19 | Prison Break

19.4. This Is Destiny

.: Kingsboro Psychiatric Center :.

Nein, Ava darf nicht mit reingezogen werden! Das lässt ihr mal schön bleiben!“, schimpfte Tyler in der Sorge, die Propheten könnten auf die absurde Idee kommen, Ava mit einzubeziehen. Ihn störte es ja schon, dass Ava bei der Sache mit Carmen und dem Medaillon helfen wollte. Doch sie auf Dáfni zu hetzen, ohne jegliche Erfahrungen in Dämonenkämpfen, wäre die Spitze des Eisbergs gewesen. NEIN. Das würde Tyler nicht zulassen und auch Carmen und Violet stimmten ihm zu. „Dann müsst ihr nach dem Schwert suchen, eine andere Möglichkeit sehe ich da nicht.“ Melampus hatte wirklich mit dem Gedanken gespielt, Ava die Aufgabe zu erteilen Dáfni zur Strecke zu bringen, was in seiner enttäuschten Stimmlage zu hören war. „Wann wurde das Schwert zuletzt gesehen?“, wollte der Anwalt wissen.
Tychon, also dein früheres Ich, hatte das Schwert in der Schlacht gehabt und damit Dáfni den Gnadenstoß gegeben. Wie gesagt, Gerüchten zufolge soll es gut versteckt in einer Kirche sein.
Und was ist, wenn man zurück in die Zeit reist und das Schwert entwendet? Ist das dann nicht einfacher? Dann müssten wir nicht nach der Nadel im Heuhaufen suchen.“ Die einfallsreiche Idee von Tyler stieß auf erstaunte Zustimmung, die mit stummen Nicken befürwortet wurde. Allerdings befürchtete Melampus, dass Tyler durch sein Eingriff den Verlauf der Zeit verändern und dadurch eine mögliche Existenz seinerseits komplett auslöschen könnte. Die Aktion müsste also bedacht und sorgfältig angegangen werden, was nicht einfach so unüberlegt in die Tat umgesetzt werden konnte. „Heißt es, dass ich in die Vergangenheit reisen darf und somit Ava vor einem Kampf bewahre?
Ja“, stimmte der Prophet zu. „Auf die Idee wäre ich nie gekommen und das was die vier Schwestern über dich gesagt haben, scheint wohl was wahres dran zu sein. Sie halten wirklich große Stücke auf dich. Ich bin beeindruckt.“ „Vergiss aber dein Date mit deiner Frau nicht“, erinnerte Carmen den Anwalt, der danach besorgt auf die Uhr blickte. „Wir haben zwar noch einige Stunden bis 20 Uhr, aber dennoch sollten wir keine Zeit vergeuden, also ran an den Speck!

.: Bei den Carrendoors :.

Nachdem Dwight von der Arbeit zurückgekommen war, suchte er zunächst die Küche auf, weil sein Hunger ihn fast verrückt gemacht hatte. Seine Mutter unterhielt sich mit ihrer besten Freundin und es schien, als würde bei ihnen wieder alles geklärt zu sein. Nachdem Essen sprang er noch schnell unter die Dusche und kam dann frisch gewaschen und in frischen Klamotten ins Wohnzimmer. „So meine Damen, stört es euch, wenn ich mich dazugeselle?“ Hope schüttelte den Kopf und lächelte ihn an. „Nachdem ich weiß, dass du ihr zukünftiger Sohn bist, kann ich es ja laut aussprechen was ich denke.
Und was denkst du?“, wollte Dwight wissen.
Du bist vom Typ her, wie Tyler. Dein Gang, deine Angewohnheiten und manche charakterlichen Züge, hast du auch von ihm geerbt.
Ava zog ihr Mund zu einem freudigen Lachen. „
Siehst du Dwight, nicht nur ich behaupte das, also muss wohl was Wahres dran sein.“ Mit einem verlegenen Schmunzeln nahm er auf dem Sofa platz. Hope hielt den Kleinen im Arm und spielte mit ihm. Er war so süß und sie würde eigentlich auch selbst ein Baby haben wollen, doch sie wollte warten bis der richtige an ihrer Seite war, der ihr bei der Erziehung und bei dem Weg zur Geburt unterstützend zur Seite stand. Sie dachte an Ian, der vielleicht ein potentieller Kandidat wäre, wenn sie lange zusammen bleiben würden, aber sie verwarf schnell wieder den Gedanken, weil sie ja erst seit ein paar Monaten zusammen waren und Zukunftspläne schmieden bei ihr nie ein gutes Ende hatte.
Dann wurde sie jedoch neugierig, und sah Dwight eindringlich an. „
Wenn du aus der Zukunft kommst, kannst du mir sicherlich verraten wie viele Kinder ich mal bekommen werde und wer der Vater ist. Sind meine Kinder gesund, sind sie anständig, ist mein Mann gutaussehend, was für ein Tätigkeit geht er nach?
Verblüfft öffnete Dwight seinen Mund und konnte im ersten Moment gar nichts herausbringen, so überrascht war er über die vielen gestellten Frage ngewesen. „
Ich weiß nicht ob ich dir was aus der Zukunft verraten soll. Ich meine, ich habe ja jetzt schon mit meinem Dasein in eurer Gegenwart die Geschichte verändert. Ist es denn nicht schöner einfach abzuwarten? Die Freude ist doch dann viel größer.
Dwight hatte recht, weshalb Hope sich nach einem kurzen Schweigen mit seiner Antwort abfand. Ihr Handy klingelte in ihrer Tasche und dabei wurde der Song von Katy Perry, Hot ’n‘ Cold gespielt. „
Oh, das ist Ian, sicherlich ist er mit der Arbeit fertig.
Wie es die Anwältin vermutet hatte, war Ian wirklich fertig mit der Arbeit und wollte, dass sie zu ihm kam. Bevor sie sich jedoch von Ava und Dwight verabschiedete, hatte Ava eine Idee: „
Wollt ihr heute mit uns ins Rivers gehen? Heute ist unser Jahrestag und da zwischen uns wieder alles in Ordnung ist, würde es mich freuen, den besonderen Tag mit meiner besten Freundin und meinem geliebten Ehemann zu feiern. Tyler hätte sicherlich auch nichts dagegen.
Wie du das gesagt hast, richtig Hollywood-Kitschig“, lachte Hope amüsiert. „Ich werde Ian fragen und dann dir anschließend Rückmeldung geben.
Ava begleitete ihre Freundin noch zur Tür und umarmte sie zum Abschied etwas länger als sonst. Danach lief sie wieder ins Wohnzimmer und setzte sich neben Dwight. „
Es ist schön, dich so strahlen zu sehen. Eine zeitlang hattest du dein Lächeln verloren, doch nun scheint es wieder da zu sein.

Wenn man die Dämonensache für einen kurzen Moment ausschaltet, kann ich behaupten, dass ich mit meinem Leben zufrieden bin. Ich habe einen fürsorglichen Mann, gesunde Kinder, die für mich da sind und Freunde, auf die ich mich verlassen kann. Was will man mehr? Das ist Schicksal! Das Schicksal meint es wohl wirklich gut mit mir.
Mum, heute bist du wohl völlig der Romantik verfallen“, zog Dwight sie mit einer fiesen Grimasse auf und bekam von ihr als Antwort einen Klaps auf den Oberarm. „Sei nicht so frech mein Jungchen, heute darf deine Mutter das! Heute darf ich Hollywood-Kitschig sein.
Noch während die beiden herumalberten, hörte Ava wieder eine Stimme, die sie daran erinnerte, heute Abend in die U-Bahn zu steigen. Dwight merkte sofort, dass Ava was hatte und sprach sie darauf an. „
Mum was hast du? Du bist auf einmal ganz bleich im Gesicht.
Obwohl Ava das für sich behalten wollte, weil sie niemanden zusätzliche Sorgen bereiten wollte, drängte Dwight sie, auszusprechen was sie beschäftigte. Nachdem sie ihm alles geschildert hatte, kratzte sich ihr zukünftiger Sohn grübelnd am Hinterkopf. „
Ich weiß nicht, ob die Dämonen mittlerweile so stark geworden sind, dass sie in die gut isolierte Wohnung durchdringen können. Dad, Violet und ich haben jedes erdenkliche Schutzschild in der Wohnung aufgestellt und bei meiner letzten Kontrolle war noch alles so, wie es sein sollte. Es muss jemand anderes gewesen sein. Jemand, der kein Dämon ist, aber wer bloß? A-Linie, 23:00 Uhr. Was sagt Dad zu allem?
Wie gesagt, ich wollte es niemanden erzählen. Ich habe es ihm nicht erzählt, weil er sonst nicht mehr von meiner Seite weichen würde. Er wird zurzeit nur überschüttet von neuen Aufgaben und neuen Herausforderungen, da will ich ihm nicht noch zusätzlich zur Last fallen.
Obwohl Dwight ihren Gedanken verstehen konnte, war es doch nur selbstverständlich, dass Tyler so reagieren würde. Was anderes wäre auch gar nicht richtig gewesen. „
Behalte das bitte für dich, versprich es mir.
Nach einigem hin und her stimmte er seiner Mutter letztendlich zu, jedoch musste sie ihm versprechen sofort ein Signal zu geben, wenn sie Hilfe bräuchte. „
Ja Commander, ich habe verstanden.“ Ava mimte einen Offizier nach und versuchte die angespannte Stimmung wieder durch ihre Nachahmung zu lösen.

.: Bei den Carrendoors :.

Tyler und Violet reisten in die Vergangenheit, in die Zeit, in der die Schlacht am Höhepunkt angelangt war und der Weltuntergang kurz davor stand. Die Welt war düster, weil die dunkelgrauen Wolken den Himmel verdeckten und die Sonne nicht gegen diese Dunkelheit ankam. Nur ganz schwach schien sie und gab Delphi ein wenig Tageslicht. Die Gegend, in der sie eindrangen, glich einer großen dürren Wüste, wo der Staub durch den kalten Wind in der Luft herumgewirbelt wurde und die vertrockneten Bäume ihre übrigen Blätter, die sie noch an ihren Ästen hingen, nach und nach verloren. Sie liefen ein Stück des Weges herab und entdeckten lauter Leichen, wo hin das Auge reichte. Mal waren es Wesen, die die beiden noch nie zu vor gesehen hatten, auch die Dämonen und Kreaturen waren unter den toten und zwischen all dem Übernatürlichen lagen die mutigen Krieger, einfache Bürger, die im Kampf gegen das Böse gefallen waren. Sie alle bekriegten sich und für sie schien ein Leben nach der großen Schlacht nicht vorbestimmt gewesen zu sein.
Der Anblick war für beide erschreckend und angsteinflößend. Erst als Tyler dieses Meer voller Tote mit eigenen Augen sehen konnte, wusste er, was ihm bevorstehen würde, wenn er New York nicht vor den ultimativen Sieben beschützte. Ja, die Dämonen würden ganze Teile von seiner Heimat dem Erdboden gleich machen und das musste er um jeden Preis verhindern. Wirklich um jeden Preis.

Fast am Ort des Geschehens angekommen, mussten sie noch an den Leichen ihrer Freunde vorbeigehen. Atropos, Hekate, Klotho und Lachesis wurden unbarmherzig ermordet und in ihrer Nähe lagen auch die Krieger Elenie, Ilias, Makarios und Sappheire, verblutet und tödlich verletzt, doch von Tychon, dem früheren Ich von Tyler fehlte jede Spur. Violet und ihr Vater wussten, dass er der letzte Überlebende war und sie hätten sich doch stark gewundert, wenn er unter den unzähligen Verstorbenen gewesen wäre. Verblüfft wären sie auch gewesen, wenn sie die sechs der Ultimate Se7en nicht entdeckt hätten. Moiris, Alucard, Lilith, Hades und Persephone, sie alle waren ebenfalls tot und so musste es wohl stimmen, dass sie gleich auf Dáfni stoßen würden.
„Hörst du das?“, fragte Violet und spitzte ihre Ohren. „Ja da sind Personen. Was für eine Abwechslung. Ich würde ja sagen, angenehm, aber der Kampf wird sicherlich nicht gemütlicher werden als dieser Anblick hier.
Wir dürfen nicht auffallen und erst nach Tychons Selbstmord eingreifen“, sagte Violet warnend. „Wir wollen ja schließlich nicht die Vergangenheit verändern.
Noch während Violet sprach, schoss ein gewaltiges Licht vom Himmel herab, das ganz in ihrer Nähe ihr Ziel erfasst hatte. Sie rannten stürmisch los und wussten, dass das Licht die Zwillinge, Artemis und Apollon, herbeigeholt hatten um Dáfni in die Hölle zu befördern. Nun musste alles schnell gehen, denn Tychon würde nun das Phoenixschwert gegen sich selbst richten.

Angekommen, sahen sie wie Dáfni gerade zu Staub zerfiel und gleich darauf, der Himmel wieder angenehm blau wurde und die Sonne wieder in ihrem vollen Glanz erstrahlte. Die Normalität schien wieder einzukehren, doch Tychon würde das nicht lange miterleben können. Tyler und Violet kniffen ihre Augen zusammen, weil sie sich noch an die Helligkeit gewöhnen mussten. Doch das dumpfe Stöhnen von Tychon war in der unheimlichen Stille zu hören. Nun hatte er das Schwert in sich gerammt. Er sackte zu Boden, atmete in kurzen Abständen, spürte die Kraft verschwinden, die immer stärker werdenden Schmerzen und dennoch war er zufrieden. Zufrieden mit sich selbst, zufrieden mit der Welt. Er konnte mit einem zufriedenen Lächeln von der Welt gehen. Und so verstarb er, nachdem das Herz aufgehört hatte zu schlagen und seine Hirnfunktion ausgeschaltet wurde.

Tyler und Violet rannten auf ihm zu, als sie sich sicher sein konnten, dass Tychon liegen blieb, doch auf halber Strecke mussten sie mit entsetzen erkennen, dass eine vermummte Gestalt neben den tapferen Krieger aufgetaucht war und das Schwert aus seinem Körper zog. Was sollten sie tun? Den Fremden anschreien oder doch lieber angreifen? Der Fremde in einer langen schwarzen Kutte, bemerkte die Anwesenheit der beiden und löste sich sofort auf, ohne ihnen eines Blickes zu würdigen. Es schien als ginge es ihm nur um das Schwert und das hatte er bereits in der Hand. Völlig außer sich trat Tyler wütend gegen den Boden, als hätte er was dafür können, doch viel mehr ärgerte sich der Anwalt über die eine Sekunde, die sie zu viel gewartet hatten. Hätten sie schneller reagiert, würden sie anstelle der vermummten Person das Phoenixschwert in den Händen halten und konnten somit Dáfni in ihrer Gegenwart zur Strecke bringen. „Verdammt! Dieser Dreckskerl war schneller als wir.
Wer war das und wieso haben uns die Propheten nicht vor ihm gewarnt?“, wollte Violet wissen, was Tyler ihr nicht wirklich beantworten konnte. „Glaubst du, dass es ein Priester oder Pfarrer war? Er trug eine Kutte und das würde wiederum mit der Behauptung, dass das Schwert in einer Kirche versteckt gehalten wird, übereinstimmen.

Tyler war überfragt und resigniert. Er starrte deprimiert in den Himmel hinauf, verärgert um eine Nasenlänge am Ziel gescheitert zu sein. Ein Funkeln machte Violet auf sich aufmerksam. Das kleine silberne Ding, das neben Tychon lag, wurde durch die Sonnenstrahlen reflektiert. „
Dad, schau dir das mal an.“ Violet reichte ihm den Fund – Ein silbernes Mondsichelanhänger. Hatte es Tychon gehört oder hatte es der Fremde verloren? „Uns hält hier nichts mehr, da das Schwert fort ist. Nehmen wir diesen Anhänger mit und geben es den Propheten, vielleicht können sie damit herausfinden, wer uns in die Quere kam. Wieviel Uhr haben wir denn?
19:00 Uhr“, entgegnete Violet ihm. „Rechtzeitig, um mit Mum euren Hochzeitstag zu feiern.“ Die Stimmung von Tyler war getrübt, aber was sollte er machen? In der Vergangenheit warten, bis vielleicht der Fremde wieder auftauchte? Nein, niemals. Das wäre wie in der Wüste auf Regen zu warten.

.: Kingsboro Psychiatric Center :.

Als Tyler und Violet aus der Vergangenheit zurückgekehrt waren, mussten sie erst einmal den Anhänger bei den Propheten abgeben, die damit nichts anfangen konnten. Zusammen mit Carmen wollten sie nach dem Besitzer des Anhängers suchen, der zugleich das Schwert an sich gerissen hatte. „Und du schaltest mal ein Gang zurück und genießt wenigstens das Essen mit Ava, alles klar?“, meinte Carmen, ehe sie in dem großen Buch die Seiten durchging und nach dem Anhänger mit dem Mondsichel Ausschau hielt.
Obwohl die Propheten auf Tyler nicht verzichten wollten, ließen sie ihn unter einer Bedingung gehen. Er müsste sofort wieder da sein, wenn sie seine Hilfe bräuchten.

.: The Rivers :.

Tyler, Ava, Hope und Ian wurden an dem reservierten Tisch geführt, der kurzfristig auf vier Personen erweitert wurde. „Es war echt eine tolle Idee von euch hier her zu kommen. The River ist ja so ein romantischer Ort, weil man direkt auf die Gewässer und die Brooklyn Bridge schauen kann.“ Hope kam gar nicht mehr aus dem schwärmen heraus und hätte am liebsten weiter geredet, wenn nicht die Bedienung gekommen würe und gefragt hätte, was sie zu trinken haben möchten. „Jetzt werde doch ein bisschen entspannter, Schatz. Du sitzt richtig verspannt am Tisch und kontrollierst alle fünf Minuten, ob auf deinem Handy eine neue Nachricht eingegangen ist oder ob dich jemand anruft.“ Liebevoll strich Ava ihrem Mann über die Hand und gab ihm einen zärtlichen Kuss auf die Wange. „Und dir macht es wirklich nicht aus, dass sie dabei sind?“, flüsterte sie ihm ins Ohr. Er schüttelte unauffällig den Kopf. „Ich habe nichts dagegen, und ich bin mir sicher, dass wir noch unzählige Jahrestage vor uns haben werden, die wir auch zu Zweit verbringen können.“ Liebevoll gab er ihr ebenfalls ein Kuss auf die Wange, woraufhin Hope ein lautes „oh“ rief. „Schau mal wie die beiden Turteltäubchen aneinanderkleben, als wären sie noch so verliebt, wie am ersten Tag.“ Verlegen gingen ihre Köpfe auseinander und sahen auf das frische Paar ihnen gegenüber, die vielleicht auch einmal ihren Jahrestag feiern würden.

.: In Claire Nolans Apartment :.

Claire schien richtig zufrieden mit ihrem Bericht zu sein. Mit diesem Konzept konnte sie punkten, da war sie sich sicher. Sie hatte auch schon die nötigen Personen und Adressen gefunden, die sie für den Bericht brauchte. „Wenn die NYPD nicht mitspielen möchte, drehen wir eben den Spieß um und lassen die Anderen sprechen.“ Siegessicher klappte sie ihr Notebook zusammen und klopfte sich gedanklich auf die Schulter. Um die gelungene Arbeit mit einem Glas Sekt zu feiern, lief sie in die Küche und öffnete eine Sektflasche der teuren Sorte. Das Handy fing an zu schellen, was sie daran hinderte, ihren Sekt zu trinken. „Claire Nolan, hallo?“ „Hey ich bin’s Max. Schalte mal dein Laptop an. Ich möchte dir ein Video schicken was dich sicherlich interessieren wird.“ Sie tat worum er sie gebeten hatte. Ihre Augen wurden immer größer, während das Video lief, richtig blass wurde sie mit einem Male und ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Im Video war Dwight Carrington zu sehen, der über dem Dach des Kings County Hospitals um sein Leben strampelte.
Die Krankenschwester hatte ihn am Hals gepackt und ihn gefährlich in der Luft hängen lassen. Claire hatte sich das also nicht eingebildet und hatte ihn schon einmal irgendwo gesehen, doch wieso kam sie von selbst nicht drauf, schließlich war sie im Video zu sehen? Sie ließ einen Schrei los, als Dwight das Gebäude hinunter stürzte und stoppte abrupt, als er auf unerklärlicherweise in der Luft hängen blieb. Im Video erkannte sie, dass alle erstarrten und wie bei einem Film die Zeit angehalten wurde. Nur eine Frau war von der Starre verschont geblieben und bewegte sich schnurstracks durch die Menschenmenge. Sie löste sich auf und erschien kurz darauf neben Dwight auf - schwebend. Der Puls von Claire schlug immer höher, so aufgeregt war sie und es wollte nicht aufhören, weil mehrere aufeinanderfolgende Ereignisse zusammenkamen, die nicht rational erklärbar waren. Wie hatte sie das gemacht? Wieso blieb die Zeit stehen? Wieso hatten sie sich vom Ort auflösen können und wieso wusste Claire von dem Erlebnis nichts mehr? Genau mit diesen Fragen beschäftigte sich der Kameramann ebenfalls, doch beide waren sich einig, dass Dwight der Schlüssel zu all den Fragen war.

.: NYPD Präsidum: 298 Classon Avenue :.

Ungeduldig warteten Claire und Max bis sie von einem Mitarbeiter der NYPD in Empfang genommen wurden. In der Hand hatte Claire einen kleinen USB-Stick, worauf das Beweisvideo gezogen wurde und das Geschehnis festhielt, das Dwight deutlich in ein mysteriöses Licht rückte. Von heute Morgen waren auf den ersten Blick keine Mitarbeiter mehr anwesend, stattdessen saßen im Raum drei männliche und zwei weibliche Polizisten, die alle damit beschäftigt waren, am Computer irgendwelche Arbeiten nachzugehen. Beide liefen gezielt auf die Mitarbeiterin, mit der sie glaubten, nicht gleich anzuecken. Claire dachte sich, wenn sie niemand registrierte, musste sie sich eben aufmerksam machen. „Hallo, ich bin Claire Nolan und habe interessantes Material, was sie sich anschauen sollten.“ Die Mittvierziger NYPD Angestellte löste ihre Augen vom Computer und sah sie mit ausdruckslosen Gesichtszügen an. „Und was soll denn so interessant sein?“ „Es passierte in der Zeit, als die Babys entführt wurden. Der junge Mann im Video, Dwight Carrington, stürzt das Gebäude hinunter und wird jedoch von einer unbekannten Frau gerettet, die höchstwahrscheinlich übernatürliche Kräfte hat.
Unglaubwürdig setzte die unscheinbare Mitarbeiterin, mit ihren dunkelbraunen schulterlangen Haaren, ihr Brille ab. „
Sie glauben doch nicht wirklich, dass ich Ihnen das glaube. Geben Sie mal her und denken Sie bloß nicht, dass ich Sie nicht erkenne, Miss Nolan.“ Claire übergab ihr den USB-Stick und ignorierte den schnippischen Unterton. „Das gibt es doch nicht“, murmelte Officer Hovan fassungslos und konnte die Augen kaum von dem Monitor lassen, so gebannt war sie vom Video. „Und sie haben da nichts getrickst, keine Videoeffekte angewendet oder so was ähnliches?
Nein“, schüttelte die Reporterin den Kopf. „Haben Sie das schon jemand anderes gezeigt? Kennt die Öffentlichkeit schon das Video?“ Die Polizistin wurde richtig euphorisch und blinzelte dadurch ununterbrochen mit ihren kleinen Augen. „Nein, ich jedenfalls nicht, du Max?“ Max fing an zu stottern. „Ich habe es einigen Freunden geschickt, aber die Medien wissen von dem Video noch nichts. Was sagen sie denn zu dem Video?
Ich werde das Video erst mal überprüfen lassen und dann schauen wir weiter. Für sie ist die Sache erledigt. Danke für den Hinweis.“ Officer Hovan kopierte sich das Video auf ihren Desktop und gab Claire den USB-Stick zurück. „Es ist besser, wenn die Medien erst mal vom Video verschont bleiben. Schauen sie bitte, dass ihre Freunde dieses Video nicht weiterreichen.“ Wars das? Keine Nachforschungen über Dwight Carrington oder Aufstellungen von möglichen Theorien, wie das alles ohne jegliche Zauberei funktionieren konnte? Claire war sichtlich enttäuscht und teilte es der Mitarbeiterin mit. „Ich hatte gehofft sie binden uns jetzt in ihren Recherchen mitein. Schließlich wären sie ohne uns nie auf das Video gestoßen.
Es ist eine Nummer zu groß für mich. Vielleicht stecken Terroristen dahinter, was bedeutet, dass die FBI eingeschaltet werden muss. Das alles muss überprüft werden, vorher können wir rein gar nichts unternehmen. Ich werde auf Sie zukommen, wenn es nötig ist.“ Officer Hovan stand daraufhin auf und begleitete die zwei zur Tür. „Nochmals vielen Dank, auf Wiedersehen.
Max und Claire wurden vor die Tür gesetzt – Na toll, dachte Claire verärgert und wollte zu ihrem Auto laufen, doch wo war ihr Auto? Sie hatte doch direkt vor dem Präsidium geparkt. „
Das darf doch wohl nicht wahr sein. Max! Wo ist mein Auto?“ Ehrfürchtig zeigte Max auf das Parkverbotsschild und ging leicht in Deckung, weil er befürchtete, gleich eine Lawine voller hysterische Schreie ab zu bekommen. Claire erkannte dies und verschonte ihn damit. Was würde sie mit ihrem Wutanfall erreichen können? Nichts. Schließlich hatte sie ja wirklich falsch geparkt und das direkt vor der Polizei - Sie beschloss es gelassen zu sehen. „Nehmen wir eben die U-Bahn, auch wenn du diese nicht magst. Währenddessen können wir uns Gedanken machen, wie wir den Bericht mit der NYPD mit Dwights Sensationsvideo vereinen können. Alles Schlechte hat auch was Gutes.

.: Bei den Carrendoors :.

Dwight warf sich auf das Sofa und schaltete den Fernseher an. Im DVD-Player war der Kinofilm Jumper eingelegt und diesen wollte er gemütlich mit einer Packung Chips und einer Packung Gummibärchen anschauen. Doch schon nach den 10 Minuten plagte ihm der Gedanke daran, nicht bei der Suche der Ultimate Se7en oder dem Schwert mit involviert zu sein. Er hatte die Aufgabe auf den kleinen Aufzupassen, was wichtig ist, jedoch war es nicht sonderlich aufregend und beanspruchte ihn körperlich nicht viel. Er tauschte den Revolver gegen die Milchflasche ein und sein kämpferisches Geschick gegen das erzieherische Windeln-wechseln.
Violet war von der Zeitreise so erschöpft gewesen, dass sie die Aufgabe übernahm, den kleinen ins Bett zu bringen um dabei selbst eine Runde schlafen zu können, bis sie wieder von den Propheten oder Dämonengöttern gerufen wurde. Auf dem Tisch stand noch ein Babyfon, nur um sicher zu gehen, dass es dem Kleinen und Violet gut gingen und sie bei ihrem Schlaf nicht gestört wurden.
Gerade als Dwight seine Aufmerksamkeit wieder dem Film schenken wollte, läutete die Wohnungsklingel. Mehrere hektische Male. Wer könnte das sein? Dwight stand auf und schlenderte zur Haustür, nicht damit rechnend, dass der ungeduldige Besucher ihn so überwältigen würde, dass es ihm die Sprache verschlug. „
Dwight Carrington?“, fragte Detective Claridge mit kalter Miene. „Sie sind festgenommen wegen falscher Identität und…“ Die Polizistin zögerte kurz, weil sie selbst nicht glauben konnte, was sie gleich sagen würde. „…als Gefahr für die Bürger in New York durch übernatürliche Fähigkeiten verdächtigt werden.“ Die Officers hinter ihr nahmen ihn daraufhin sofort in Gewahrsam und ketteten ihn in Handschellen fest. Dwight wurde unglücklich überrascht. Überrascht und überrumpelt, dass er mit sich machen ließ, was sie wollten. Er leistete keine Gegenwehr, stattdessen stotterte er Teile von Sätzen, die nur noch mehr seine Verwirrtheit wiederspiegelte. „Aber… Aber das können Sie doch nicht machen, hey! Wieso werde ich festgenommen?
Dwight Carrington ist laut unserer Datenbank ein 71-jähriger alter Mann mit Lungenkrebs und verwitwet. Mister Carrington hat keine Zeitreise oder eine Verjüngungskur eingelegt, weil wir ihn im Altersheim besucht haben. Diese Fakten lassen daraus schließen, dass sie mit falscher Identität in Brooklyn leben. Langt das als ein kleiner Grund, ich habe noch mehr, wenn Sie möchten!“ Dwight sah fassungslos in das Gesicht des siegessicheren Detectives und ließ sich widerstandslos abführen. Er verstummte zwar, doch in seinem Kopf herrschte das reinste Gefühlschaos. Panik, Vorwürfe, Ungewissheit. War er nun in ein Schlamassel geraten, wo er nicht mehr rauskam? Er hätte sich auch wehren können, was ihn jedoch nur noch mehr Ärger eingejagt hätte. Nun musste er die Nerven behalten und nach dem ersten Schock einen klaren Kopf bekommen.
Abigail warf einen kritischen Blick in die Wohnung der Carrendoors, der so viel Ruhe und Harmonie ausströmte, was schon fast zu stimmig auf sie wirkte um das alles abzukaufen. „
Ein Durchsuchungsbefehl habe ich schon so gut wie in der Tasche und dann werden wir sehen, was der Anwalt Tyler Carrendoor mit alldem zu tun hat.“ Das Funkeln in ihren Augen war kaum zu übersehen, entfacht durch den Willen Licht ins Dunkeln zu bringen und das wahre Ich von Dwight und vielleicht auch von Tyler aufzudecken.
Nachdem Abigail im Aufzug verschwand, ging vorsichtig die Tür mit einem unangenehmen knarrendem Geräusch des Treppenhauses auf. Carmen hatte alles mitbekommen, da sie eigentlich auf dem Weg zu Violet war, die ihr bei der Suche nach dem Schwert helfen sollte. Sie hatte eine Spur gefunden, doch sie empfand es nun als wichtiger, Dwight aus seiner Situation zu helfen.

.: The Rivers (Cafe) :.

Tyler, Ava, Hope und Ian stiegen in den Wagen. Der Anwalt konnte noch den Schlüssel in das Zündschloss stecken, als sein Handy anfing zu vibrieren. Carmen rief an. „Tick jetzt nicht gleich aus und verhalte dich so, dass niemand mitbekommt was ich dir gleich erzähle. Vor allem Ava nicht. Also, Dwight wurde von der NYPD festgenommen, weil seine Tarnung aufgeflogen ist und die die NYPD ein Video zu Gesicht bekommen hat, dass dein Sohn eindeutig als eine Person mit nicht rational erklärbaren Fähigkeiten entlarvt. Es handelt sich um den Vorfall vor einigen Monaten, wo Lillith im Körper von der Krankenschwester Caroline Dwight vom Dach hinuntergestoßen hat.“ Tyler hielt vor Schreck die Luft an und atmete stattdessen wenige Male schwer durch die Nase aus. „Ich möchte gar nicht weiter reden. Wir treffen uns bei mir zu Hause. Beeil dich und komm alleine!
Ava sah die große Sorgenfalten von Tyler und hielt seine eiskalte Hand. „
Was hat Carmen gesagt und wieso bist du auf einmal so still? Tyler, rede mit mir.
Ava, ich… ich muss sofort zu Carmen, weil wir eine heiße Spur haben, die uns zum Schwert führen könnte. Vorher fahre ich euch aber erst heim!
Kümmere dich nicht um uns. Wir können doch mit der U-Bahn fahren“, schlug Ian vor und zeigte auf die Unterführung, die in Sichtweite war. Verunsichert sah Tyler Ian und danach seine Frau an, die ihm noch nicht wirklich glauben wollte. „Passt du auf die zwei hübschen jungen Frauen auf, während ich weg bin?“ Tyler suchte die Bestätigung von Ian. „Auf jeden Fall. Ich werde auf sie aufpassen, auch wenn es das letzte ist, was ich tue.“ Obwohl der Gefängniswärter seine Aussage mit einem witzigen Unterton untermalte, meinte er es wirklich ernst. Er würde sie beschützen, wenn es hart auf hart kommen würde, aber was sollte bei der kurzen Fahrt großartiges passieren? „Wir sehen uns dann alle in der Wohnung von Ava und mir, einverstanden?“ Tyler wollte wirklich nicht, dass Ava alleine mit der Bahn heimfuhr und wenn sie zu Dritt blieben, würde das eine gar nicht eintreten.

Na gut, dann steigen wir jetzt aus und du kommst dann nach“, versicherte Ava sich und gab ihren Mann einen liebevollen Kuss. „Pass auf dich auf, okay?“ Tyler nickte und verabschiedete sich mit einem kurzen Winken bei Hope und Ian.
Dann fuhr er los. Als er nicht mehr zu sehen war, öffnete Ava ihre Tasche und vergewisserte sich, dass sie in ihrer Handtasche den Revolver hatte, den sie vor Monaten von Carmen bekommen hatte, um sich vor Dämonen oder sonstigen Angreifern zu schützen. „
Können wir?“, fragte Ian. „Ja wir können gehen.“ Mit einem mulmigen Gefühl im Magen, und das verdankte sie nicht dem Essen, lief sie in die Richtung der Unterführung, der sie zur U-Bahn brachte. Sie wusste noch, was die Frauenstimme zu ihr sagte. „Du musst auf alle Fälle einsteigen, egal was kommt. 11 Minuten nach 11 Uhr abends und sie wird dennoch nicht stehen bleiben.“ Ava würde nun Einfluss auf das Geschehen nehmen, wenn sie kurz vorher einen Rückzieher machen würde, doch was passierte dann?

Was erwartete sie in der U-Bahn? „Du wirst Menschenleben retten!“ die Frauenstimme drang wieder an ihr Ohr hervor. „Fürchte dich nicht vor dem was kommt, denn du bist der Schlüssel.“ Geistesabwesend lief sie die Treppen zur U-Bahn hinunter und wie es der Zufall so wollte, fuhr gerade eine Bahn ein. Die Türen sprangen auf und als sie einstiegen, begegneten Hope und Ava, die ehemalige High School Schülerin Hayley Gilpin, die einige Stufen unter ihr war. „Hey.“ Beide schenkten ihr ein verhaltenes Lächeln und tauschten nichtsagende Blicke aus. „Hi.“ Die hübsche Brünette lief weiter ohne stehen zu bleiben. „Anschauen ja, aber nicht hinterher schauen! Okay?“ Hope hatte mitbekommen wie er Hayley angeschaut hatte, aber nicht aus den Gründen, die Hope vermutet hatte. „Hayley? Schatz, ich bin mit ihr einmal ausgegangen, da brauchst du dir absolut keine Sorgen machen.“ Hope fing an zu kichern, als sie merkte, wie Ian in Verlegenheit gebracht wurde und strich ihm schadenfreudig über die Wangen. „Das weiß ich doch, mein Großer, bekomme nicht gleich immer ein Schweißausbruch, wenn ich dich aufziehen möchte, aber hey. Sie ist ein scharfes Ding.“
Steigt ihr bei der nächsten Station aus, oder besser noch, ihr fährt erst gar nicht mit“, warf Ava unerwartet ein. „Wieso?“ Hope schien irritiert zu sein. „Ich hab so ein unwohles Gefühl, dass in der U-Bahn was schlimmes passieren wird und da möchte ich euch nicht mit hineinziehen.“ „So ein Schwachsinn, ich habe deinem Mann versprochen auf dich aufzupassen und ein Teufel werde ich tun, mich nicht dran zu halten.“ Fest entschlossen, Ava nicht alleine fahren zu lassen, hielt Ian nach drei freien Sitzplätzen Ausschau. „Ich denke genauso. Wir bleiben zusammen“, entgegnete Hope ihrer Freundin und suchte ebenfalls nach freien Sitzmöglichkeiten. Ava erzwang ein verkrampftes Lächeln. „Dort drüben ist frei, aber versprecht mir, sobald etwas merkwürdig ist, die nächstmögliche Haltestelle wahrzunehmen.

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Nicholas Coad, ein 35-jähriger Versicherungsmakler, mit kinnlangen braunen Haaren, die nach hinten gekämmt wurden, saß in der U-Bahn auf dem Rückweg von der Arbeit. Sein cremefarbiger Sakko war zusammengeknöpft und darunter trug er ein weißes Langarm-Baumwollhemd mit einer einfachen roten Krawatte ohne jegliche Muster darauf. Auf seinen Schoß hatte er seinen Aktenkoffer, sein Werkzeug, wie er es gerne nannte. Darin befanden sich Versicherungsverträge aller Art, von Sachversicherungen bis Personenversicherungen, von Risikoversicherungen bis Bausparverträgen. Ja, er war gut ausgerüstet und mit dem Koffer könnte er egal wo er sich gerade befand, seine Arbeit erledigen. Er arbeitete auf Provisionsbasis, was bedeutete, dass er wirklich vom Verkaufen lebte. Würde er nichts verkaufen, hätte er kein Geld zum Leben. In letzter Zeit hatte er es schwieriger und da war die Wirtschaftskrise nicht ganz unschuldig, aber dennoch war er optimistisch, dass nach schlechten Zeiten, gute Zeiten kommen würden.
Er musste noch vier Stationen fahren, ehe er aussteigen und von der U-Bahn bis zu seinem Wohnblock heimlaufen konnte, was in der Regel 10 Minuten dauerte. Es war 22:45 Uhr und in der U-Bahn wimmelte es noch von vielen Fahrgästen. Die ältere Frau, die ihm gegenüber saß, starrte ihn auffällig an. Erst musterte sie ihn und schätzte, aus welchem Gewerbe er wohl kommen mag, danach schaute sie sein Gesicht an. Er hatte an den Backen tiefe Falten, woraus sie schließen konnte, dass er viel lachte oder zumindest viel Mimik in seiner Sprache anwendete. Danach wanderten ihre Augen an seinem Hals, wo der Kragen vom weißen Hemd hervor blitzte. Kritisch verzog sie ihr Gesicht. An seinem Kragen war ein roter Fleck, der aber nicht von einem Lippenstift kam. Für einen Kuss war der Fleck zu rund, außerdem war sie richtig dunkelrot. Es schien, als hätte er eine Verletzung am Hals gehabt. „
Ist was?“, wollte Nicholas wissen. Sie zeigte stumm auf seinen Hals. Verwundert fasste er sich an den Hals und spürte was Feuchtes – Blut. Erschrocken riss er seine Augen auf und fragte sich, wie und wo er sich verletzt haben könnte. Er stand auf und betrachtete die Wunde im Fenster, weil er sich darin sehen konnte. Es war eine richtige Fleischwunde, die aber erst nachdem er darauf aufmerksam gemacht wurde, anfing ihm Schmerzen zu bereiten. Nicholas öffnete seine Aktentasche und holte ein Taschentuch um es auf seine Wunde zu drücken. „Brauchen Sie Hilfe?“, wollte die ältere Dame wissen. „Nein, danke.“ Er lehnte die Hilfe ab und spürte wie die Schmerzen immer größer wurden und das Brennen immer unerträglicher wurden. Mit zusammengepressten Lippen drückte er mit dem Taschentuch fester gegen die Wunde, die aber nach einer kurzen Zeit voll mit Blut gedrängt war. Er griff erneut nach einem Taschentuch. „Sie sollen lieber ins Krankenhaus. Wer weiß wie gefährlich die Wunde ist. Was haben Sie denn getan? Hat Sie etwas gebissen?“ Irritiert schüttelte er den Kopf und überlegte jedoch, ob ihn tatsächlich ein Tier gebissen haben könnte. Je stärker die Wunde an seinem Hals brannte, desto schwieriger wurde es für ihn gerade aus zu schauen. Vielleicht sollte er sich lieber wieder hinsetzen, um seinen Puls zu senken. Er wischte sich mit seiner Hand die Schweißperlen von der Stirn ab und blickte in die besorgten Augen der älteren Dame.

.: NYPD Präsidum: 298 Classon Avenue :.

„Wie hat das Ihre Freundin gemacht? Das ist Hexerei, nicht wahr?“, wollte Abigail mit strenger Miene wissen. Dwight blieb verstummt, woraufhin Abigail weiter tiefer bohrte. „Ihre Freundin wird schon seit längerem vermisst. Wissen sie, bevor sie verschwand, lag sie im Sterben und als ihre Familie ihr im Krankenhaus Lebewohl sagen wollten, war sie wie vom Erdboden verschwunden. Es wäre also nur fair, der Familie gegenüber, uns die Wahrheit über Sie und ihre Freundin zu erzählen.“ Keine Reaktion. Der aus der Zukunft kommende junge Mann starrte verstohlen auf den Tisch, in Gedanken schwelgend, wie es nun weiterging? „Na gut, wenn Sie nicht reden wollen, bitteschön. Nachdem wir Ihr Handy überprüft haben, werden wir alle Personen hier her bestellen, die mit Ihnen telefoniert haben. Gefällt Ihnen das? Jetzt kommen Sie, wollen Sie es wirklich drauf ankommen lassen? Es gibt doch einen einfacheren Weg, indem sie anfangen zu sprechen.“

Dwight schien reagiert zu haben. Seine Augen zuckten, als sie die Telefonate abhören wollten. Er öffnete den Mund brummte kurz, dann verstummte er wieder. „Ich bin ein ungeduldiger Mensch, wissen Sie das? Ich mag es nicht, wenn ich an der Nase herumgeführt werde, öffnen Sie ihr Mund! Brechen Sie ihr Schweigen oder soll ich Ihnen auf die Sprünge helfen? Soll ich Tyler Carrendoor herholen, denjenigen, bei dem sie aktuell wohnen?“ Mitgenommen riss er seine Augen auf. „Nein!“
„Oh der Herr kann ja doch reden!“ Abigail hatte wieder ihr überlegenes Grinsen im Gesicht, was Dwight tierisch auf den Zeiger ging. Eigentlich hätte er sich auch fortbeamen können, aber das würde für nur noch mehr Unruhe sorgen, also beschloss er wie ein hilfloses Hamster, der in seinem Rad außer rennen nichts anderes machen konnte, da zu sitzen. „Es bringt eigentlich nichts, weil Sie mir nicht glauben werden.“
„Erzählen Sie, danach werde ich selbst entscheiden können, ob ich Ihnen glauben werde oder nicht.“ Dwight war in einer Zwickmühle, in der er nicht mehr rauskam. Sollte er ihr wirklich erzählen, woher er kam und das Klotho eine Göttin war? Die Polizistin würde ihn niemals glauben und ihn in die Klapsmühle stecken. Bei dem Gedanken musste er innerlich kurz Schmunzeln, weil er an die Propheten dachte, die in der Psychiatrieklinik versuchten, die große Schlacht zu verhindern. Es wäre ihm vielleicht sogar recht gewesen, dort hin zu kommen. Stattdessen saß er hier fest. Erst einmal in Untersuchungshaft, aber das reichte vollkommen. Dwight wollte raus, raus zu den anderen!

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Lassen Sie das meine Sorgen sein, ich komme zurecht.“ Nicholas war gereizt und die offensichtlichen Blicke der Fahrtgäste brachte ihn nur noch mehr auf die Palme. Er fühlte sich wie ein Affe der im Zoo in seinem Gehege für die Besucher zur Schau gestellt wurde. Zum Hölle mit den Schaulustigen, dachte er verärgert. Ihm war nach wie vor heiß und die Körpertemperatur schien nicht abschwächen zu wollen, sondern stieg von Minute zu Minute höher an. Er hielt es nicht mehr aus und stand ruckartig auf, zwängte sich durch die Menge und wollte vor den neugierigen Blicken verschwinden. Nicholas hetzte durch die Abteilungen, bis er im letzten ankam und nicht mehr weiterlaufen konnte. Der Schmerz hatte sich mittlerweile so verbreitet, dass es eine Qual war, aufrecht gehen zu können und so setzte er sich auf den freien Platz und legte seinen Koffer neben ihn ab. Sein Hemd war nass geschwitzt, was dunkle Stellen unter seinen Achseln hinterließen. „Himmel, Herr Gott, was zum Teufel ist mit mir los?“, fluchte er verärgert und zog erneut die Aufmerksamkeit auf sich. Danach schloss er seine Augen und versuchte sich zu beruhigen. Zur Ruhe kam er jedoch nicht, stattdessen konnte er sich wieder daran erinnern, was er heute alles erlebt hatte. Er kam von der Geschäftsreise zurück und wurde beim Eintreten in das Haus gleich mit dem widerlichen Gestank konfrontiert. Ihm war sofort klar, dass etwas nicht stimmen konnte und stürmte suchend nach seiner Frau direkt in das Schlafzimmer. Als er sie blutüberströmt auf dem Bett auffand, fiel er fürchterlich weinend auf die Knie. Wer hatte ihr das angetan? Er wurde in einen Trancezustand versetzt, der keine klaren Gedanken mehr zuließ. Nicholas bekam nur noch mit, wie etwas im Schrank raschelte und als er danach schaute, erblickte er seinen Sohn, verängstigt und hilflos eingesperrt. Er hörte noch, wie er nach ihm rief und anfing zu schreien. Danach spürte er einen fürchterlichen Schmerz im Nacken und fiel bewusstlos zu Boden. Das nächste an was er sich erinnern konnte war, dass er irgendwie im Meeting kurz eingenickt war und verschreckt aufwachte.

Fortsetzung:
19.5. Trip To Hell