19.3. Beautiful Stranger
.: Kings County Hospital :.
Die
Enttäuschung stand ihr deutlich im Gesicht geschrieben, so groß, dass sie sogar
Tränen in den Augen hatte, weil sie so aufgebracht war. Claire hatte gehofft
reichlich Informationen über den jüngsten Fall des Krankenhaus zu erfahren, doch
stattdessen bekam sie eine Aufforderung, das Krankenhaus zu verlassen, ansonsten
hätte man die Polizei gerufen. Widerwillens musste sie das Gebäude verlassen und
so stand sie nun da, ohne wirklich voran gekommen zu sein. Die Reporterin lief
einige Schritte auf den Kameramann zu, der auf sie vor dem Eingang gewartet
hatte. Sie merkte, wie er immer wieder auf das Dach schaute. „Wieso
schaust du nach oben? Ist da was besonderes oder versucht du dir gerade dein
Hals zu verrenken?“
„Ich habe gerade ein Deja Vu Erlebnis. Irgendetwas
sagt mir, dass ich schon einmal interessiert auf das Dach geblickt habe und
dabei sogar gefilmt habe, nur ich komme nicht mehr drauf, wann und wieso das
war.“ Claire wollte sich ein eigenes Bild von dem
Dach machen und blickte ebenfalls hinauf. „Also ich
kann mich an so eine Situation nicht erinnern“, kam
es aus ihr heraus, noch bevor sie ihren Blick gelöst hatte. „Vielleicht
hast du dir das nur eingebildet. Ich bin mir sicher, dass ich kein Deja Vu habe.
Mir kommt alles normal vor.“ „Es
war dunkel und viele Leute standen mit uns hier“,
erwiderte Max Stone, nachdem kleine Bruchteile von den Erinnerungen wieder zum
Vorschein kamen.
Nach dem Vorfall vor einigen Monaten, als Dwight auf dem Dach des Krankenhauses von Dáfni in die tiefe gestoßen wurde, hatten alle Beobachter eine Gehirnwäsche von den Götterzwillingen bekommen, die bei allen bis jetzt auch wunschgemäß anhielten. Sie hatten das Erlebte vergessen und lebten so weiter, als hätten sie den Sturz von Dwight niemals mit eigenen Augen gesehen. Doch bei Max schien die Magie nachgelassen zu haben, weil das erlebte niemals komplett aus dem Gedächtnis verschwinden konnte, wenn man gründlich und hartnäckig an den Erinnerungen klammerte. Noch hatte er nicht alles abgerufen und es dauerte auch nicht mehr lange, bis ihm wieder einfiel, was er gesehen hatte. Zu Gunsten der Götter, unterbrach Claire seine Gedankengänge, indem sie ihn drängte, vom Krankenhaus wegzufahren, weil sie keine Lust hatte, ein Hausverbot zu bekommen – Schließlich wollte sie kein Ärger mit dem Krankenhaus und ihren Angestellten. „Kannst du mich zur Redaktion fahren? Mein Auto ist in der Werkstatt und ich bin ehrlich gesagt zu faul um wieder auf öffentliche Verkehrsmittel zurückzugreifen.“ Max Stone hasste es mit dem Bus oder der Straßenbahn zu fahren, weil er eine leichte Klaustrophobie hatte und wenn noch so viele Menschen sich in einem Abteil oder in den Bus zwängten, fühlte er sich immer eingeengt und bekam Schweißausbrüche. Nur in Notfällen griff er auf Busse oder Bahnen aus, doch heute würde Claire ihm vor diesem bewahren. „Ich muss aber noch unterwegs tanken, da wir sonst das Auto heimschieben müssten, wenn mein Auto kein Benzin mehr bekommt.“ Lachend öffnete er die Beifahrertür und setzte sich in den kleinen roten Ford Focus ein.
.: Bei den Carrendoors :.
Hope
schlürfte kurz an ihrem Kaffee und stellte die Tasse wieder auf den Untersetzer
ab.
„Wir hatten uns versprochen alles zu erzählen und keine Geheimnisse voreinander
zu haben. Du hast mich erst in die Dämonensache eingeweiht, als ich mittendrin
war und das war auch der Grund, weshalb ich so reagiert habe. Dämonen, Hexen,
Götter, wiedergeborene Krieger, klar ist das alles unglaublich, doch wieso hast
du mir von alldem nicht schon eher erzählt? Kannst du mir nicht vertrauen?“
Schnell schüttelte Ava den Kopf um den Vorwurf sofort zu widerwerfen. „Nein,
glaube mir, ich kann dir Vertrauen und das weißt du. Es ist nur, ich wollte dich
von alldem beschützen, weil ich am eigenen Leibe spüren musste, wie schlimm es
ist über sie alle bescheid zu wissen. Mein Leben hat sich vollkommen verändert.
Ich bekomme Alpträume, muss damit rechnen, dass hinter einer noch so
unscheinbaren Person ein Dämon steckt, der mich oder meine Familie zur Bedrohung
werden könnte. Bei jedem Mord oder bei jedem Tod stelle ich mir automatisch die
Frage, ob nicht ein Dämon die Finger im Spiel hatte. Die tägliche Angst von dem
Übernatürlichen bedroht oder angegriffen zu werden, was zum Tode führen könnte,
nimmt immer mehr zu, weil die große Schlacht immer näher rückt. Hope, ich wollte
dir das alles ersparen. Was hätte es dir gebracht, wenn ich es dir gleich
nachdem, ich meine erste Begegnung mit einem Dämon gemacht hatte, erzählt hätte?
Hättest du nicht auch jeden sofort verdächtigt oder hättest du nicht Angst,
abends alleine den Weg zum Parkplatz zu gehen oder nach Hause zu fahren?
Müsstest du nicht alle Fenster und Türen mehrmals kontrollieren ob sie auch
tatsächlich geschlossen sind, so dass du dir stückweit sicher sein konntest,
kein ungebetener Gast in deiner Wohnung zu haben? Mit all diesen Ängsten lebe
ich seit dieser Erkenntnis. Verstehst du nun, wieso ich es dir vorenthalten
habe?“
Hope war richtig gerührt über die ehrlichen Worte von Ava und konnte erst jetzt
verstehen, wieso Ava so handelte. Sie war wirklich eine fürsorgliche Freundin,
die nur das Beste für einen wollte. Ergriffen schlang sie ihre Arme um Ava und
tröstete sie, da sie angefangen hatte zu weinen, weil ihre Emotionen nur so aus
ihr herauskamen. „Ist ja gut. Ich verstehe dich nun
und werde versuchen, mit dir das alles durchzustehen. Ich als deine beste
Freundin möchte an deiner Seite stehen, egal wie schlimm noch alles ist. Du und
Carmen müsst das nicht alleine durchstehen, wisst ihr. Durch Landon bin ich
stärker geworden und deshalb wäre ich dir von Herzen dankbar, wenn du mir
mitteilen würdest, wie ich mich vor den ganzen Dämonen schützen kann.“
Ava war wirklich erleichtert, dass sie sich nun wirklich ausgesprochen hatten.
Ein großer Stein fiel ihr vom Herzen, weil sie das schlechte Gewissen schon so
lange mit sich schleppen musste, immer der Gedanke daran, etwas falsch getan zu
haben. Doch nun wusste sie, dass zwischen Hope und ihr alles geklärt war und sie
nun eine weitere Freundin neben Carmen hatte, mit der sie über ihre Ängste und
Sorgen frei sprechen konnte, ohne eine Information auszulassen.
„Du musst auf alle Fälle heute einsteigen, egal was
kommt.“
Ava schreckte verwundert zurück und löste sich von ihrer Freundin. „Hast
du was gesagt?“, fragte Ava erstaunt. „Nein,
wieso?“
„11 Minuten nach 11 Uhr abends und sie wird dennoch
nicht stehen bleiben.“ Die Lippen von Hope bewegten
sich zwar, aber es war nicht die Stimme von ihrer Freundin, sondern von einer
anderen Frau, die nicht zu sehen war. Irgendjemand hatte für einen kurzen Moment
die Kontrolle über Hopes Körper übernommen und über sie eine Nachricht für Ava
hinterlassen. „Was hat das alles zu bedeuten?“
Hope fasste sich an den Hals und konnte kaum glauben, was gerade passiert war.
Es war komisch keine Gewalt über sich selbst zu haben und beängstigend. Obwohl
die Person nur kurz in ihr war, spürte sie eine angenehme Wärme und eine
unbeschreibliche Stärke, die jedoch mit einem gewissen Angstgefühl gemischt war.
****
Claire
reihte sich in die kleine Schlange wartender Personen ein, die an der kleinen
Tankstelle getankt hatten und bezahlen wollten. Manche von ihnen wollten noch
zusätzlich Zigaretten oder sonstige Kleinigkeiten kaufen, doch sie würde nur
schnell ihr Benzin zahlen und dann wieder losfahren um ihren Kollegen, den
Kameramann Max Stone, an der Redaktion abzusetzen. Drei Personen waren noch vor
ihr, die geduldig warteten bis sie an der Reihe waren. Hinter dem Tresen
bediente sie ein junger Mann, er müsste ungefähr um die 25
Jahre alt sein, seine
dunkelbraunen Haare, hatte er ordentlich zurecht gelegt, und sein Pony fiel in
die Stirn, die mit Gel leicht zur Seite gestrichen wurde - Attraktiv. Sein freundliches
Wesen kam zum Vorschein, wenn er während des Abkassierens eine zusätzliche
Bemerkung von sich gab, sei es über den vollgestopften Verkehr, der leicht
erhöhten Benzinpreise oder eben nur beim Abschied einen angenehmen Tag wünschte.
Er war kein Angestellter, wahrscheinlich eine Aushilfskraft, der Nebenbei jobbte
um seine Wohnung oder sein Studium zu finanzieren. Ob Claires Vermutung stimmte,
wusste sie nicht, sie hätte ihn auch fragen können, doch stattdessen stand sie
mit ihren großen Augen vor ihm und beobachtete jede Geste die er machte.
Irgendwie wirkte er auf einmal leicht angespannt ihr gegenüber, und sie wusste
nicht wieso. Hatte sie ihn eingeschüchtert, weil sie ihn so offensichtlich
gemustert hatte?
Irgendwie kam er ihr bekannt vor, doch hier in der Tankstelle waren sie sich noch nie begegnet, da war sie sich sicher. Sie schielte unauffällig auf sein Namensschild - Dwight Carrington. Kein außergewöhnlicher Name, kein Name der irgendwie haften geblieben wäre, keine Berühmtheit oder einer, der schon einmal in den Medien gewesen war.
Von hinten hörte sie eine Männerstimme nach ihr rufen, der wollte, dass sie noch
eine Packung Marlboro kaufte. Sie drehte sich um und erhaschte Max, der etwas
erstaunt zum Kassierer schaute und dabei eine runzlige Stirn zog. „Die
Normale?“, fragte Claire. „Ja.“ Dwight griff gezielt nach der
Zigarettenschachtel und nahm sie mit auf die Rechnung auf. „Macht dann 35 Dollar
und 75 Cents.“ Die Reporterin reichte ihm die Kreditkarte rüber und er gab ihr
danach einen Kassenzettel zum unterschreiben. „Danke und einen schönen Tag
noch.“ Er lächelte sie etwas gehemmt an und reichte ihr die Marlboro Schachtel
zusammen mit dem Kassenbon. „Danke, wünsche ich Ihnen auch.“ Claire hielt kurz
inne, ehe sie sich wieder zu ihm drehte um ihn erneut anzusprechen. „Haben wir
uns nicht schon einmal gesehen? Sie kommen mir so bekannt vor?“ Dwight zuckte
unwissend mit der Schulter. „Nicht das ich wüsste.“
„Das ist mir jetzt aber peinlich. Jetzt denken Sie sicherlich, ich würde Sie
anmachen wollen.“ Dwights Wangen erröteten leicht. „Nein, das denke ich nicht
von Ihnen, es hätte ja sein können, dass wir uns schon einmal begegnet sind.“
Ein Mann hinter ihr fing auffällig an zu räuspern, weil er endlich bezahlen
wollte. „Ich geh dann mal lieber. Auf Wiedersehen.“ Claire lief mit einem
angezogenen Tempo aus der Tankstelle hinaus und atmete im Auto tief aus. „Gott
war das peinlich.“ Max griff nach den Zigaretten und amüsierte sich über ihr
Schamgefühl. „Jetzt machst du sogar schon nicht vor Kassierern an der Tankstelle
halt“, witzelte er und wollte sich eine Zigarette anzünden, als Claire mit rotem
Kopf diese aus seinem Mund zog. „Ich habe ein Nichtraucher Auto und nein, das
war keine Anmache. Mir kam er wirklich bekannt vor und ich wollte eben wissen,
woher.“
„Mir kam er auch irgendwie bekannt vor“, gab Max beiläufig zu. „Aber ich hätte
mich nie getraut, ihn das zu fragen. Wie wäre das bei ihm bloß angekommen?“
Beide unterhielten sich noch eine Weile über Dwight, bis sie zum Entschluss
kamen, das sie nicht drauf kommen würden, woher sie ihn kannten und unterhielten
sich über ihren Chef, der von Claire bis morgen einen atemberaubenden Bericht
über die Enthüllung der NYPD erwartete. Ihr musste auf jeden Fall bis morgen was
einfallen und da musste sie in Kauf nehmen, lange wach zu bleiben und alles
durchsuchen und recherchieren.
.: Albany Avenue 1486 :.
Isaac musste anders als geplant zurück nach Queens, weil eine Gruppe von Vampiren auf sich aufmerksam gemacht hatte und drohte, am Abend ein Krankenhaus unsicher zu machen. Sie waren um die vierzehn Vampire, was Isaac alleine nicht bewältigen könnte, weshalb er zur Unterstützung Riley und Rachel bekam. Gemeinsam wollten sie in einem günstigen Moment auftauchen und sie zurück in die Verdammnis schicken.
Violet lauerte derweil zusammen mit ihrem Vater vor dem kleinen Anwesen, wo
anscheinend Dáfni erst kürzlich ihr böses Spiel getrieben hatte. Tyler hatte
nach dem gescheiterten Gerichtsprozess noch hart mit sich zu kämpfen, weil er
Adam nicht vor einer Verurteilung retten konnte. Die totunglücklichen Augen der
Eltern trafen den Anwalt besonders und so hoffte er, im Nachhinein vielleicht
doch noch eine Lösung zu finden, ehe es endgültig zu spät war. Im Moment jedoch, war seine
volle Konzentration auf seine bevorstehende Aufgabe gerichtet und er wollte
diesmal wirklich alles geben und nicht versagen. „Bist du bereit?“ Violet zog
ein Dolch aus ihrer Hosentasche und wartete auf die Antwort ihres Vaters. Er
nickte entschlossen, fasste nach dem Türgriff des Kellers und drückte sie
vorsichtig runter. „Wir müssen nun mit allem rechnen.“ Schnell huschten sie
durch die Tür und schlichen sich hinter eine Wand, wo niemand sie entdecken
konnte. Es war still im kaum beleuchteten Keller. Nur wenige Sonnenstrahlen
schienen in die kleinen verschmutzten Fenster, die zeigte, dass der Keller eine
reinste Rumpelkammer war. Auf dem verrosteten Regal neben der Wand, standen alte
Porzellanteller, unzählige Schrauben und Muttern in kleine Dosen und sonstige
Dinge, die eigentlich in einen Karton gehörten. Violet und Tyler hielten die
ganze Zeit über die Luft an, weil der Gestank im Raum bestialisch war. Es roch
verworren und verwest und da das Fenster nicht geöffnet oder zumindest gekippt
war, konnte der Geruch demnach nicht nach draußen entweichen. Sie blickten in
die Mitte des Kellers, wo eine Person auf dem Bauch stumm und reglos auf den
Boden lag. Die Person musste männlich sein, denn die Struktur und die Kleidung
ließen stark darauf vermuten. Eine weitere Person schien nicht anwesend zu sein
und so flitzten sie rasch zur Person hin, um nachzuschauen, ob der Mann noch
lebte. Tyler wendete die Person, so dass er auf den Rücken lag und seine Augen,
die vor Angst weit aufgerissen war, sie direkt ansehen konnte. Erschrocken gab
Violet ein kleines Laut von sich, woraufhin Tyler schnell ihren Mund zu hielt.
Der Mann, er müsste ungefähr Mitte dreißig sein, trug ein cremefarbiger Anzug
und ein weißes Hemd mit einer roten Krawatte; an seinem Hals hatte er eine große
Bisswunde, die ihm wahrscheinlich Dáfni hinzugefügt hatte als sie von seinem
Blut trank. Doch seit wann musste sie Blut trinken? Tyler und Violet merkten,
dass sie über das Dämonenkind noch viel zu wenig wussten und sobald sie die
Möglichkeit hatten, nachholen würden. Die entsprechenden Informationen wollten
sie von Carmen bekommen, die mit dem Efgenia-Buch sicherlich weiterhelfen
konnte.
Die Körpertemperatur des Mannes war noch warm und die Leichenstarre hatte noch
nicht eingesetzt was bedeutete, dass er noch nicht lange tot war. Sicherlich war
der Mann derjenige, den Isaac gesehen hatte, doch da sie zu spät kamen, konnte
der Mann auch nicht mehr gerettet werden. „Wieso stinkt es hier so, wenn der
Mann erst vor kurzem getötet wurde?“, fragte Violet leise und schaute um sich,
suchend nach weiteren Opfern die hier im Raum verteilt sein könnten –
Fehlanzeige, im Raum war keine weitere Leiche zu finden. Tyler folgte den
verworrenen Geruch, der ihn zur Holztreppe führte. Oben angekommen war eine Tür,
die wahrscheinlich in das Haus führte. Nachdem Violet sich vom Anblick des toten
Mannes lösen konnte, eilte sie zu ihrem Vater, der bereits die Treppe hinauf
gestiegen war. Vorsichtig lehnte er sein Ohr gegen die Tür um zu hören, ob in
der Wohnung jemand anwesend war. Es waren keine Stimmen zu hören, es lief kein
Fernseher, ein Radio war auch nicht zuhören und auch sonst waren keine Geräusche
wahrzunehmen. Langsam öffnete er die Tür und wurde so gleich erneut mit dem
verwesten Geruch, das noch viel intensiver war, begrüßt. Diesmal musste der
Anwalt schützend seine Nase zu halten, um sich nicht übergeben zu müssen. Auch
Violet hielt sich die Nase zu und verzog angewidert das Gesicht. In der Wohnung
herrschte totenstille und im ersten Moment schien es, als wäre hier wochenlang
niemand gewesen zu sein. Sie huschten in den Flur und klapperten Zimmer für
Zimmer ab. Doch schon im ersten Zimmer, wahrscheinlich dem Schlafzimmer des
Mannes, bekamen die beiden große Augen, weil eine verblutete Frau auf dem großen
Ehebett lag. Überall waren Blutspritzer und Blutflecken verteilt; auf der gelben
mit Blumen gestrickten Bettdecke, dem gelben Kissen und dem perlweißen
Bettlacken. Tyler lief entsetzt zur Frau und erkannte an ihrem Hals eine tiefe
Schnittwunde woran verkrustetes Blut klebte. Ihre Kehle wurde aufgeschnitten,
was ihr wahrscheinlich das letzte Leben aus ihrem Körper entzogen hatte. Ihre
zerzausten goldblonden Haare worunter eine klaffende Kopfwunde mit vertrocknetem
Blut hervor blitzte, die Prellungen an ihrem Armgelenken und Fußgelenken, das
weitaufgeknöpfte Nachthemd die ihren blanken Oberkörper mit den vielen
Kratzwunden aufwies, ließ vermuten, dass die Frau sich vor dem Angreifer heftig
gewehrt haben müsste, als er wie ein Raubtier über sie herfiel. Die Frau müsste
schon länger tot sein, denn der Verwesungsprozess hatte bei ihr schon
angefangen. Tyler konnte es daran erkennen, da ihre Haut bläulich und grün
geworden war.
Seine Augen wanderten von der Leiche zum Nachttisch worauf ein Bilderrahmen
neben dem Wecker stand, wo der Mann im Keller und die tote Frau gemeinsam
abgelichtet wurden und hinter ihnen der Pariser Eifelturm zu erkennen war. Als
Violet das Fenster öffnen wollte um den Gestank zu mindern, hielt sie ihr Vater
auf, weil er keine Spuren im Zimmer hinterlassen wollte und womöglich die
Polizei die Spur zu ihnen zurückverfolgen könnte. Auch für die Frau gab es keine
Rettung mehr, weshalb sie aus dem Zimmer liefen und das nächste Zimmer
begutachteten. Im Badezimmer, das gegenüber des Schlafzimmers war, konnten die
beiden nichts auffälliges entdecken und so liefen sie weiter in das Zimmer
hinein, links neben dem Badezimmer.
.: Fellowship Gefängnis :.
Mit schweren Schritten lief Adam den langen Gang entlang, links und rechts waren
die grau farbigen Stahlgitterzellen wohinter sich Insassen befanden, die wegen
jeglicher Kriminalität verurteilt wurden. Hinter so einer kleinen Zelle würde er
nun für eine lange Zeit verweilen und nur der Gedanke allein, eingesperrt von
der Außenwelt zu sein, ließ ihn den Kopf noch tiefer hängen, als er sowieso
schon war. Alles wirkte so kahl und kühl, ohne jegliche Emotionen, die das
Gefängnis zumindest ein wenig Leben eingehaucht hätte. Nein, wozu denn auch?
Hier lebten die Verbrecher, die Vergewaltiger und die Mörder und da wollte
niemand, dass es ihnen gut ging. Seine Arme waren hinter seinem Rücken
verschränkt und an den Handgelenken rieben mit jedem Schritt die
Edelstahlhandschellen unangenehm an seinen Gelenkknochen und kniffen seine Haut
ab. Neben ihm lief ein relativ junger Gefängniswärter voran, der ihm immer
wieder kurze Kontrollblicke zu warf, während hinter Adam die Polizeibeamtin,
Detective Claridge über ihn wachte und den Gefangen nie aus ihren Augen verlor.
Sie hatte ihn vom Gerichtsgebäude hierher gebracht, als er aus freien Stücken
den Mord an Felicia Sway zu gab. Sie blieben letztendlich vor einer Zelle
stehen, die sich kaum von den anderen unterschied – kalt und grau. Die Zelle war
mit beachtlichen drei Sicherheitsvorkehrungen verriegelt – Zwei mechanische und
eine elektronische. Alles war auf größter Sicherheitsstufe geprüft worden und
kein Insasse hatte die Schlösser entriegeln können, obwohl es schon mehrere
versucht hatten. Dafür sorgten die regelmäßigen Kontrollprüfungen, die wie bei
einem PKW auf die Funktionstüchtigkeit geprüft wurde.
Der Gefängniswärter, Ian Porter zeigte geistesabwesend auf das rustikale Bett. „Da werden Sie schlafen; hier am Waschbecken können Sie sich frisch machen und gleich daneben ist die Toilette.“ Adam dachte gezwungenermaßen an die Psychiatrie zurück, worin es ihm im Vergleich um einiges besser ging und er mehr Freiheit hatte, als hier im Fellowship Gefängnis. Stellte man die beiden Räume gegenüber, wirkte das kleine Zimmer in der Klinik wie eine Luxus-Sweet und die winzige Zelle dagegen, wie ein schäbiges Motelzimmer. Erst jetzt konnte er die Psychiatrie schätzen lernen, doch es war zu spät. Vielleicht hätte er doch nicht so voreilig handeln sollen und darauf warten sollen, was sein Anwalt zu seiner Verteidigung im Petto hatte. „Ihre persönlichen Sachen, die sie behalten und auf die Zelle mitnehmen dürfen, werde ich Ihnen zukommen lassen. Ach und bevor ich es vergesse, um 18 Uhr gibt es Abendessen. Wir werden sie dann holen.“ Ian befreite den Frischling aus den Handschellen die Druckmale hinterlassen hatten, während Detective Claridge achtsam ihre Waffe auf ihn hielt. Danach verließen sie die Zelle und verriegelten wieder die Tür. Adam starrte währenddessen stumm auf den Boden, zog keine Miene und lauschte nur das Klacken der Schloßmenchanik zu. Nachdem das leise Summen des elektronischem Schlosses zu hören war, wagte er einen Blick zur Seite – Hinter Gittern. Ian und Detective Claridge fingen ein Gespräch an, doch worüber sie sich unterhielten, konnte er nicht heraushören. Zu sehr war er über seine eigene Situation frustriert und niedergeschlagen und zu sehr ärgerte er sich, dass er an der Situation nichts ändern konnte.
„Er wirkt nicht wie ein üblicher Täter“, stellte Ian fest. „Das was ich in
seinen Augen erkenne ist keine Reue, sondern eher Verzweiflung. Seid ihr euch
sicher, dass er schuldig ist?“
Die Polizistin blieb auf seine Bemerkung hin sofort stehen. „Er
hat es zugegeben und fürs erste ist der Fall für uns abgeschlossen. Sollte
jedoch in den nächsten Tagen Zweifel aufkommen, werden wir der Sache nachgehen,
aber erst dann.“
.: Albany Avenue 1486 :.
Tyler und Violet landeten in einem Kinderzimmer. In ein typisches kleines Jungen
Zimmer, wo auf der Kommode verschiedene Roboter oder einige bekannte
Leinwandheldenfiguren ordentlich nebeneinander gestellt wurden. Auch kleine
Modellautos waren auf den Boden verteilt, was Tyler an seine Kindheit erinnerte,
da er früher seine Spielzeugautos überall auf den Boden verteilt hatte. Seine
Mutter musste ihn immer zwingen, sie aufzuräumen.
„Hier ist das Fenster geöffnet und es scheint, als wäre hier niemand gewesen.
Ich kann hier nirgends Blut erkennen oder irgendwelche Anzeichen von Angriffen
oder ähnlichem.“ Tyler war wirklich erleichtert darüber, weil die Vorstellung
allein, ein unschuldiges Kind als Opfer auszusuchen, grausam und skrupellos war.
Sie verließen das Zimmer, nachdem sie es nochmal gründlich untersucht hatten und
gelangten schließlich in die Küche. In der Küche wurden sie mit einem
Schimmelgeruch begrüßt, der es wirklich in sich hatte. Verdammt, roch es hier
nach Vergammeltem. Ein Blick auf den Herd und auf die Arbeitsplatte genügte um
zu wissen, dass hier jemand angefangen hatte zu kochen und dies nicht beenden
konnte. Auf dem Herd stand eine Pfanne, mit verschimmelten Karotten, Brokkoli
und Kartoffeln, während in dem großen Topf, das Fleisch mit bläulichen Farben
übersehen war und dicke Fettschichten und Schimmelstückchen an der
Brühenoberfläche schwammen. „Igitt“, kam es aus Violet heraus, die erneut ihre
Nase zuhielt und sich schnell von dem Herd entfernte. Tyler betrachtete
währenddessen die Pinnwand, schaute nach den kleinen Notizen die an bestimmten
Tagen handschriftlich vermerkt wurden und stellte fest, dass die Kleinfamilie
noch einiges vor sich hatte. So hätte der Mann heute Abend eigentlich ein großes
Meeting gehabt, während seine Frau zum Elternabend ihres kleinen Sohnes gehen
wollte. Das alles würde wohl nicht mehr gehen, da die Leichen im Keller und im
Schlafzimmer verweilten. Er verstand nicht, wieso die Nachbarn nicht auf die
Totenstille in diesem Haus aufmerksam wurden. Waren sie alle so sehr mit sich
selbst beschäftigt und bekamen deshalb nicht mit, dass hier nicht mehr das
normale Leben herrschte? Er wollte Carmen nach ihrem Kontrollbesuch über die
Leichen informieren und somit der NYPD den Fall übergeben. So könnten sie den
Zeitpunkt des Todes herausfinden und Tyler wüsste dadurch ungefähr die Zeit,
wann Dáfni sie erstmals aufgesucht hatten. Eine ungeklärte Sache fiel Tyler ein,
als er die Vesperbox für den kleinen Sohn entdeckte. Wenn er nicht im Haus war,
wo könnte er denn bloß stecken, hatte Dáfni ihn mitgenommen?
Ein Rascheln drang zu Tyler und Violet hervor, weshalb sie sich eindringlich
ansahen. Schnell liefen sie aus der Küche und folgten dem Geräusch, welcher die
Aufmerksamkeit der beiden auf sich gezogen hatte. Es kam aus dem Elternzimmer.
Achtsam öffnete Violet die Tür und konnte im ersten Augenblick nichts
Verdächtiges erkennen. Als sie jedoch herausgefunden hatte, dass das Geräusch
aus dem Kleiderschrank kam, wartete sie auf das Zeichen ihres Vaters, der ihr
das Signal gab, die Schranktür zu öffnen.
Ein kleiner schmächtiger Junge versteckte sich im Kleiderschrank. Er sah etwas
unterernährt aus, seine dunklen Ränder unterhalb der aufgequollenen Augen, die
durch die geplatzten Adern darin, feurig rot gefärbt waren überschatteten sein
blasses Gesicht und ließ daraus schließen, dass er schon eine Weile im Schrank
gefangen war und wahrscheinlich kaum ein Auge zu gemacht hatte. Violet wollte
helfen, doch als der Junge die beiden mit seinen Augen erfassen konnte,
knirschte er lüstern mit den Zähnen und wollte über Tylers Tochter herfallen,
die jedoch schnell reagierte und den jungen Angreifer mit einem gekonnten Schlag
niederschlug. Bewusstlos sackte er wie ein Sack Zement zu Boden und zuckte mit
den Füßen noch einige Male, eher er völlig ruhig da lag und sich nicht mehr
regte. „Das war absolut merkwürdig“, stellte Violet fest und wischte sich die
Staubflecken an ihrer Schulter ab. „Eher dämonisch“, erwiderte
Tyler. Er streckte seine Arme in die Richtung des kleinen Jungen aus und
wollte den Dämon aus ihm heraus treiben, doch irgendwie wollte es nicht so
wirklich funktionieren. Schweres Atmen, ein kleines Seufzen, nachdenkliche
Stille. Der wiedergeborene Krieger versuchte es erneut, aber auch diesmal
klappte es nicht. „Ich mach doch alles richtig. Das verstehe ich jetzt nicht...
Alle guten Dinge sind drei.“ Mit kleinen Schritten bewegte er sich Vorwärts um
näher bei seiner Zielperson zu stehen. Vielleicht war die Entfernung zu groß.
Leider war dies auch nicht der Grund und so verschränkte er grübelnd die Arme
vor der Brust und tippte mit seinem linken Fuß auf und ab. „Uns bleibt wohl
nichts anderes übrig, als den Jungen zu den Propheten mitzunehmen.“
Den Vorschlag von Violet klang plausibel und so stimmte er ihr zu. Er wollte
jedoch vorher noch sein Auto zu Hause abstellen und nach Ava und dem Kleinen schauen, danach
würde er sich bei Violet melden, um die Suche nach Dáfni fortzuführen. Bis dahin
konnten die anderen sicherlich mehr über den Jungen in Erfahrung bringen.
.: In Claire Nolans Apartment :.
Bevor Claire sich ihrem Bericht widmete, wollte sie jedoch im Internet nach
Dwight stöbern. Die Vermutung, ihn schon einmal gesehen zu haben oder sogar mit
ihm Kontakt zu haben, ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Verstärkt wurde ihr Drang
mehr über die Person zu erfahren, durch Max, der ebenfalls dachte, schon einmal
auf den jungen Mann gestoßen zu sein. Sie tippte den Namen in Google ein. In
wenigen Sekunden hatte die Suchmaschine auch schon einige Artikel und Bilder
gefunden, die jedoch nicht auf die Person zutraf, die sie gehofft hatte zu
finden. Sie überlegte weiter und verfeinerte ihre Suche, beschränkte sie
zunächst auf die Staaten, dann auf New York und schließlich auf Brooklyn –
Fehlanzeige. Dwight Carrington schien kein Freund von der Öffentlichkeit oder
Sozialnetzwerken wie Facebook zu sein. Nach einer Telefonnummer oder
Hausanschrift brauchte sie erst gar nicht suchen, weil das Internet sie längst
ausfindig gemacht hatte. Enttäuscht schloss sie das Suchfenster und schlenderte
in die Küche um sich ein Früchtetee zu machen. Es war bereits später Nachmittag
geworden und die Straßen waren überfüllt mit Autos, worin die Arbeiter auf dem
Nachhauseweg waren und die Familien ihre Einkäufe erledigten. Die Sonne schien
noch hell am Himmel und würde noch einige Stunden für Helligkeit sorgen, ehe sie
errötete und in der Dämmerung zum Abend langsam verschwand.
Nachdem der Knopf vom Wasserkocher ansprang, goss sie sich das heiße Wasser in
die Tasse mit dem Teebeutel darin und lief wieder aus der Küche und nahm wieder
an ihrem Schreibtisch Platz wo ihr Laptop stand. Sie öffnete die Datei mit dem
Script für den Bericht und fing an zu lesen. Nachdem sie die ersten Zeilen
gelesen hatte, unterbrach sie kurz, weil sie eine Idee hatte.
.: Kingsboro Psychiatric Center :.
Violet kam mit ihrem Vater in die Psychiatrieklinik um sich über den kleinen Jungen zu informieren. Angekommen wurde er mit dem grausamen Schicksal des kleinen Jungen konfrontiert. Unmengen von Blut war auf dem Fußboden verteilt, während eine unvorstellbare große Blutlache den leblosen Körper des Kindes umkreiste. Bei genauer Betrachtung erkannte Tyler den zertrümmerten Schädel und das aufgequollene Gesicht des Jungen. Ein Kampf zwischen ihm und den anderen war kaum auszuschließen. „Was ist passiert?“ Tyler entfernte sich vom Kind und lief auf die Propheten zu.
„Nachdem der infizierte Junge aufgewacht war, hatte er uns
angreifen wollen, weshalb wir uns wehren mussten. Es gab leider keine andere
Wahl als ihn zu töten.“
„Infiziert? Er war infiziert? So wie die Menschen aus den Filmen wie 28 Days Later oder Crazies? Menschenfressende Untote, die erbarmungslos töten und
gebissene Opfer verwandelt werden?“, entgegnete der Anwalt ihnen unglaubwürdig.
„Ich weiß nicht um was es in den Filmen geht, aber die Beschreibungen passen zu
dem, was Dáfni aus den Menschen macht. Durch das Blut von Dwight, gelang sie an
die vollkommene Macht, die sie haben wollte. Nun ist sie so stark wie in der
Vergangenheit und dadurch noch gefährlicher für uns geworden.“ Melampus schien
zum ersten Mal richtig besorgt zu sein. Der sonst so ruhig und gelassene Prophet
war übersehen von Sorgenfalten und angespannten Gesichtszügen. Auch Herophile
stand ihm nichts nach, auch sie hatte große Besorgnis, wie es denn nun
weiterging.
„Wieso konnte sie erst durch das Blut meines Sohnes an die Macht gelangen? Was
unterscheidet ihn von den anderen Babys?“
„Es liegt doch auf der Hand, oder nicht? Dwight ist der Nachkomme von einem
Krieger, in ihm fließt heiliges Blut.“ Herophile wurde durch das Erscheinen von
Hypnos, Morpheus und Carmen unterbrochen. In der Hand trug Carmen das Buch,
woraus ein Lesezeichen hervorstach. „In der Unterwelt herrscht gewaltige Unruhe.
Sie alle sind verunsichert und teilweise spaltet sich die Meinung im Hinblick
auf die bevorstehende Schlacht. Teilweise wollen die Dämonen so weiterleben wie
bisher, weil sie glauben, so am Leben zu bleiben. Ein anderer Teil glaubt an The
Ultimate Se7en, die ihnen ein Leben auf der Erde ermöglicht.“ Die drei hatten
sich in die Unterwelt geschlichen, um Informationen über die Pläne von den
mächtigsten Dämonen zu bekommen, doch dabei hatte sich Morpheus bei dem Kampf
mit einigen Ghulen den Arm verstaucht. Herophile kümmerte sich umgehend um seinen Arm,
der blau angeschwollen war.
„Im Buch von Efgenia habe ich eine ausführliche Beschreibung von Dáfni gefunden, die uns sicherlich weiterhilft. Am besten lese ich euch das mal vor, was darin steht.“ Carmen schlug das Buch auf und entfernte das Lesezeichen.
„Dàfni, eine der skrupellosesten und brutalsten Dämonin, ist ein Mitglied der
berüchtigten ultimativen Sieben. Da Persephone das Kind zur Welt brachte, glaubte
jeder, es war die Ausgeburt der Dämonenmutter, doch in Wirklichkeit war Dáfni
auch eine Heilige. Als die Mondgöttin Phoibe Schwanger wurde raubte der Dämon Alk,
das Embryo in Auftrag von Persephone und ließ es in ihrem Bauch aufwachsen. Das
ungeborene Kind bekam dadurch dämonisches Blut und durch die Muttermilch, die
Kraft von Persephone.
Persephone und Hades hatten einen Plan. Sie sollte der ultimative Nachkomme
werden und deshalb fütterten sie mit unschuldigen Säuglingen oder unartigen
Dämonen. Dáfni wuchs schneller zur Frau heran, als gewöhnliche Dämonen oder
Menschen. Während ein
menschliches Kind erst in 3 Jahren das dritte Lebensjahr erreichte, schaffte sie
es in nur wenigen Tagen, je nachdem, wie die Nahrung war. Doch obwohl Dáfni
stark und mächtig war, spürte sie, dass in ihr noch etwas entfachen musste und so
folgte sie ihren Instinkten und fand heraus, dass sie einen heiligen
Zwillingsbruder hatte. Sie spionierte ihm hinterher und musste feststellen,
dass das Leben von Dorimédon viel besser war als ihr eigenes. Dáfni musste in der
Unterwelt leben, während Dorimédon auf der Welt überall hingehen konnte wo er wollte, ohne Angst zu haben, von Dämonenjäger oder Krieger getötet zu werden.
Zudem war er intelligent und beliebt zugleich. Die Eifersucht stieg ihr in den
Kopf und sie spürte, dass sie in der Nähe von Dorimédon stärker war als
gewöhnlich. Sie musste von dem Blut kosten, doch wie konnte sie das erreichen,
denn auch wenn die Dämonin in seiner Nähe war, sie konnte nie bis zu ihm
vordringen, weil eine unsichtbare Mauer ihn beschützt hatte.“
Tyler konnte Carmen gar nicht mehr zu hören, weil er in Gedanken versunken war.
Er hatte wieder die Situation vor Augen, als Ava vor mehr als einem Jahr
gefesselt an einem Stuhl saß, ein Arzt sie gequält hatte und er nicht in das
Zimmer hineinstürmen konnte, weil der Dämon eine Schutzmauer aufgebaut hatte.
Avas Bauch wurde damals innerhalb von Sekunden kugelrund und ein gewaltiges
Licht hatte ihn, den Dämonen und Ava selbst überwältigt. Hatte der Dr. Edwards damals das Embryo aus
Avas Bauch gestohlen? Bedeutete das folglich, dass Dáfni zum Teil eine Tochter
von Ava und ihm war? Tyler schüttelte schnell seinen Kopf und versuchte dadurch,
die Bilder von seinen Vorstellungen aus seinen Kopf zu bekommen.
„Wieso habt ihr mir das nicht früher von Dáfni erzählt? Warum habt ihr es vor
mir geheim gehalten?“ Tyler war wütend und er dachte an die Moiren zurück, die
sicherlich von alldem gewusst hatten.
„Du hättest Dáfni nicht mehr als Dämon angesehen und versucht sie zu bekehren.
Doch sie ist ein Dämon, seit der ersten Minute, als das Blut von Dämonen in ihr
floss und deshalb hielten wir es für richtig, dir von alldem nichts zu
erzählen. Wir wollten dich nicht beeinflussen.“ Vorwurfsvoll warf Melampus Carmen einen Blick zu, und gab ihr die
Schuld, an dieser entfachten Diskussion. Die Polizistin war sich jedoch keiner Schuld
bewusst und äußerte sich zu seinen giftigen Blicken. „Früher oder später hätte
es Tyler herausgefunden. Konzentrieren wir uns lieber darauf, wie wir Dáfni und
die lebenden Untoten stoppen können.“
Tyler versuchte sich zu beruhigen, auch wenn es ihm in dem Moment nur schwer
gelang. „Und wie kann man sie stoppen?“
„Wenn Dáfni in der Hölle schmort, werden die infizierten Menschen geheilt.“ Herophile drehte sich zu Tyler, der eine angespannte Miene zog. „Und wie kann Dáfni getötet werden?“
„Mithilfe eines aus Phoenixflammen geschmiedeten Gegenstandes. Damals wurde Dáfni durch ein Schwert getötet, doch seit der großen Schlacht ist das Schwert
wie vom Erdboden verschluckt. Gerüchten zufolge hatte es ein Pfarrer gefunden,
der es in seiner Kirche versteckt hielt und es immer weitergegeben hat, wenn er
das zeitliche segnete. Ob das stimmt wissen wir leider nicht.“
Grübelnd wanderten Tylers Augen von den Propheten zu den dämonischen Göttern und
danach zu seiner Tochter, Violet.
„Gibt es noch eine Alternative? Ich werde sicherlich nicht auf die Suche nach
dem Excalibur gehen?“
Melampus verzog irritiert sein Gesicht. „Nein, es handelt sich hierbei nicht um Excalibur, sondern
um das Phoenixschwert.“
„Das war auch nur im übertragenen Sinne gemeint“, seufzte Tyler und wartete auf
die Antwort auf seine Frage.
„Es gibt noch eine Möglichkeit, aber die wird dir sicherlich nicht gefallen.“
Die unwissenden sahen Melampus erwartungsvoll an. „Dáfni kann auch durch die
Hand der eigentlichen Mutter getötet werden.“
Tyler, Violet und Carmen rissen daraufhin unglaubwürdig ihre Augen auf. „Ava?!“
Fortsetzung: 19.4. This Is Destiny