. Ihm wurde schlecht und ganz schwindelig. Sein Herz pochte stark und er konnte es in seinem Rachen spüren, der seine Atemwege blockierte.
Es war doch nur ein Unfall“, beteuerte Adam hilflos. „Felicia erzählte mir, dass Sie schwanger war und vermutete, dass das Kind von mir sein könnte.
Wieder steckten die Personen im Saal ihre Köpfe zusammen und diskutierten darüber, ob die Behauptung des Angeklagten stimmen könnte. „
Nein, das stimmt nicht. Im Bericht des Gerichtmediziners ist klar nachgewiesen, dass Miss Sway nicht schwanger war.

Wie ein Schlag ins Gesicht traf es in dem Moment auf Adam ein. Wie bitte? Sie war nicht Schwanger? Aber wieso erzählte Sie ihm das? Was wollte Sie mit der Lüge bei ihm bezwecken? Wollte sie ihm eine Auswischen, weil er mit dem Gedanken spielte, die Affäre zu beenden? Adam kam einfach nicht zur Ruhe. In ihm brodelte es wie in einem Säurebad. Während er gedanklich die vielen Fragen stellte, prasselten die Gefühle nur noch mehr auf ihn ein. Übelkeit, Schwindel, Panik. Er hatte ihr vertraut und nun musste er mit Entsetzen feststellen, dass sie ihn kaltblütig angelogen hatte. Alles um ihn herum verschwamm in ein Meer voller blasser Farben und er konnte nur noch die Tür sehen, die ihn womöglich aus seiner missligen Lage befreien könnte – Einfach abhauen um dem Ganzen ein Ende zu bereiten, das wäre doch eine Option gewesen, oder nicht? Doch einfach heraus zu stürmen konnte er nicht, weil die Polizisten und Sicherheitsleute das zu verhindern wissen. Seine Verzweiflung nagte an ihm und er wollte nur noch dass das alles aufhörte - Länger konnte er das nicht mehr ertragen. Er knickte zusammen und schaltete alles um ihn herum aus. Er hörte noch die Stimme von Tyler Carrendoor, der ihn verteidigen wollte, doch was konnte er in dieser Situation noch bewirken? Welchen Trumpf hatte der Rechtsverteidiger noch im Ärmel um ihn aus der Patsche zu helfen? Alles schien aussichtslos und ohne Ausblick auf ein Freispruch. Adam hob den Kopf an, der sich so schwer anfühlte wie eine 20 Kilo Hantel und blickte zu den Geschworenen. Ein letztes Mal würde er mit ihnen reden wollen und er hoffte dadurch, das Ganze beenden zu können.

Ich habe Felicia Sway absichtlich die Treppe hinuntergestoßen. Wir haben uns gestritten und ich konnte meine Wut dabei nicht kontrollieren. Ja, ich bin schuldig! Ich habe Felicia Sway getötet.
Für einen Moment lang wurde es ganz still im Raum. Alle Augen waren auf Adam gerichtet, der mittlerweile Aufgestanden war. Jeder konnte seine gläsernen Augen sehen, seine zusammen geballten Fäuste, die unkontrolliert zitterten, so als hätte er in seiner zusammengefalteten Hände einen Starkstromleiter gehalten. „
Nein, nein, nein. Mister Reyes was redet Sie da?“, warf Tyler ein und stand entsetzt auf. „Sie dürfen sich nicht einschüchtern lassen. Verdrehen Sie nicht die Wahrheit, nur weil Sie keinen Ausweg mehr sehen.“ Adams Emotionen waren auf Tyler übergegangen, der im Moment richtig blass um die Nasenspitze geworden war, weil er dies nicht vorhersehen konnte. Wieso tat Adam das? Wieso wartete er nicht, bis Tyler mit der Befragung dran war? Wieso? „Ich bin schuldig und werde dafür geradestehen, für das was ich Felicia angetan habe.“ Hinter Tylers Rücken fing eine Frau bitterlich an zu weinen. Eine Welt war für die Eltern von Adam zusammengebrochen, weil sie wussten, dass Adams Leben sich nach dieser Aussage verändern würde. Auch sie glaubten nicht, was er behauptete, doch alles brachte nichts, wenn die zwölf Geschworenen ihn für schuldig hielten...

Fortsetzung: 19.3. Beautiful Stranger