19.5. Trip to Hell
Nicholas klappte niedergeschlagen zusammen und vergrub seine mit Tränen gefüllten Augen hinter den Fäusten. Er schluchzte, weinte um seine Familie und wollte gar nicht mehr aufhören. Eine besorgte Frau setzte sich ihm gegenüber und reichte mitfühlend ein Taschentuch. „Harter Tag gehabt?“ Der Versicherungsmakler hob sein Gesicht und sah sie niedergeschlagen an. Zu seiner Verwunderung konnte er ihr Herz pochen hören, was ihn nach und nach beruhigte, aber eigentlich total unerklärlich schien. Doch er konnte nicht leugnen, dass er auf einmal das verlangen hatte, nach ihr zu greifen, sein Ohr an ihre Brust zu drücken um das Pochen noch lauter hören zu können, der wie eine Beruhigungsmelodie auf ihn wirkte. Sein Verstand sagte zu ihm, dass er es lassen sollte, doch sein Verlangen nach dieser Frau war zu stark – viel zu stark. Als die Frau erkannte, dass sich sein Gesichtsausdruck veränderte, er auf einmal bedrohlich wirkte, wollte sie aufstehen, doch es war zu spät. Zügig griff er sie grob am Armgelenk und zerrte sie zu ihm. Er küsste ihren Nacken, der so süß nach Vanille roch und konnte einfach nicht mehr Widerstehen. Gierig biss der Versicherungsmakler in ihren Hals und konnte gar nicht mehr aufhören daran zu saugen und noch fester zuzubeißen. Er ignorierte ihre Schreie. Ignorierte ihr Flehen. Er ignorierte wie das Blut nur so über ihren Nacken strömte und sich auf ihre Kleidung verteilte. Die Personen im Abteil standen auf und wollten der hilflosen Frau helfen, doch Nicholas, der wie zu einem wild gewordenen Tier mutiert war, entwickelte eine so enorme Kraft, so dass er die Angreifer mühelos vom Leib halten konnte.
Er warf sie zu Boden und fing an,
überall reinzubeißen und sah die Frau wie eine Mahlzeit an, die er verspeisen
musste. Er nagte und knabberte an ihr, fraß sich durch ihr Fleisch, bis vor zu
den Knochen, wo es nichts mehr zum Verschlingen gab. Dann sucht er eine neue
Stelle aus, über die er herfallen konnte. Sie verstummte, zitterte wie eine, die in
einem offenen Stromkasten gelangt hatte und lag wehrlos auf den Boden, ohne
jegliche Hoffnung, dies heil überstehen zu können.
Nachdem Nicholas genug von der Frau hatte, sie bis zum unverkennbaren
zerfleischt wurde und nichts von ihrem freundlichen Erscheinungsbild
übrig blieb, erhob er seinen Kopf um ein weiteres Opfer zu suchen. Allerdings
hatten die meisten Personen bereits das Weite gesucht, flüchtend vor dem wahr
gewordenen Kannibalen, der überall mit fremdem Blut verschmiert und mit
Überresten von Hautfetzen und Innereien um seinen Mund herum beklebt war.
Nicholas ließ sein erstes Opfer links liegen und packte einen korpulenteren
Mann, der aus dem Abteil verschwinden wollte, schmiss ihn gewaltvoll zu Boden
und machte sich über ihn her. Wie ein unkontrolliertes Lauffeuer verbreitete
sich die Schreckensnachricht in nur wenigen Sekunden in der ganzen U-Bahn, was
zur Folge hatte, dass nur noch mehr Hysterie entstand und jeder um sein Leben
flüchtete. Sie wollten raus – einfach nur raus - aber die Bahn hielt einfach
nicht an!
****
Ava erinnerte sich an den Tag zurück,
als sie Tyler in der Straßenbahn kennengelernt hatte. Vor ihm, hätte sie
schwören können, dass Liebe auf dem ersten Blick, nur in Filmen existierte, doch
er war der lebende Beweis dafür, dass es so etwas tatsächlich gibt. Lange war es
her, aber sie konnte sich noch an so viele Details erinnern. Schön Dinge,
nachdenkliche Momente, kritische Zeiten. Sie hatten viel durchmachen müssen, was
sie letztendlich nur noch enger zusammen schweißten. „Du
schwelgst ja total in Gedanken“, merkte Hope an und
legte ihre Hand auf die von Ava. „Überaus schöne
Erinnerungen“, fing Ava verträumt an, „Schöne
Erinnerungen lenken mich vor der Ungewissheit ab, was heute und in den nächsten
Wochen auf mich zukommen wird. Ehrlich, ihr hättet nicht mitkommen dürfen, ich
hab total das schlechte Gewissen euch gegenüber.“
Ava drehte ihren Kopf zu Ian, der unauffällig die Personen in der U-Bahn
beobachtete, wachsam, auf auffälliges Verhalten achtend. Als Gefängniswärter
brauchte er einen scharfen Sinn, einen Messerscharfen Blick und das Gespür für
unvorhergesehene Gefahren. Innerhalb wenigen Sekunden musste er einen Menschen
stückweit beurteilen können und vorausschauend Theorien aufstellen, was die
Personen als nächstes machen könnten. Auch wenn alle Plätze belegt waren, hier
im Abteilwagen schienen sie alle mehr oder weniger harmlos zu sein, keiner von
ihnen könnte sich als Terroristen, Amokläufer oder gefährlichen Verrückten
entpuppen. Er stand auf, lief zur Tür und blickte durch das kleine Fenster in
den Nebenraum, was auf den ersten Blick in Ordnung schien. Ians Augen
wanderten von den vorderen Plätzen zu den hinteren – Nichts Auffälliges, dachte
er und wollte sich gerade umdrehen, als eine Welle von panischen Schreien, durch
die Tür an sein Ohr drang. Er sah auf die gegenüberstehende Tür, die ungefähr 20
Meter weiter weg war. Fahrtgäste stürmten mit bleichen Gesichtern und panischem
Geschrei in die Abteilung. Die Unruhe schwappte zu den anderen über, als sie
erfuhren, vor was die Menge wegrannte. Einer von ihnen drückte hektisch auf den
Stopp-Knopf, immer und immer wieder, in der Hoffnung, die U-Bahn würde durch
sein ununterbrochenes Drücken schneller Aufgehen.
Ian ahnte Schlimmes, öffnete die Tür
und sprintete ihnen entgegen. Er zwängte sich durch Menge, öffnete die
nächste Tür und dann zwei weitere. Vor dem letzten Abteil blieb er mit weit
aufgerissenen Augen stehen. Ein Mann hatte sich über eine Frau hergemacht, die
blutüberströmt auf den Boden lag. Reglos, auf brutalste Art ermordet. Ihre Augen
spiegelten die pure Furcht wider, die Ian die Nackenhaare zu Berge stehen ließen
- Abartig. Ian kniff kurz angewidert die Augen zusammen. Mutig wie er war,
wollte er helfen, da ein Fahrgast eingeschlafen war und das Schreckenszenario
gar nicht mitbekommen hatte. Es war ein etwas korpulenterer Mann und der
Gefängniswärter fragte sich, ob er mit seiner bloßen Kraft ihn überhaupt tragen
könnte, falls er nicht aufwachen sollte. Der Menschenfresser bekam gar nicht
mit, wie Ian in den Abteil hereingeschlichen kam, weil er zu beschäftigt mit dem
Fressen war. Ian versuchte den schlafenden Mann zu wecken. Schüttelte ihn,
rüttelte ihn, gab ihm mehrere Backpfeifen. Endlich wachte er auf. Noch von der
Müdigkeit überwältigt, öffnete er seine kleinen Augen und sprang aufgeregt auf,
weil er dachte, seine Station verpasst zu haben. „Kommen
Sie!“ Er sah an den Mann vorbei, packte nach dem
Armgelenk des Dicken und zog ihn die Richtung der Tür. Dieser wehrte sich
anfangs, verstand nicht, was der Fremde mit ihm vorhatte und befreite sich aus
dem Griff. Als er jedoch den Kopf nach hinten drehte, erhaschte er den
blutverschmierten Mann, besonders um den Mund herum, der gerade dabei war, sein
nächstes Opfer zu suchen. Beide verloren keine weitere Sekunde und peilten die
Tür an. Der Angreifer war erbarmungslos und schnell, überwältigte den
verängstigten Mann und drückte ihn zu Boden. Ian versuchte noch den
Überwältigten aus den Klauen des Kannibalen zu befreien, musste aber einsehen,
dass jede Hilfe zu spät kam.
„Scheiße, scheiße, scheiße!“
Ian hetzte aus der Abteilung, vorbei an den mittlerweile leer stehenden Waggons,
vor zu Hope und Ava, die sicherlich bereits mitbekommen hatten, was vor sich
ging. Angekommen rang er nach Luft, sog so gut wie es ging Sauerstoff ein um
wieder einigermaßen normal Atmen zu können. Sie schienen schon auf ihn gewartet
zu haben. „Geht es dir gut? Stimmt es, was die
Leute da von sich geben?“ Hope stand dem Tränen nahe.
„Im letzten Waggon gibt es einen Kannibalen, nein
eher ein Zombie! Wir müssen sofort raus!“ Ian hatte
viele überholen können, die nun in Massen zu ihnen gestürmt kamen.
****
Dáfni erschien in einem dunklen Rauch neben der stark blutenden Frau, die qualvoll mit ihrem Leben rang. Mit einem düsteren Lächeln berührte sie ihre Stirn, woraufhin sie augenblicklich aufstand und sich vorwärts bewegte. Der Schmerz schien wie verschwunden zu sein - Ebenfalls nach Menschenfleisch suchend, denn auch sie wurde zu dem, was Nicholas war – Ein Zombie. Das Dämonenkind verwandelte danach den korpulenteren Mann, dann noch drei weitere Personen und so summierte sich die Anzahl der Opfer und die Zombies rasch, die den Eindruck machten, schneller zu mutieren, als es noch im Fall von Nicholas war.
****
„Los, los,
los!“ Ian hatte sein Taschenmesser gezuckt, während
Ava ihren Revolver hervorgeholt hatte. Einige versteckten sich unter den Sitzen
und beteten, nicht gesehen zu werden. Für einen Moment dachte Hope daran,
ebenfalls ein Versteck zu suchen, schlug diesen jedoch wieder aus und wartete,
was die anderen beiden taten. Ava schien ihre tatsächliche Angst unterdrücken zu
wollen, doch es war kaum zu übersehen, wie sie zitterte. „Kommt!“
Sie folgten der Masse, doch sie wussten, dass es irgendwann nicht mehr
weiterging und nicht alle im letzten Waggon Platz haben würden. „Himmel
Herr Gott, sie werden immer mehr!“, schrie eine
Frauenstimme, die zur Personengruppe gehörte, die nachgekommen war. Ian hatte so
etwas derartiges bisher nur im Fernsehen oder im Kino gesehen, Personen, die
jegliche Menschlichkeit verloren hatten und über andere herfielen und sie
zerfleischten. „Wie viele?“,
wollte jemand aus der Menge wissen. „Keine Ahnung,
aber die Verletzten werden ebenfalls zu diesen Kreaturen!“
„Wir müssen sie aufhalten!“,
rief Ava zu Ian, der versuchte, in dieser ungewohnten Situation einen klaren
Kopf zu behalten. „Es ist zu gefährlich“,
warnte Hope und hatte sich fest an Ian geklammert. „Aber
so geht das nicht weiter. Wir werden alle draufgehen, wenn wir nichts
unternehmen!“
„Die U-Bahn wird nicht anhalten“,
faselte Ava fast geistesabwesend. Sie erinnerte sich an die Worte der fremden
Frauenstimme. „Das ist es, was sie meinte. Und ich
soll der Schlüssel sein? Wurde ich nun reingelegt? Sollte das die Fahrt in den
Tod sein?“ Ava bekam es mit der Furcht zu tun, ihr
Puls stieg ins unermessliche. „Ava was redest du
denn da?“ Plötzlich hörten sie Scherben zerbrechen.
Lautes Poltern, dumpfe Schreie. Sie waren hier ganz in der Nähe und hatten die
unschuldigen Fahrtgäste fast eingeholt. „Jetzt aber
los.“ Ian, Hope und Ava rannten in den nächsten
Waggon, blickten nach links, dann nach rechts. Wieder hatten sich mehrere
Personen unter den Sitzen versteckt, während die übrigen abgehauen waren, alle
in die Richtung, wohin sie ebenfalls wollten – In den letzten Abteilwagen. „Wartet.“
Ian zerbrach die Scheibe zum Feuerlöscher und versuchte die Tür zu blockieren
oder zumindest den Bewegungssensor außer Gefecht zusetzen. Er musste den Zombies
den Durchgang erschweren um etwas Zeit zu gewinnen. „Wieso
sagt keiner dem Schaffner, dass er anhalten soll? Warum funktionieren die
Notbremsen nicht?“, flehte einer förmlich und
jammerte vor Todesangst. Ian versuchte die Stimmen um ihn herum zu ignorieren
und konzentrierte sich auf das wesentliche. Er suchte nach etwas, was er noch
benutzen konnte, aber fand leider nichts. „Verdammt.“
Er sah wie eine Menschengruppe von ungefähr 20 Personen, auf ihn zu gerannt kam
und musste die Tür händisch wieder öffnen um ihnen den Zutritt zu gewähren. Nach
und nach wurden sie jedoch von den Bestien eingeholt. Die Hilflosen wurden
grausam gegen die Sitze geschleudert, gegen die Fenster geschmettert oder brutal
auf den Boden geworfen.
Ein junges Mädchen wurde Rücksichtslos unter drei von dieser Sorte vergraben,
die sie regelrecht zerfleischten, während die Kleine ununterbrochen um ihr Leben
schrie. Die Mutter des kleinen Kindes wollte ihr zur Hilfe kommen, doch auch sie wurde zu Boden
geworfen und weggezerrt. Blutfontänen spritzten in alle Richtungen, je mehr
Personen angegriffen wurden. Das Blut verteilte sich überall auf den Fenstern,
an den Sitzen und auf den Boden. Ein regelrechtes Blutbad, wie in einem
Horrorfilm - einem Slasher, nur viel schrecklicher und viel realer, da die
Kamera in Filmen bei den brutalsten Szenen normalerweise wegschwankte! Fünf
konnten durch die Tür gelangen, für die anderen gab es kein Entkommen mehr. „Verschließ
die Tür“, schrie Hope. „Schnell!“
Gerade noch rechtzeitig. Ein Zombie knallte gegen die verschlossene Tür und
versuchte sie aufzubrechen. Er machte den Eindruck, als hätte er jedes
Schmerzempfinden verloren und hämmerte mit dem Kopf immer wieder gegen die Tür.
Seine Platzwunden schien er gar nicht wahrzunehmen und dass seine Stirn langsam
mit Beulen übersät war, kümmerte ihn das Geringste. Er hatte nur ein Ziel –
Nahrung zu sich zu nehmen. Menschenfleisch. Das Fenster bekam durch seinen
Widerstand Sprünge und drohte in Tausend Scherben zu zerfallen. Ian entfernte
sich von der Tür, immer noch gebannt vom Anblick des wild gewordenen Mensches,
vor zu Ava und Hope, deren Angst keine Grenzen mehr kannten, und riet sie zu
verschwinden.
Sie gelangten in den nächsten Raum, wo sich am Ende des Ganges die Personen
ansammelten. „Da geht es nicht weiter!“
Ava hatte bereits mehrmals versucht Tyler, Violet oder Dwight anzurufen, aber
niemand von ihnen reagierte auf ihre Anrufe. „Wir
müssen uns wehren und sie aufhalten!“ Ian hatte
eingesehen, dass es keinen anderen Weg mehr gab, als Widerstand zu leisten.
.: NYPD Präsidum: 298 Classon Avenue :.
Geschockt saß Abigail neben Dwight, der
einen wahrhaftigen Seelenstrip hinter sich hatte. Er hatte alles erzählt, aber
wirklich alles. Von den Dämonen, von den Göttern, von Tylers Fähigkeiten, seiner
Bestimmung und von Dwights wahrem Ich. Das alles musste Abigail erst mal
verarbeiten und es passierte selten, dass die taffe Polizistin sprachlos war und
kein Ton herausbekam, aber nun war sie das. Ihre Hautfarbe veränderte sich vor
Aufregung, ihr Glos im Hals, wurde immer größer. „Sie
nehmen mich nicht auf dem Arm, stimmt‘s?“ Sie
wollte wieder langsam Fußfassen und räusperte einmal stark. „Ich
habe Ihnen doch gesagt, dass Sie mir nicht glauben würden.“
„Das habe ich nicht gesagt, es klingt eben alles
absurd, verstehen Sie? Ich wurde gelehrt, dass es für alles eine Erklärung gibt,
aber Hexen und Vampire…? So etwas gibt es nicht, zumindest habe ich es bis jetzt
geglaubt.“
„Aber es gibt sie wirklich. Die Brüder Alex und
Andy Burks sind zwei Beispiele für Werwölfe. Haben Sie die Mordfälle
mitbekommen? Seit Monaten ist die NYPD dran, Andy Burks festzunehmen, aber
schaffen es nicht, weil er untergetaucht ist. Die Mordopfer wurden das Herz
rausgerissen, weil er diese aufgefressen hat… Wir suchen auch verzweifelt nach
den ganzen Dämonen, weil wir sie aufhalten wollen.“
„Also sind Sie auf unserer Seite?“,
fragte Abigail verunsichert. „In einer Art und
weise schon. Tyler und die anderen versuchen die Menschen vor dem Bösen zu
retten, und Sie, die Bürger vor den Kriminellen.“
„Können Sie mir Ihre Fähigkeiten zeigen, nur als
Beweis?“ Abigail schien Dwight langsam zu glauben,
da die Mordfälle und die wirklichen Hintergründe nachvollziehbar waren. „Geben
Sie mir mal ein Stift.“ Hastig kramte sie in ihrer
Uniform und holte einen Kugelschreiber hervor. „Legen
Sie diesen auf den Tisch.“ Sie tat was er von ihr
verlangte. Gespannt wartete die Polizistin, was nun passieren würde. „Was
wollen Sie…“
Beide wurden von Officer Hovan unterbrochen, die aufgeregt die Tür aufriss und
panisch mit den Augen hin und her zuckte, ohne sie wirklich kontrollieren zu
können. „In der U-Bahn herrscht das reinste
Massaker-Chaos, im Minutentakt trudeln Telefonate mit aufgeregten Personen am
anderen Hörer ein. Ich habe schon versucht, den jeweiligen U-Bahn-Fahrer zu
kontaktieren, aber er nimmt einfach nicht ab. Officer Macintosh ruft gerade die
Zentrale an, da sie uns weiterhelfen müssen. Kommen Sie schnell mit!“
Abigail warf einen kurzen Blick auf Dwight, der aufmerksam zugehört hatte und am
liebsten aufgestanden wäre um seine Hilfe anzubieten. Stattdessen blieb er aber
ruhig und wartete ab was passieren würde. Würde Abigail ihn fragen, ob er ihnen
bei der Sache helfen sollte? „Führen Sie ihn in die
Zelle! Wir kümmern uns später um ihn.“ Völlig
verblüfft riss er seine Augen weit auf. Hallo? Waren sie nicht gerade dabei,
Freundschaft zu schließen? – Natürlich im übertragenen Sinne. Er fiel wie aus
allen Wolken, als die zwei männlichen Polizeibeamten ihn abführten. Abigail
starrte Dwight noch hinterher und schien völlig durcheinander gewesen zu sein.
Als niemand mehr anwesend war,
erschienen daraufhin Tyler und Carmen im Vernehmungszimmer. „Das
Efgenia-Buch hat wirklich seine Vorzüge“, stellte
Tyler begeistert fest. Carmen nickte bestätigend. „Ich
bin echt froh auf das Buch gestoßen zu sein. Sicherlich wird uns das Buch auch
in Zukunft weiterhelfen können. Glaubst du, dass die Propheten Dorimédon, den
Sohn von Phoibe aufspüren können? Was ist, wenn er vor Jahrhunderten gestorben
ist und das Schwert somit für immer im Verborgenen bleibt?
Sie zuckte mit den Schultern. „Hoffen wir, dass er
noch irgendwo erreichbar ist. Aber nun müssen wir schauen, wie wir Dwight hier
rausbekommen und wie wir meine Mitarbeiter austricksen können. Wartest du vor
dem Präsidium, bis ich dir eine Rückmeldung gebe?
Drück mir die Daumen, okay?“
Noch bevor Tyler etwas sagen konnte, murmelte Carmen leise vor sich hin und mit
einem Schnipsen löste er sich unentwegt auf. Carmen holte tief Luft und lief aus
dem Zimmer, direkt zu den anderen, die versammelt um den Arbeitsplatz von
Officer Hovan standen. „Wir müssen alle
zusammentrommeln. Ruft die Streifenwache an, sie sollten zur Utica Avenue fahren
und alles evakuieren, während ein Teil versucht von der Hoyt - Schermerhorn
Street, die U-Bahn zum Stillstand zu bringen. Alle U-Bahnen sollen Fahrverbot
erhalten… Wir werden aufbrechen und bei Stillstand nach dem Rechten schauen!
Ruft die Notärzte an, die sollen in der Utica Avenue unten in der U-Bahn Station
bereitstehen.“
Carmen schaute interessiert über den Rücken ihrer Kollegin auf den Bildschirm
und erhaschte ein Zombiebild. Verschreckt zuckte sie zusammen. „Was
ist passiert?“, wollte sie wissen. „In
der A-Line sind Personen verrückt geworden, und greifen die Fahrtgäste an. Sie
überfallen Personen brutal und zerfleischen sie wie wild gewordene Tiere. Das
reinste Chaos, sag ich Ihnen! Es scheint das vollste Massaker zu werden.“
Detective Claridge holte dann tief Luft. „Gut das
Sie da sind, denn sie können gleich mit uns mitkommen und uns bei dem Fall
helfen.“
***
Pünktlich um 23:08 Uhr hielt die G-Linie in der Hoyt Schermerhorn Street Station an. Von der Fulton Street aus war die U-Bahn vier Blocks weiter gefahren, überquerte die Flatbush Avenue in der Nevins Street und die Bonds Street, wo sich die Arbeitsagentur Workforce One Career befand. Danach wechselte Claire in die A-Linie, die in der Jay Street anhielt. Dort stieg sie aus, während Max weiter in die Willow Street fuhr. Die U-Bahn Station war zu dieser späten Stunde nicht so überfüllt wie tagsüber, wenn die ganzen Arbeiter von der Wohnung und der Arbeitsstelle pendelten. Auch die Schüler und Studenten oder Mütter mit ihren kleinen Kindern waren zu dieser Uhrzeit nicht mehr in Sichtweite. Stattdessen warteten drei Skater, die um die 18 Jahre alt sein dürften, ein älterer Herr mit seiner Ehefrau und vier Frauen ihren Alters auf die jeweilige Bahnverbindung. Claire benötigte ungefähr eine viertel Stunde bis nach Hause und das würde sie mit einem Telefonat mit ihrer Schwester, Brooke Nolan, verbinden. ‚Gott meint es gut mit mir, mit dem Bericht und Dwight. Er meint es wirklich gut mit mir und will meine Karriere fördern‘, dachte Claire glücklich und öffnete ihre Handtasche. Noch bevor sie nach dem Handy greifen konnte, fing diese an zu klingeln. War es ihre Schwester? Nein, es war Max, der ihr ein abscheuliches Bild von einer blutigen Person mit Zombiegesicht schickte. Im Hintergrund waren noch einige zombieartige Personen, die über die anderen Personen herfielen. Einer von ihnen schaute direkt in die Kamera, was Claire eine ungeheure Gänsehaut bescherte – bestialisch. Einfach nur der blanke Horror. War das wieder einer der Bilder von einem Horrorfilm? Max wusste doch, dass sie solche Filme nicht mochte, und dennoch schickte er ihr hin und wieder solche Bilder. Was wollte er damit bezwecken? Das Handy klingelte erneut und diesmal rief er sie direkt an. „Du bist so widerlich, weißt du das?“, schimpfte die Reporterin verärgert.
Claire sah wie die U-Bahn angerast kam,
zu schnell um hier gleich anhalten zu können, obwohl sie das eigentlich müsste.
Keiner hätte wohl aussteigen oder einsteigen können, doch laut Plan musste sie
hier ein Zwischenstopp einlegen.
„Dieses Bild hat sich innerhalb von wenigen Minuten
im Internet verbreitet. Das ist kein Schnappschuss von einem Film, nein, das
passiert gerade in der A-Linie, die gleich bei euch ankommen müsste. Claire es
gibt sie wirklich. Zombies gibt es wirklich! Entferne dich von der U-Bahnstation
so schnell wie es geht. Verschwinde! Renn weg!“ Max
hörte die U-Bahn im Hintergrund, wie sie immer lauter wurde, und nach knapp zehn
Sekunden wieder leiser wurde, weil sie an den Gleisen vorbeigesaust war. Es war
so laut, das er glaubte, sogar den Boden vibriert gehört zu haben. Claire stand
mit weit aufgerissenen Augen da. Wie angewurzelt bewegte sie sich kein
Zentimeter. Kurz zuvor sah sie, wie sich die Menschen in der U-Bahn panisch an
den Ausgängen gezwängt hatten, aber nicht herauskamen. Fast überall an den
Fensterscheiben klebten Blutspritzer, oder verschmierte, langgezogene
Handabdrücke. Es glich einem Horrorzug, falls es so etwas zuvor überhaupt
gegeben hatte. Bevor die U-Bahn jedoch an ihr vorbeigesaust war, hörte sie noch
eine Fensterscheibe zu Bruch fallen und in der nächsten Sekunde spürte sie einen
stechenden Schmerz in ihrer Brust. Als sie gelähmt an sich hinunterblickte
erkannte sie, wie sich eine zerbrochene Scherbe in der Größe eines Ahorn-Blatts
durch ihre Klamotten direkt in ihr Herz gebohrt hatte.
Der Schock überspielte
den tatsächlichen Schmerz, den Claire eigentlich hätte empfinden müssen.
Innerhalb weniger Sekunden hatte sich das Blut auf ihrem Oberteil verteilt und
als der Schock nachließ, kam der Schmerz – Der tödliche Schmerz. Sie klappte
zitternd zusammen, ließ ihr Handy aus der Hand fallen, die Tasche von ihrer
Schulter gleiten und landete hart auf den Boden. „Claire?
Claire! Bist du noch da?“ Aus dem Handy fragte Max
besorgt nach seiner Arbeitskollegin, weil er ein kurzes Stöhnen gehört hatte und
seitdem keine Antwort mehr von ihr bekam. Er würde erst in einer halben Stunde
durch die Nachrichten erfahren, dass Claire tödlich verunglückt war und deshalb
nicht antworten konnte, danach würde er zum Laptop greifen, seine Familie und
Freunde vor Zombies warnen und im Internet nach Möglichkeiten suchen, wie er
sich vor den Zombies schützen konnte.
Die drei Skater versuchten sofort zu helfen, während die ältere Dame zusammen
mit den vier Frauen angefangen hatte, hysterisch zu schreien und
hyperventilieren. Sie hatten so was noch nie gesehen und weinten fürchterlich,
schluchzten, keuchten und kamen einfach nicht zur Ruhe. Es war viel zu schlimm!
***
Tyler wartete im Auto vor dem Präsidium, seine Augen visierten die Tür an, wartend, dass etwas passierte. Nebenbei lief leise das Radio, zu hören war Carry On Wayward Son, von der Band Kansas, die seiner Meinung nach nur mit dem Song, größere Erfolge feiern konnten. Tyler mochte das Lied, und so summte er leise mit. Das Handy vibrierte in seiner Hosentasche. Als er abnehmen wollte, wurde er jedoch von einer langen und zeitnahen Vision heimgesucht, die dadurch das Telefonat mit seiner Frau verhinderte.
***
Tyler sah wie zwei Polizeibeamte in
einem U-Bahntunnel ratlos vor dem Sicherungskasten standen. Der eine nahm das
Funkgerät in die Hand. „Hey Hovan, was hat der Mann
von der Zentrale nochmal gesagt? Welchen Knopf sollen wir drücken?“
Ein Rauschen ertönte aus dem Gerät. „Ein roter
Knopf und darüber muss eine Gleisnummer stehen.“ „Du
bist witzig, woher sollen wir wissen, welche Gleisnummer die richtige ist?“
Kurze Stille, dann kam wieder das Rauschen, bevor Officer Hovan sprach. „Irgendwo
seitlich am Rand der Gleise stehen in regelmäßigen Abständen die Gleisnummern.
Seht ihr sie?“ Der andere lief ein Stück der
Gleisen entlang und hielt Ausschau nach der Nummer. „Nummer
422.“
„Alles klar Hovan, danke.“
Der Polizist öffnete den Sicherungskasten und drückte gezielt auf den roten
Knopf woraufhin ein Zischen folgte. Dann hörten sie wie die Gleise verschoben
wurden und danach laute Bremsgeräusche. „Der von
der Zentrale meint, dass die U-Bahn gleich kein Saft mehr bekommt und nun bald
stehen bleibt“, tönte es aus dem Funkgerät. „Yieha!“
Voller Freunde ließ der Polizist einen Freudenschrei los, doch dann verstummte
er ruckartig, als er und sein Partner lautes Quietschen und Poltern, gefolgt von
einem lauten Knall hörte. „Verdammt, was war das?“
Beide rannten die Gleisen hinunter, dicht gefolgt von Tyler, der in seiner
Vision scheinbar für die Anwesenden nicht zu sehen war. Gut, so musste der
Anwalt zumindest keine Erklärung parat haben, wieso er auf einmal bei ihnen
aufgetaucht war. Als kleines Kind wollte Tyler immer schon mal, im Tunnel der
U-Bahnstrecken umher spionieren, doch mit dem Alter verlor er das Interesse
daran. Sie rannten eine lange Strecke des Tunnels hinunter, die wirklich dürftig
beleuchtet war. Nach ungefähr sieben Minuten Dauersprint, konnten Tyler und die
Beamten sehen, was sie der U-Bahn zugestoßen war. Völlig zerstört und in
mehrere Teile umgekippt. Überall lagen die verletzten Personen, verteilt auf den
Gleisen, hängend über den zerbrochenen Fensterrahmen oder weitaufgerissenen
Türen. Der Anblick war in allen Maßen grausam und erschreckend. Einsame
Körperteile lagen meterweit entfernt von den jeweiligen Personen.
So hatte ein fremder Arm das Gesicht einer toten Frau verdeckt, während ein
abgerissener Bein noch an der Tür hing, und die Person mit dem fehlenden Bein
drei Meter weiter weg auf dem Boden in einem unmöglichen Winkel lag und das
Genick gebrochen hatte. Unmengen von Blut und Erbrochenem, Stücke von Gedärmen
und Innereien hatten sich überall verteilt. „Ach du
Kacke“, faselte der eine neben sich getreten,
woraufhin der andere im Folge des Anblicks sich übergeben musste.
Der Mittelteil der U-Bahn hatte sich Quer verschoben und Menschen die
hinausgeschleudert wurden, unter sich begraben. Der hintere Teil schien am
wenigsten von dem Unglück betroffen zu sein. Sie hörten, wie die Scherben zu
Bruch gingen, dann hysterische Schreie. Tyler und die NYPD-Angestellten, hetzten
an den tödlich verunglückten Fahrtgästen vorbei, zu den hinteren Waggons, wo
Türen aufgebrochen wurden und Menschen, die teilweise leicht oder schwerverletzt
waren, hinausstürmten und sich in Sicherheit bringen wollten. Der größte Teil
rannte den Tunnel hinunter, in die Richtung, wo es langsam heller wurde und
besser beleuchtet war. Tyler erblickte in der Menge Hope und Ava, die
orientierungslos den Kopf hin und her schwankten, während um sie herum das Chaos
ausgebrochen war. „Ist mit ihnen alles in Ordnung?“,
fragte der eine Polizist Ava, die in ihrer Hand noch den Revolver hatte und
größtenteils ungeschadet davon kam. Außer einigen kleinen Schnittwunden und
Prellungen hatte sie nicht viel abbekommen. „Ich
denke schon.“ Sie hielt besorgt Ausschau nach Ian,
der durch den Zwischenfall in der U-Bahn hin und her geschleudert wurde. Sie
hoffte inständig, dass er nicht zu denen gehörte, die die U-Bahn in den Tod
gerissen hatte. Ungewissheit. Bangend um sein Leben.
Dann wurde er zum Glück gesichtet. „Oh
mein Gott, Ian!“ Hope humpelte überglücklich zu
Ian, der aus der Tür gekrochen kam. Seine Schulter wurde bei dem Zusammenprall
ausgekugelt, die er wieder zurecht rückte, nachdem er wieder einigermaßen auf
den Beinen stehen konnte. Ava jedoch zuckte mit den Augen, als sie die klaffende
Wunde an seinem Unterarm erblickte. „Verschwindet“,
sagte Ian erschöpft und als Hope seine Worte ignorierte wurde er lauter. „Ihr
sollt verschwinden hab ich gesagt! Ava gib mir den Revolver, dann kann ich sie
ablenken und ihr hättet Zeit euch in Sicherheit zu bringen.“
Ians Ton ließ keine Diskussion zu. „Die Kreaturen
sind nicht tot, also verschwindet jetzt.“ Kaum
hatte Ian das angesprochen, bewegten sich am anderen Ende mehrere Personen, die
bereits für tot erklärt wurden. Vereinzelnde Personen drückten sich nach und
nach vom Boden ab und hinkten verwirrt umher, stöhnten und brummten vor sich
hin...